Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-03-03
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die A Welt44 Nr. 9 Ist es nicht fast belustigend, wie in diesem Volks« gemüthe die Gegensätze hart nebeneinander nisten? Die Zornesader dicht neben der Thränendrüse. Die rechte Hand wirft in den Säckel eines blutig-rothen Revolutions-Comites ein Geldstück, die Linke erlegt zu gleicher Zeit den Abonneinentsbetrag für den „Hundefreund“. Diese Leute bringen es zuwege, mitten im Sturmschritt der Leidenschaft einen launigen oder sentimentalen Purzelbaum zu schlagen. — Durch die Strassen von Syrakus tobte der Schlachtenlärm, und der römische Soldat, der bei Archimedes eindrang, fand den Gelehrten in geometrische Kreise vertieft. Es wäre möglich, dass ein Eroberer, der Paris nimmt, die halbe Bevölkerung dabei antrifft, wie sie ungeachtet des aufregenden Rummels die verschiedenen Haushündchen in den Schlaf hätschelt. — Pst, treten Sie nicht so derb auf! Stören Sie meine Möpse nicht! * * * Eine Parallele tritt einem unwillkürlich vor die Augen: Dostojewski zeichnet so seinen Missethäter. Raskolnikow ver giesst blutige, ungelieuchelte Thränen ob der Misshandlung eines Gauls, und dann gellt er hin und zertrümmert einem Menschen mit dem Mordhammer die Schädeldecke. Ja, es ist Geist vom Geiste Raskolnikows, was sich da in Frankreich regt. Sie bekommen Weinkrämpfe bei dem erschütternden Anblicke, den ein überfütterter, an Magenbeschwerden leidender Mops bietet, und sie lachen hämisch, wenn sie an das Jammerdasein des Dreyfus denken. Schmerzdurchwühlt umstehen sie das Sterbelager des erlöschenden Köters, drei Todtenbeschauer müssen erst constatieren, dass die Majestät des Todes, die auf der Schnauze des Entschlafenen ruht, waschecht ist, ehe die irdische Hülle des vielgeliebten Angehörigen unter dem Blumenhügel beigesetzt wird. Die Todtenbeschauer vom Kriegsgerichte haben den Dreyfus nur ganz oberflächlich untersucht, und bei lebendigem Leibe hat man ihn auf einem Friedhofe ausgesetzt, wo die Damen der Pariser Gesellschaft nicht ihren ruppigsten Vierfüssler beisetzen würden. Vierfuss ist — um uns des beliebten Kalauers zu bedienen — mehr wert als Dreyfus. Erwin Rosenberger. G Ein Brief Bernard Lazare’s an den „Gaulois“. Das royalistisch-clericale Pariser Blatt „Le Gaulois“, dessen Herausgeber der (übrigens erst vor kurzer Zeit) getaufte Jude Arthur Meyer ist, hatte in einem im Februar d. J. erschienenen Artikel die Behauptung aufgestellt, die Baseler zionistischen Congresse seien in Wirklichkeit die Congresse der „Revisionisten" gewesen. Auf dem ersten Congresse sei der „Feldzug gegen Frankreich wegen des Juden Dreyfus“ beschlossen worden. Der zweite Congress habe sogar ostentativ Bernard Lazare, welcher die Befehle der Dreyfusards so gut ausführte, ins Präsidium berufen. Darauf richtete Bernard Lazare an den „Gaulois" folgendes Schreiben : „Herr Eedacteur! In einem am 3. Februar im „Gaulois" erschienenen Artikel beschäftigt sich der Verfasser desselben, Herr de Maizier e, auch mit meiner Person. Ihr Mitarbeiter behauptet, dass von der Rehabilitation des Dreyfus zum ersten male auf dem „Revisionisten"-Congresse (?) zu Basel im Jahre 1898 die Rede gewesen sei, dass ich selbst dem Congresse von 1897 beigewohnt hätte, und, wenn ich wollte, aus demselben den Stoff zu einem ergreifenden Bande schöpfen könnte. Nachdem ich nicht die fruchtbare Phantasie des Herrn de Maiziere oder seiner genialen Informatoren besitze, werde ich mich darauf beschränken, einige Daten dieses Artikels zu berichtigen. Meine erste