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Die Welt · 1899-03-03 · 9 (3.3.1899) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
9 (3.3.1899)
Article
Das Land
Date
1899-03-03
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 Seite 8 „Die & Welt“ Zweck der Fahrt ist damit nicht erschöpft. Deutschland sucht im Orient nur wirtschaftliche Vortheile; der kriegerische Eroberer wird durch den Geschäftsmann abgelöst, dem die Politik die Wege bahnt und ebnet. Jetzt, wo England, der reiche Aristokrat auf dem Gebiete der Weltwirtschaft, sich mit der deutschen Concurrenz abgefunden hyt/geherCdie beiden Reiche in vielen Punkten einen gemeinschaftlichen Weg. Englands Colonien sind den Deutschen offene Absatzgebiete, nach Aegypten sendet Siemens die elektrischen Bahnen — wozu dann Eroberungen mit den Waffen forcieren?! Man sichert sich einige strategische Punkte, von denen aus der merkantile Feldzug geführt werden kann, man entsendet Soldaten und Kriegsschiffe, um Macht zeigen zu können, um den kaufmännischen Eroberungstruppen eine sichere Operationsbasis zu bieten — das genügt. Das ist die neueste Form der Eroberung: man hat kein« großen* Colonien zu^sichern, Apolitisch ungebunden und sucht seinen Vortheil — überall. Eine vorbereitende Rolle bei dieser friedlichen Eroberung spielen auch die Juden. Sie sprechen, soweit sie aus dem östlichen Europa stammen, deutsch und verbreiten die Kenntnis dieser Sprache, wenn auch in einem. verdorbenen Jargon, durch ganz ' Kleinasien, besonders in Palästina. — Jerusalem ist heute fast ganz deutsch, und Deutschland erzielt ohne Mühe und Kosten, was Frankreich Millionen gekostet hat : Die Verbreitung seiner Cultur. Dabei entwickelt sich unter den Juden auch für den Umgang das Hebräische und es ist besonders zwischen jenen als Verständigungs-Idiom nothwendig, die verschiedenen modernen Sprachgebieten entstammen. Kleinasien wird nach und nach deutscher Wirtschastsbesitz werden. Bahnen und'ein Hafen sind bereits gesichert, geregelte Bewässerung muß die Landwirtschaft heben, die der Industrie Nahrung bieten wird. Die Industrie wird die noch todtliegenden Kohlen- und Bausteingruben im Libanon beleben, die Asphalt-,"unds Kohlenlager am tobten Meere erschließen, man wird 'Häsen anlegen und Banken gründen. Das Land wird aufblühen. Das Land unserer Vergangenheit ist auch ein Land der Zukunft. P Oie Woche. Wien, 1. März lsw. Die Blätter melden, in Paris sei vorige Wo ehe eine „Hirn dezeitung“ gegründet worden. Das neue Blatt ist ein Kampfo rgan, und alles, was da am j;Seine strand in höherer oder tieferer Tonlage bellt, das schwachbeinigste Schosshündchen, sowie auch die sehnigste Dogge — sie alle werden ihre Interessen in dem Blatte gewahrt finden. Darum nennt sich die Zeitung: „Der Hundefreund44. — Das isfpiicht etwa irgend ein billiger Scherz. Der Pariser „Hundefreund“, der als Wochenschrift . erscheint, tritt, vielmehr mit einem gewissen fachlichen Ernste in die Oeffentlichkeit. Er bringt Bulletins über das leibliche Wohlbefinden von „Marko“, dem Pudel der Marquise de Belbeuf, Notizen über das Tageswerk von „Kild", depti gefleckten Pudel der Gräfin de Mailly-Nefle, Skizzen aus dem Seelenleben „Ply's“, des Affenpinschers der Gräfin d’Argy etc.. , Aber der Pariser „Himdefreund“ beschäftigt sich nicht nur mit dem irdischen Lebenswandel der ortsansässigen Kläffer, seine treue Fürsorge erstreckt sich auch noch auf die. .erkaltete Hülle dieser Hausthiere: Einführung vpn Hundefriedhöfen, — so lautet eine Hauptforderung des . „Hund efreun des“. Er beruft sich auf England, wo diese Institution bereits besteht. Wenn „KikU seinen letzten Seufzer gethan hat, und die Hand der herzbrechend schluchzenden Freundin ihm die Lider zugedrückt hat, dann müssen die theuren Gebeine des Verblichenen unter einen schmucken Hügel gebettet werden.