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Die Welt · 1899-03-03 · 9 (3.3.1899) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
9 (3.3.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-03-03
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 „Die Welt“ Nr. 9 Die einzigen Menschen, die ausser der zahlreichen Dienerschaft in der byzantinischen Villa Zutritt erlangten, ., waren Dr. David und Pfarrer Josef. Nach wie vor rangen diese beiden Männer um denfi Besitz des siechen Kindes. Der dumpfe Widerstand war nach ' und nach in offene Feindseligkeit ausgeartet. Begegneten sie sich ausserhalb des Krankenzimmers, so grüssten sie sich kaum. Sie mieden es, so gut es gieng, bei Jonathan zusammenzutreffen. Liess sich letzteres jedoch nicht umgehen, so mussten sie freilich gute Miene zum bösen Spiele machen, denn Jonathan wollte keinen von ihnen missen, und der Streit hatte sie noch nicht soweit entmenscht, um am Lager des^ Kianken dem Unfrieden Ausdruck zu geben. •? Josef fiel in diesem Kriege die dankbare Bolle desl Eroberers zu. Nach wie vor kam er fast täglich, um mitf Jonathan „Festung" zu spielen und jedesmal, wenn er wieder gieng, liess er im Herzen seines Partners ein Samenkorn des christlichen Glaubens zurück. Bald war es das Interesse für ein Werk der Nächstenliebe, bald eine poetische Heiligenlegende, die er zwischen zwei Partien erzählte. Kaum also war der Pfarrer gegangen, so sass schon Dr. David am Krankenlager und suchte durch die Begeben-' heiten der jüdischen Geschichte die Phantasie des aufgeweckten Kindes vom Christenthume abzulenken. Diese Taktik befolgten die beiden Gegner nun bereits über vier Monate, ohne irgendeinen nennenswerten Erfolg zu erzielen. Bald schien sich der Sieg dem Pfarrer zuzuneigen, bald sich an die Fahne des Arztes zu heften. Vielleicht hätte keiner von ihnen den endgiltigen Lorbeer errungen, wenn nicht der Geistliche einen Trumpf ausgespielt hätte, auf den der kluge Doctor nicht gerechnet. Mit einem Schlage sollten die Hilfstruppen des Arztes gänzlich lahmgelegt werden. Und das kam so. Während der ersten December-Woche war Di. David durch ein Unwohlsein verhindert worden, seinen täglichen Besuch in der byzantinischen Villa abzustatten. Als er wieder vorsprach, fand er Jonathan eifrig damit beschäftigt, eine räthselhafte Inschrift, die der Pfarrer ihm aufgeschrieben, zu lösen, während der dicke Baron Moritz sanft in einem breiten Lehnstuhle schlummerte. In einer Fensternische hielt der Kammerdiener Karl, in einem Buche blätternd, Wache, da der strenge Befehl gegeben war, den blödsinnigen Vater keinen Augenblick mit dem siechen Sohne allein zu lassen. Um das durch die mehrtägige Abwesenheit an Pfarrei- Josef verlorene Terrain wieder zu gewinnen, hatte sich Dr. David für heute eine besonders farbenreiche Erzählung aus der Geschichte Israels zurecht gelegt, der das Auftreten Sabbatai Zewis und die an ihn geknüpften messianischen Hoffnungen zugrunde lagen. War dieser Stoff allein schon anregend genug, so wusste die plastische Erzählungskunst des greisen Arztes um die kernigen Gestalten dieser bewegten Epoche einen zauberhaften, geheimnisvollen Schleier zu weben, so dass sie auf die Phantasie eines Kindes mächtig wirken musste. Seihst Baron Moritz war aus seinem Schlummer erwacht und versuchte, so gut es bei seinen schwachen Geisteskräften möglich war, dem Faden der Erzählung zu folgen. Als aber Dr. David mit beredten Worten schilderte, wie der messianische Taumel allmählich auch die gebildeten, . nüchternen europäischen Gemeinden ergriff, und man sich allen Ernstes zuraunte, in Nordschottland habe sich