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Die Welt · 1899-03-03 · 9 (3.3.1899) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
9 (3.3.1899)
Article
Amerikanische Einwanderungs-Statistik
Date
1899-03-03
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 Seite 9 „Die A Welt4* 113 männlichen und 74 weiblichen Geschlechtes sind. Die Zahl der jüdischen Einwanderer, die auf Kosten ihrer amerikanischen Verwandten kamen, beträgt 118. Auf die einzelnen Länder vertheilen sich die ausgew änderten Jaden folgendennassen : Rus s 1 and 146, Galizien 10, Rum ä n i e n 9,Oesterreich (mit Ausschluss Galiziens) 6, Deutschland 5, Schweden und Norwegen je 1. Ihrem Berufe nach gibt es unter ihnen 41 Handwerker; die Beschäftigung der übrigen ist unbekannt. Von Philadelphia reisten sie nach 15 verschiedenen Ortschaften. — 3m gleichen Monate des Jahres 1897 betrug die Zahl der Einwanderer 502, darunter 119 Juden. Eine neue jüdische Coionie ist unlängst durch Baron H. Günzburg mit Bewilligung der russischen Regierung in Bessarabien gegründet worden. Dieselbe führt den Neunen Rossianka und hat eine Ausdehnung* von 500 Desjatinen. Davon werden 400 Desjatinen für 20 Ackerbauer parcelliert, die restlichen 100 Desjatinen aber sollen als gemeinsames Weideland Verwendung finden. In die neue Coionie werden nur gewesene Zöglinge von Ackerbauschulen, die ihre agronomischen Studien vollendet haben, aufgenommen, doch machen ausgediente Soldaten, die etwas von der Feldarbeit verstehen, eine Ausnahme von dieser Regel. Die erforderlichen Baulichkeiten und Stallungen w ird der Baron aufführen lassen, Vieh und Ackergeräthschaften jedoch wird sich jeder Colonist aus eigenen Mitteln anschaffen müssen. Die Abzahlungs-Modalitäten sind so geplant, dass sämmtliche Colonisten nach 28 Jahren schuldenfrei und unabhängig dastehen sollen. Es ist den Colonisten nicht gestattet, ihre Grundstücke zu verpachten oder irgendwelche Arbeit durch andere verrichten zu lassen, es sei denn im Falle ‘einer ernsten Krankheit. — Dem Vernehmen nach trägt sich Herr Lazar Bro dsky in Kiew mit dem Gedanken, auf seinen bei Odessa gelegenen Gütern eine ähnliche Coionie zu errichten. Neues aus den argentinischen Colonien. Aus Buenos Aires kommen höchst betrübende Nachrichten überden Ausfall der heurigen Weizen ernte in den jüdischen Colonien Argentiniens. All die Hoffnungen, denen sich die Bewohner der Colonien von Entre Rios hin gaben, nachdem in diesem Jahre die Heuschrecken etwas weniger zahlreich aufgetreten waren, sind buchstäblich zu Wasser geworden. Kaum hatten nämlich die armen Colonisten mit dem Schnitte begonnen, als heftige Regengüsse niedergiengeii und sie an der Fortsetzung der Erntearbeiten hinderten. Der anhaltende Regen hat nicht bloss die bereits geschnittene Frucht total zunichte gemacht, sondern auch auf das stehende Getreide ausserordentlich schädlich eingewirkt. Die Noth unter den Colonisten ist sehr gross. Wie das in Buenos Aires erscheinende Jargonblatt „Der Phonograph“ meldet, haben sich 60 Familienväter aus der Coionie „Feinberg“ an eine jüdische Wohlthätigkeits-Gesellschafo in Buenos Aires um Unterstützung gewandt, indem sie angab er, dass sie schon zwei Wochen mit trockenem Brote ihr Leben fristeten. In Anbetracht dessen, dass in Argentinien die wohlfeilen Nahrungsmittel, mit denen sich die Armut anderwärts behilft, wie Kartoffeln, Häringe etc., unerschwinglich sind, erscheint die Angabe der bedauernswerten Colonisten keineswegs als übertrieben. Die Baronin Hirsch hat kürzlich für die armen Juden Algiers 2 Millionen Francs gespendet. Die Judenfreundlichkeit der Amerikaner. Man berichtet aus New-Yorlc : Der hiesige Judenmissionär Leopold Cohn, ein getaufter Reformrabbiner, der plötzlich sein jüdisches Herz entdeckt haben mochte, richtete an den Präsidenten Mac Kinley ein Schreiben, in dem er sich über die Roheiten des New-Yorker Strassenpöbels gegenüber den polnischen Juden beschwert und dagegen energische Massnahmen fordert. In dem Briefe heisst es u. a.: „Ich habe es vielmals mitangesehen, wie jüdische Hausierer von Amerikanern unbarmherzig geprügelt wurden. Wenn ein Jude mit Kaftan und Schmachtlocken gewisse Strassen passiert, so wird er mit faulen Eiern und anderen Abfällen beworfen. Wagt er es aber, seiner Entrüstung darüber Worte zu leihen, dann wehe ihm. Er erhält Püffe und Stösse ohne Zahl und muss froh sein, wenn er mit heiler Haut davonkommt.