-Und auf dem Hügel sollen Rosen und Nachtviolen spriessen. —-Auch eine Cypresse mit traurig hangenden Zweigen.-Wenn aber die treue Freundin dem stillen Orte ihren regelmässigen Besuch abstattet und den Boden mit Zähren netzt, dann wird es seltsam-heimlich in den Zweigen flüstern — der Geist des V erstorbenen. —- Die Gründung des „Hundefreiiiules” mag belanglos scheinen. Wer wird, jetzt-, wo Frankreich in seinen Tiefen aufgewühlt ist, solcher Kindereien achten? Ja, eben deshalb, weil heute Frankreich ein leidenschaftlich brausender See ist, wird der Tand, der da in ahnungsloser Gnbesorgtlieit emportaucht, bemerkenswerter. Zwischen den Zeilen des „Hundefreundes“ steht'mehr, als in allen Zeilen des Blattes. — Unten wälzt sich durch die Strassen der brüllende Pöbel, und oben im ersten Stockwerke des Palais sitzt, mit dem Rücken gegen das Fenster, die Frau des Hauses, und kraut verklärten Angesichts ihrem vierbeinigen Liebling den Kopf. Sie hört gar nicht den Tumult auf der Strasse. Das piepende Stimmchen des winzigen Schossbundes übertönt das Geheul der tausend Kehlen. Und unten in der Menge will einer einen Stein aufheben gegen das blitzende Fenster. Warum hält er plötzlich in der höchsten Aufregung inne, warum irrt er verzweifelt und weinerlich durch den Tumult? Dem Unglücklichen ist im Gewühl sein Dackel abhanden gekommen. Der Dackel mit den graziösen Beinen. Der bejammernswerte Revolutionär sieht nun die ganze Welt wie durch einen trüben Thränenflor, er lässt den drohend gehobenen Stein fallen; er könnte jetzt ohnehin nicht mit sicherem Auge zielen. An den Säulen der Republik soll er rütteln? Ach was! Die O-Beine seines kleinen Freundes sind ihm zum mindesten ebensoviel wert, wie die Säulen der Republik. Wo ist mein Daclceh mein Dackel? Eine Republik für meinen Dackel. * Sprachlos stehen wir manchmal vor dem grisettenhaften Leichtsinn, vor der flatternden Einfalt, die in dieser wunderlichen Volkseele wohnen. Und es ist uns wie ein Räthsel, wenn aus dem wüsten, rauhen Strassenchore plötzlich die naiven Laute einer Kinderstimme heraustönen. Eine Naivität, die den entrüsteten Beobachter des Tumultes förmlich entwaffnet. Soll man ihnen grollen? Alle Kinder sind so. Sie rumoren gerne herum, Lärm-Freude könnte man es nennen, werfen gerne Scheiben ein, sie quälen gerne schwächere Wesen „zum Scherz“, treuen sich an dem ängstlichen Krabbeln irgend eines kleinen Gottesgeschöpfes, das in eine öde Schachtel deportiert ist — die Schachtel hat nur einige kleine Luftlöcher — und dann sind die Kinder wieder kindlich, und weinen bitterlich an der Bahre eines Hündchens. Man kann ihnen nicht zürnen, — aber was hilft das? Dort liegen noch die Glasscherben von gestern, morgen Wird man wieder „Nieder mit den Juden!” schreien, und die Hütte des Dreyfus lässt, was frische Luft anbei äugt, noch immer viel zu wünschen übrig. Psyche wird mit zwei Fittichen' (largestellt. Die Flügel der französischen Volks-Psyche sind nun ganz eigener Art. Der eine ist wie der gelbliche Flügel irgend eines bösen Insectes. Ein widerliches Surren geht von ihm aus, das unangenehme Surren der Hornisse, die den Wanderer auf einem Feldwege umkreist. Der andere Flügel ist der des tändelnden Falters, ein Perlmutterstaub liegt auf ihm. Zu verschiedenen Zeiten regt der Volksgeist die eine oder die andere Schwinge stärker oder schwächer. In den letzten Monaten hat nur das hässliche Singen des bösen Flügels über Berg und Thal geklungen, doch daneben huscht immer einmal ein Streiflicht hin, und in der Sonne schillert die buntfarbige Thorheit des Schmetterlings.

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