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Die Welt · 1899-03-03 · 9 (3.3.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
9 (3.3.1899)
Article
Das Theater und die Juden
Date
1899-03-03
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 Wt>ie%$r wickelte, wo Künstler als Gottesdiener auftraten und der Gottesdienst an die Künstler als Anreger und Schirmer appellierte. Mein es kamen nicht viele heitere Männer nach David, und als die lange, anderthalb Jahrtausende und darüber währende' Unterbrechung des jüdischen Culturlebens eintrat, schlummerten diese Gaben und wohl auch der Sinn für sie in der Wiege ein. Es war spät an der Zeit und im Abendlande, als sie wieder erwachten. . Unermesslich waren die Eindrücke, welche ans die Juden einstürmten, als sie das Ghetto verlassen und theilnehmen durften an allen Arbeiten der Cultür. Wie von einem'riesigen Wirbel mussten ihre Triebe sich erfasst fühlen, ihre Instinkte und Talente. Ich glaube, es ist unmöglich, dass sie damals das richtige Bewusstsein ihrer Besonderheit, die wahre Abschätzung ihrer eigenen Werte haben konnten. Sie mussten ja» als die Parvenüs einer geistigen und leiblichen Freiheit, alle/ anderen verehren, die immer ihre Herren gewesen, die jetzt ihre Lehrmeister waren, und sie waren damals leicht irre zsi machen an den eigenen Fähigkeiten. Man sprach ihnen deninneren Beruf zur Kunst ab, noch ehe sie sich recht erprobt hatten, und man fuhr fort, ihnen diesen Beruf abzusprechen, als sie schon Proben zu liefern begonnen. Aber da merkten sie bereits die Gehässigkeit und waren auch schon urtheilsfähigevr Freilich, ihre Besinnung erlangten sie erst nach und nach. Aber woranf sie sich etwa beziehen konnten, wie weit lag das alles zurück, wie weit war das, als ein jüdischer König vor der Bundeslade tanzte, als Israel der Lehrmeister der Völker gewesen. Ihr Adel war gar zu alt, um sie jetzt noch vor dem Parvenü bewahren zu können. Er galt nichts, da er nach Jahrtausenden rechnete, wo die Welt nur mit Jahrhunderten' zu hantieren gewohnt war. Die orientalische Lust am Scheine trieb die Indem zum Theater. Hier, in dieser Welt der Vorstellungen, in diesem Carneval sinnreicher Verkleidungen, durften sie/ den Juden ablegen. Auf den Brettern dursten sie voll-, ends aus dem Ghetto herausschreiten und einLiehen in alle Reiche, deren Grenzen ihnen bisher versperrt gewesen. Das Theater war eine sinnfällige Befreiung aus langer Abgeschlossenheit. Sein« Heiterkeit weckte alle heiteren Gefühle in diesem greisen, umdüsterten Volke, seine Leidenschaft nahm alle die Vehemenzen anf, die in dieser glutäugigen, heißblütigen Rasse gefangen tobten. Sie nahmen die Harfen, so da hingen an den Weiden zu Babylon, und konnton wieder singen, ' wieder tanzen. Dawison heißt der erste jüdische Schauspieler, u beziehungsreich mit Namen, welcher auf der deutschen Bühne - großen Ruhm erworben. Kaum mehr als ein halbes Jahrhundert ist seither ver-' gangen, und die Juden haben der deutschen, der französischen und englischen Bühne viel bedeutende Künstler gegeben. Tragische und komische, Sänger und Sängerinnen. Ob sie das Theater / wesentlich beeinflußt haben? Ich glaube nicht: gewiss nicht als Inden. Denn das Theater ist eine durchaus nationale Anstalt, . und die Grnndzüge seines Wesens sind durch unumstößliche Gesetze bestimmt. Sicher haben sie ihm Elemente zugebracht, , die der Schauspielkunst gelegentlich ein tieferes, wohl auch ein" grelleres Colorii verliehen. Sie haben nach der sinnlichen, wie,, nach der mystischen Seite hin, sehr stark gewirkt. Die Sinnen- - lust der Juden, die wir ganz ruhig eingestehen können, hat ' Liebesscenen dunkler gefärbt, große classische Tragödien bekamen ' durch sie einen wuchtigen Zug ins Dämonische. Ihr Temperament suchte alle aufwühlenden und hinreißenden Mächte, um ■ sich völlig auszuleben, und brannte desto heller, je leidenschaft- / sichere Empfindungen der Gestaltung harrten. Sie haben sich grüblerisch in geheimnisvolle Seelen versenkt, haben Gedankenspuren bis in unheimliche Tiefen verfolgt, und sind ’ auf den Pfaden des Humors in einigen, wirklich neuen