“ Rudyard Kipling, der berühmte englische Schriftsteller, liegt an einer Lungenentzündung schwerkrank in New-Yorlc darnieder. Der Zustand des erst 33jährigen Dichters gibt zu ernsteren Besorgnissen Anlass. Der Empfang des Fragebogens. Die „Politique Coloniale“ veröffentlicht eine Depesche aus Cayenne, worin erzählt wird, wie der Präsident des Appellhofes am 3. Jänner Dreyfus den Fragebogen des Cassationshofes überbrachte. Dreyfus stiess einen Freudenschrei aus und rief: „Endlich darf ich ^sprechen, endlich wird meine Unschuld an den Tag kommen.“ Dann sagte er schluchzend: „Ich danke Ihnen, mein Herr.“ Nordafrikanische Blätter. Die „Depeche Algerienne1 enthält einen Aufruf zu Geld Sammlungen für ein zu erbauendes unterseeisches Torpedoboot, erklärt aber, dass sie Beiträge von israelitischen Zeichnern zurückweisen müsse. Solche sollten an den „Matin“ in Paris geschickt werden, der nicht die gleichen Gründe zur Ablehnung habe. Weniger grausam ist die „Depeche Tunisienne“. Sie bringt denselben Aufruf, nimmt aber Geld von Juden, Chrislen, Mohammedanern, Negern etc. Antisemitische Kabylen. In der Gegend von Setif (Algerien) wurde schon seit längerer Zeit unter den Kabylen eine ungewöhnliche Aufregung bemerkt. Am 9. Februar kam es auf dem Wege von Oned-Yeb nach Saint - Arnaud zu einer argen Schlägerei. Kabylen stürzten sich unter den Rufen : „Nieder mit den Juden“ auf Kaufleute, von denen mehrere, darunter drei Europäer, verwundet wu rden. Mehrere jüdische Kauffeute wurden von den Kabylen ausgeplündert. Eine antisemitische Lesehalle ist jüngst in Orlöw, einem kleinen Dorfe in Galizien, auf Betreiben des Pfarrers und des Ortsrichters gegründet worden. In dieser famosen Volksbildungs-Anstalt liegen ausschliesslich judenfeindliche Blätter auf, und da die bäuerlichen Mitglieder überwiegendentheils des Lesens unkundig sind, so übernahm der volksfreundliche Richter ehrenhalber das Amt eines Vorlesers. Allabendlich trägt er den wissbegierig lauschenden Landr leuten den Hauptinhalt derjenigen Tagesliteratur vor, welche die Juden — zum Fressen lieb hat, und trifft bei seinem Publicum offenbar auf inniges Verständnis. Mindestens lässt sich darauf aus dem Umstande schliessen, dass kaum drei Wochen nach Gründung des Lesezirkels ein allgemeiner (lies : judenreiner) L a d e n in Orlöw eröffnet wurde, dessen Kosten die für das allgemeine Wohl allenthalben — leidenden Juden tragen werden. Als Lord Beaconsfieid noch Mr. Disraeli hiess, candidierte er einst als Vertreter von High Wy c o m b e im Unterhause. Sein Gegner, aus altadeliger, einflussreicher Familie, erklärte : er stehe auf dem Boden der Verfassung, auf dem Boden von Gesetz, Ordnung und Eigenthum, er stehe schliesslich auf dem Boden seiner Familienäcker. Einer aus der Menge der Wähler unterbrach die Tirade und rief: „Worauf stehen Sie, Mr. Disraeli?“ Auf meinem Kopfe, lautete die Antwort, die zugleich die wirkungsvollere der beiden Candidatenreden bildete. Ein Testament. In dem Testamente des jüngst verstorbenen Robert Macfie of Ai reis werden die Erben angewiesen, sich der nothleidenden verfolgten Juden, besonders Russlands, anzunehmen und für diesen Zweck Summen bis zu 5000 Pfd. St. zu verwenden. Ein nsiiss Lustspiel von Theodor Herzl, der Einacter: „I love you“ gelangt demnächst am königlichen Schauspiel* hause in Berlin zur Aufführung. Personalnachrichten. Die akademische Verbinü u n g* „L i b a n o n i a“ beehrt sich mitzutheilen, dass die Trauung ihres 1. a. H. Berthold Fried mit Fräulein Albine Baron, einem Mündel des Herrn Lector Friedman n, Sonntag* den o. März, V21 Uhr nachmittags, 2. Bezirk, Tempelgasse, stattfindet. — Schriftsteller Bernard Tag hat sich mit Fräulein Karoline L e d er er, Präsidentin des Vereines jüdischer Mädchen „H a d a s s a“, verlobt. Correspondenzen. Frankreich. Paris Der 23. Februar, der Tag, an dem Felix Faures feierliche Beisetzung stattfaud, ist nicht ohne die erwartete Sensation vorübergegangen. Die eigentliche Leichenfeier verlies zwar ohne bemerkenswerte Zwischenfälle. Die Bevölkerung von Paris bewahrte, während der Gonduet sich durch die Straßen bewegte, eure würdige Haltung. Nirgends regte sich Staatsstreichstimmung. Der Anblick der massenhaft aufgeboteneu Polizei, die Colonne der Truppen mögen wohl auch dazu beigetragen haben, um die Erneuteulust beträchtlich niederzustirnmen. Aber wie nach dem ernsten Trauerspiele die Posse folgt, so folgte aus die Leichenfeier der Narrenstreich eines überspanrueu Thoren. Deroulede, der verrückte Barde und Deputierte, stellte sich, als die Truppen abends in ihre Kasernen zurückkehrten, der Brigade des Generals Roget in den Weg und suchte die Soldaten zu haranguieren. Gin kleines Häuflein von der Pahiotenliga befand sich im Gefolge des sonderbaren Staatsreicherregers. Mit dem Rufe „A l’Elysee“ . fiel

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