Broschüre, welche der Vertheidigung des unglücklichen Capitain Dreyfus gewidmet ist, erschien October 1896. Der erste Zionisten-Congress fand in Basel im August 1897 statt, im Augenblicke, da bereits von der Intervention Scheurer-Kestners die Rede war. Der zweite Zionist en-C ongress fand August 1898 statt, und am Tage, da er geschlossen worden ist, wurde die Verhaftung des Obersten Henry bekannt, welche wohl nicht auf dem Congresse beschlossen worden ist. Obzwar Sie, Herr Redacteur, als Jude wissen sollten, was der Zionismus ist, werde ich durchaus nicht versuchen, Sie zu belehren, dass er nichts zu thun hat mit der Rehabilitierung des Dreyfus. Ich wollte nur die Verlässlichkeit der Worte des Herrn de Maiziere constatieren; wenn seine anderen Behauptungen den gleichen Wert haben wie diese, dann kann der „Gaulois" mit Recht für das bestinformierte Journal gelten. Ich bitte Sie, Herr Redacteur, — und wenn es nothwendig sein sollte, würde ich Sie hierzu zu zwingen wissen — diesen Brief an derselben Stelle abzudrucken, wo der Artikel des Herrn de Maiziere gestanden hat. Achtungsvoll Bernard Lazare". G . Die Antzlofachlrn, das Uolk Israel. („The History of the House of Israel.“ —* „The Anglo-Israel Almanac.“ — „Our Hope.“ — „The Messiah and His People Israel.“ — „The scattered Nation.“ — „Israel, das Wundervolk." — „Theologische Zwiegespräche." . In Nummer 1 der „Welt", Jänner ^1899, wird mitgetheilt, dass ein englischer Gelehrter, A. Allain, die früher anfgetanchte Hypothese: „Die Engländer seien die Nachkommen der verloren gegangenen zehn Stämme Israels", durch Stellen ,ans der Bibel re. zu bekräftigen sucht. Hieran anknüpfend, 'möchte ich zur Vervollständigung mittheilen, dass sowohl in .England, als in Amerika und der Schweiz eine wohlorganisierte B,.weg ng unterhalten wird zu dem Zwecke, dieser Hypothese nicht bloß die weiteste Verbreitung zu geben, sondern dieselbe mit dogmatischer Autorität ausznßatten. Diese Bewegung, vor beiläufig 25 Jahren ins Leben gerufen, hatte lange Zeit nur , eine kleine Anhängerzahl; erst mit dem Anstauchen des Zionismus fieng man an, sich für dieselbe stärker zu inter-- effiereir, indem man mit Feuereifer sich auf das Studium der erwähnten Hypothese warf, die Beweise für ihre Richtigkeit von allen Seiten zusammentrug und diese in Büchern, Broschüren, Flugblättern, Agitationsschriften, Wochen- und Monatsmagazinen dermaßen verbreitete, dass die bezügliche Literatur eineu ganz beträchtlichen Umfang angenommen hat und mit jedem Tage noch anwächst. Durch Zufall in ein Milieu gerathen, wo man für diese Idee und auch für den Zionismus ein lebhaftes Interesse bekundet, hatte ich Gelegenheit, in das Wesen dieser „neuen Seite der Jndenfrage" tiefer zu blicken, und nun möchte ich meinen Gesinnungsgenossen auszugsweise dasjenige mittheilen, was mir im Hinblicke auf die zionistische Bewegung wichtig erscheint. * * * Bor mir liegen die in der Ueberschrift genannten Broschüren, wovon („The History of the House ot I.-rael“ by Philo-Ismel) ■ (Die Geschichte des Hauses Israel von Pbilo-Israel) in erster Reihe unsere Beachtung verdient. Dieselbe ist eine Art Katechisnius für Kinder. In XX VI Capileln treu je n die Beweise dafür, dass die Briten die wirklichen Nachkommen der Kinder Israels — der verloren gegangenen zehn Stämme — sind, aus dem Pentateuch, den Propheten, den Psalmen und selbstverständlich aus den Evangelien zu erbringen versucht, und die Resultate werden dann in 250 Sentenzen niedergelegt. — Begonnen wird mit der Schöpfungsgeschichte; dann folgen: die Geschichte der Patriarchen, der