Gangarten. einhergeschritten. Ihren thatsächlichen Einfluss auf die Bühne," das, was heute nach kurzen sechzig Jahren jüdischer Schauspielerei als die „Berjudilng des Theaters" ebenso schmeichelhaft - als fälschlich ansgernfen wird, möchte ich unerörtert lassen. Ich " ' Well" Seite 15 glaube, dass dieser Einfluss vorläufig noch gering ist. Nur den Wurzeln der jüdischen Begabung sei hier, nachgespürt, soweit sie nicht dort haften, wo überhaupt menschliche Begabung keimt. Was die Juden so sehr' zum Theaterspielen befähigt, ist das Resultat eines unermesslich langen Außenstehens und Beobachters. Der Atavismus, welchen die modernen Inden besitzen, ist die lange Kritik, des Zuschauers. Sie sind Znseher gewesen, bevor sie' Theilnehmer sein durften am allgemeinen Weltleben, und sie haben mit den scharfen Angen des Unterdrückten beobachtet, mit der beständig gereizten, immer pararen Aufmerksamkeit des Misshandelten Kritik geübt.' Dies« Kritik hat sich durch die Beweglichkeit der Juden bis - zur Prodnctivilät gesteigert. Selbst da, wo bereits wirkliche, künstlerische Gestaltungskraft waltet, kann man diese atavistische Kritik noch wie eine leise mitsummende Unterstinime heranshöre». Man kann es wahrnehmeu, wie sie in das innerste Wesen der darznstellenden Menschen sich eingebohrt hat, wie sie diese Menschen enthüllt, analysiert, und mün merkt ihr immer — je nach den Figuren — die Liebe, die Verachtung oder den Spott des einstigen Zusehers an. Der jüdische Hohn, gefürchtet und original, wie einst im Alterthume die, Ironie der Aegypter, hat auf der Bühne wirklich neues geschaffen. Dieser furchtbare Witz, der mit einer Grausamkeit und einem Ungestüm verfährt,- als. wvlle er Vergeltung üben. Dieser Spott» der alle Schwächen und Lächerlichkeiten aus den heimlichsten Verstecken aufspürt, hat immer überrascht und überwältigt. In ihm sprudelt diese langverhaltene Kritik hervor, weHö die' Jüdett^ an allen Zuständen, an allen Völkern und an sich selbst, am schärfsten, geübt haben. Er ist unangreifbar, denn er ist stets bereit, sich selber anfzugebe», ja er scheint ays tiefen Traurigkeiten empörzukoNimen und nur, wie im Rausche des Augenblickes, befähigt, seine, tausendfältigen Verwandlungen zu. durchjagen»-: Die : jüdisch« Phantasie, ist sein Gegengewicht. Sie 'ist /die große Srregerin -■ jüdischer Schauspielerei. Diese Phantasie, die lange in finsteren Stücken geträumt, die gesättigt ist von den herrlichen Wundern der Vorzeit, angefeuert von dem unerreichbaren Glanze der Mitwelt, melancholisch durch ihre Sehnsucht nach lichten Höhen, aus welchen Juden nicht geduldet wurden, bildet und formt nun im jüdischen Schauspieler ihre Dichtungen. Sie macht ihn zum Kaiser, zum Helden, zum Weltmanne, sie gewährt ihm die Erfüllung aller Wünsche, nach denen die Menschlichkeit der Juden trachtet. Das Theaterspielen der Inden ist mehr noch als jede ihrer Knnstübungen von Nachahmung frei. Es ist ihnen organisch, und die national-jüdischen Theater, die von Galizien bis nach Amerika überall entstehen, zeigen an, wie sehr diese Kunst aus einer wahrhaften Bolksthümlichkeit bei ihnen entsteht. Was ihnen eigenthümlich bleibt, wo immer sie auch spielen, was immer sie auch verkörpern, ob sie tragisch oder lustig, ernst oder höhnisch austreten, immer ist es der tausendjährige Schmerz des Judenthums, den sie agieren. Er haftet an ihren traurigen und an ihren fröhlichen Mienen, und ist kenntlich von Hamlet an bis znm Simon Dalles, in der Klabriaspartie. F» S. Oie Goldschilds. Roman ans dem Ende des 1^. Jahrhunderte von Friedrich Fürst Wrede. ~ (38. Fortsetzung.) ..Es wäre wahrhaftig schwer zu entscheiden gewesen* welcher Anblick trauriger wirkte —der des blassen, schönen Knaben auf der Bahre öder der des läppischen* buntgekleideten Mannes,, dessen unsicherer,' zappelnder Schritt die Gehirnkrankheit verrieth; , v — : Der iippige Biumehflor undde*/kihistii&ic den die Millionen des Baron Isaic seinen KaeWoMMen als Rahmen in dieser , Zeit des Welkens und .Sterfeens hervor- ^anberten, erhöhte > iiur den entsetzliehen' Eindruck dieses Bildes. ' ' ' ’ : 1 ’ r

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