ein Schiff mit seidenen Segeln und Tauen gezeigt, das die verlorenen zehn Stämme Israels zurückführe, da verzog der Blödsinnige vor Freude den breiten, zahnlosen Mund zu einem unschönen Grinsen und klatschte in die fleischigen idande. Die Geschichte schien den Sohn . Isaks höchlich zu -belustigen. Er musste ganz vergessen haben, dass es sich hier um Begebenheiten aus dem 17. Jahrhunderte handle, denn plötzlich riei er den Kammerdiener zu sieb. „Karl/ befahl er ihm mit gurgelnder Stimme, „Karl — haben Sie gehört? Die verlorenen zehn Stämme kommen! Gehen Sie schnell zu den Antisemitep und sagen Sie es ihnen! Sie werden eine Freude haben — oh, eine grosse Freude! Und ich gönne es ihnen — denn ich bin gut — ja, gut — das gute Thier!" Wenn sich bei Baron Moritz derartige Erinnerungen und Anklänge an jenes durch Isak gestörte Bacchanal in Paris zeigten, so galt es immer als ein Zeichen langanhaltender Erregung; und er suchte dann regelmässig der ihm damals beigelegten schmeichelhaften Bezeichnung Ehre zu machen. Man beeilte sich daher, ihn schleunigst aus Jonathans Nähe zu entfernen, was umso dringender geboten war, da sich der Dicke, war er nur einmal im Zuge, an dem eigenen lallenden Blödsinn wie ein Redner an der Kraft der eigenen Sprache berauschte und immer ungereimtere und unfläthigere Dinge hervorstiess. Nach dieser Unterbrechung wollte Dr. David den Faden seiner Erzählung wieder aufnehmen. Allmählich begann es im Zimmer zu dunkeln. Durch die grossen Fenster hatte man den Ausblick in den weissen, winterlichen Garten, dessen bereifte Baumkronen wie starre, unerbittliche Mahner des Todes durch die hohen Scheiben in das prunkvolle Gemach hereinlugten. Im Kamine prasselte ein helles Feuer und warf sein unstetes, flackerndes Licht auf die zunächst liegenden Gegenstände. Träumerisch und theilnahmslos blickte Jonathan von seiner Bahre aus in die rothflammende, knisternde Glut. Vergebens suchte Dr. David, durch seine Erzählungskunst das Interesse des Knaben zu fesseln. Ja — als der Arzt um Licht klingeln wollte, wehrte es ihm der Kranke mit den Worten: „Lass' uns lieber ein wenig im Halbdunkel plaudern!" „Nein, nein!" widersetzte sich David, „das ist nichts für kranke Leute!" „Eben über meine Krankheit will ich mit Dir reden / erwiderte das dreizehnjährige Kind altklug. „Sag’ mir ehrlich — kann ich wieder gesund werden?" Während der zwei vollen Jahre, die der Knabe nun schon auf der Bahre lag, hatte er noch nie den leisesten Zweifel an seiner Genesung ausgesprochen. Er hatte sein Leiden mit jener stoischen Ruhe, die kranke Kinder auszeiclmet, als etwas Unabwendbares hin genommen. Die unerwartete, hoffnungslos klingende Frage presste dem alten Doctor die Kehle zusammen. Er wusste ja nur zu gut, dass man mit einem derartig vergrösserten Herzen nur eine kurze Spanne Zeit leben konnte. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten der Redaction. Zionisten, Horodenka. Herzlichsten Dank und Gruss. Freunde in Prag. Besten Dank und Gruss. Purimfeier Mariahilf-Neubau. Herzlichen Gruss und Dank. IV. L., Podgörze. Bei S. Calvary & Co. in Berlin. A B. jr., Stanisiau. Vielleicht „Wiener Kaufmännische Zeitschrift" oder „Wiener Handelsblatt". J. U , Tarnopol. Wir bitten, sich an den nächsten Zionsverein wenden zu wollen. Anonymes beantworten wir nicht. 8. 8, stud. jur., Monast. Brief am 20.. Februar an Sie gesendet. Gross. Aliquis, Warschau. Ersuchen um die Nummer Ihres Abönnementscheines. Herausgeber: V. Laschaurr. Berarrtw. Red.: Dr.Siesm. Werner. Buchdruckerei «Industrie" (S. Bergmann), VH!., Schl-ffelg. 11

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