Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Article
- Brief aus Saloniki
- Date
- 1899-03-03
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 9 Seite 8 «Die A Welt“ welcher es allein zu verdanken sei, dass sie unter den einander grimmig befehdenden heterogenen Elementen des Orients überhaupt bestehen können. Seitdem sind kaum fünfundzwanzig Jahre vergangen, und wie hat sich alles bei den spanischen Juden geändert! Es soll nicht jetzt und ah dieser Stelle erörtert werden, wie es mit ihrer gepriesenen Eintracht, mit ihrer Religiosität und ihrer sittlich-einfachen Lebensweise heute anssieht. Der alte Religionslehrer, wenn er noch lebt, möge sich bei den bessersituierten Glaubensgenossen in den Donauländern oder in Constantinopel zu Gast laden und er wird sich über die in so kurzer Zeit eingerissene Zerstörung und Zersetzung des früher so kerngesunden Stammes entsetzen. Die sogenannte Aufklärung, besser gesagt, die planmässige Verbildung des Volkes ist die einzige Ursache dieser traurigen Erscheinung; sie ist der Wurm, welcher das Mark unseres Volkes unheimlich rasch zerfrisst und vergiftet. Wenn es nach dem Willen der jetzigen Generation gienge, wäre auch die spanische Sprache wie ein lästiger und schädlicher Ballast weggeworfen worden, um der bulgarischen, rumänischen, serbischen, neugriechischen, französischen oder italienischen Platz zu machen. Was bedeutet der heutigen Jugend dieses durch Geschichte und Tradition geheiligte schöne und starke Band, welches die vierhunderttausend Juden des Orients noch zusammenhält! Die jungen Leute mit „moderner“ Bildung wollen Bulgaren, Serben, Franzosen und Italiener mosaischer (Konfession, aber keine Juden sein. Also iort mit dem spanisch-jüdischen Idiom! Glücklicherweise sind überall noch ältere vernünftige Leute am Leben, welche sich die von den Vätern ererbte und an der Wiege erlernte Umgangssprache nicht ohne Weiteres wegraisonnieren lassen. Auch gibt es in der Türkei noch eine Anzahl conservativer Gemeinden, welchen das Spanische denn dpch mehr als ein Ballast ist. Eine dieser jüdischen Gemeinden ist Saloniki. — Die Hauptstadt Makedoniens ist eine durchaus jüdische Stadt. Sie verdient diese Bezeichnung nicht nur deshalb, weil mehr als zwei Drittel der auf ca. 130.000 Seelen geschätzten Bevölkerung Juden sind, sondern mehr noch, weil die Juden es verstanden haben, der Stadt einen eigenthümlichen Charakter aufzuprägen, welcher mit ihrem eigenen Wesen, mit ihrer Lebensweise und ihren Sitten seltsam harmoniert. Der Handel, das Gewerbe und der ganze Verkehr dieses bedeutenden Hafenplatzes sind so sehr, ja ausschliesslich, in den Händen von Juden, dass die Türken und Griechen Salonikis den Sabbath und alle jüdischen Feiertage mitfeiern müssen* Die so belebten Gässchen und Winkel, welche an Werktagen von einem betäubenden Lärm erdröhnen, sind am Sabbath öde und still; die langen Reihen der Läden und Buden sind gesperrt. Man kann sich einen schöneren Menschenschlag von so hohem kräftigen Körperwuchs nicht denken, als die Juden in Saloniki. Die Männer sind hoch und gerade wie etwa die Slaven in Kärnten und Krain, nur sind sie viel beweglicher und elastischer als diese. Auch fehlt dem Slaven in Oesterreich die Lebhaftigkeit der Gesten, das Feuer der Augen, welche bei den hiesigen Juden auf den ersten Blick auffallen. Kein einziger Zug an diesen Juden erinnert an den gedrückten Typus ihrer Volksgenossen in Galizien oder Russisch-Polen, und dieser auffallende Unterschied wird durch das selbstbewusste sichere Auftreten der hiesigen Juden noch erhöht. — Es gibt zwar sehr schöne Jüdinnen in Saloniki, besonders unter jenen, welche die an die maurische Tracht erinnernden langen faltigen Gewänder und den eigentümlich reizvollen Kopfputz noch tragen. Allein eine besonders grosse Anzahl auffallender Schönheiten ist mir noch nicht zu Gesicht gekommen. Die Juden dieser Stadt betreiben alle denkbaren Arbeiten, sie üben sämmtliche Handwerke und Berufe aus., Lasthägor. Ruderknechte, Eseltreiber, Kutscher, Kohlenbrenner, Wässerhäger und Fischer sind hier Juden. Dass es hier unzählige jüdische Fleischhauer, Schneider, Schuster, Möbel- und Bautischler, Schlosser, Schmiede und Goldarbeiter neben Apothekern, Aerzten und Advocaten gibt, wird nicht auffallen. Vor einiger Zeit hatte eine fürchterliche Hagelkatastrophe sämmtliche Dachziegel zertrümmert, und da sah man jüdische Ziegeldecker auf den Dächern der Häuser die waghalsigsten Reparaturen ausführen. — Die Lastträger, »Hamals“ genannt, die Fischer und Ruderknechte sind wegen ihrer unglaublichen Kraftleistungen weit und breit berühmt. Man sieht diese stämmigen Männer mit den struppigen Bärten, diese mit bunten Fetzen umhüllten Riesen Lasten tragen, vor welchen ein starker Arbeiter im Westen Europas gelinde erschrecken muss. Die Leistungsfähigkeit und Arbeitsfreude dieser Juden ist so gross, dass ihnen weder die starken Arnauten, noch auch griechische oder italienische Arbeiter standhalten können. So ist jede Arbeit im Hafen und auf dem Zollamte an einem jüdischen Feiertage eingestellt, und Schiffe können an diesen Ruhetagen weder ihre Ladung löschen, noch Güter einladen. Das Zollamt muss mitfeiern, die Banken haben am Sabbath nichts zu thun. Die kleinen Händler, Handwerker und Arbeiter sind ein ausserordentlich lärmendes Völkchen, ohne jedoch lästig und aufdringlich zu werden. Sehr sparsam und fleissig, wie sie sind, verdienen diese Leute genug, um nach den hiesigen Verhältnissen leben zu können, zumal das Leben hier sehr billig ist. Sie sind sehr religiös, bei der Arbeit streng nüchtern und hängen zärtlich an Frau und Kind. — Der Kindersegen muss hier sehr gross sein, denn die Privatschulen sind überfüllt. Wie im ganzen Orient überhaupt, muss der Saloniker Jude in vier Sprachen mindestens reden können, um sich mit seiner nächsten Umgebung zu verständigen. Hier sind, ausser der spanischen Umgangssprache, noch türkisch, griechisch und slawisch (serbisch oder bulgarisch) unumgänglich nöthig. An Werktagen der Sclave der Arbeit, ist der Saloniker Jude am Sabbath dagegen ein grosser Herr. AmFreitag- Hachmittag schon legt er die Fetzen ab, kleidet sich kokett mit einem langen Rocke aus gemustertem Satin oder Kattun, welcher um den Leib von einer farbigen Schärpe zusammengehalten wird. Ueber diesem Talar trägt er einen einfarbigen, kaftanartigen Ueberrock, welcher zumeist mit Pelz verbrämt ist. Die Füsse tragen blendend weisse hohe Strümpfe, welche aus den lackierten oder glänzend gewichsten Halbschuhen hervorschimmern. Der für den Sabbath ausgebügelte rothe Fez mit der schwarzen Quaste vervollständigt seine kleidsame Tracht. So pilgert er am Vorabend des grossen Ruhetages zum Gotteshause. P Mim. B 0 in Curatorium der isr. - theol. Lehranstalt in Wien. Das gefertigte Curatorium bringt hiermit znr Kenntnis, dass von nun ab jeden Freitag abends und Sabbath morgens in dem für diese Zeit der israel.-theolog. Lehranstalt vom löbl. Cultusvorstande überlassenen kleinen Tempel (2. Bezirk, Tempelgasse 3) zu den für alle Tempel angesetzten Gebetstunden regelmäßige öffentliche Gottesdienste, an jedem zweiten Sabbath mit Predigt, stattfinden werden. Die erste Predigt hält am Samstag den 4. März d. I. Herr Dr. Emil Pro ß n i tz. Das Euratorium. P Weltchronik. Amerikanische Einwanderungs-Statistik. Der Xhicagoer „Hapisgah“ entnehmen wir folgende interessante Daten: Im December 1898 landeten im Hafen von Philadelphia 691 europäische Einwanderer, darunter 187 Juden, von denen