Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Article
- Französische Zustände
- Date
- 1899-03-03
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315806-3385174--11059-3385297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Teile ä Ar. 9 „die & Welt“ folgen würde, so würde ein solches Cabinet trotzdem oder eigentlich eben darum bei einer darauffolgenden, anscheinend ganz bedeutungslosen Frage - stürzen, damit doch der Sündenbock seine Schuldigkeit thue, ohne dass der Profit der Sünde verloren gehe. Wie gesagt, die Kammer will schon die Gerechtigkeit, nur darf es sie nichts kosten. Mit dem zweiten, beziehungsweise dem dritten Ministerium. wird sich erst die Lage klären können und wir werden wahrscheinlich noch manche Minister verbrauchen, bis das Land so magenfest gemacht wird, dass es einen Justizminister T r a r i e u x >vird ertragen können, der den Schluss machen wird. Bis dahin werden die Clericalen ihr Pulver verschossen haben, obwohl man gestehen muss, dass ihr Magazin nicht gar so leer war, als viele es bis jetzt vermutheten. Wir müssen uns also gedulden. Thut es doch Dreyfns selbst. Aber was wir alle wissen, das wissen die Minister auch ebenso gut und können es weder leugnen, noch überwinden, noch ungeschehen machen. Allein die Gefahr einer schroffen Haltung nach irgendwelcher Seite ist so gewaltig, dass jeder an ihrer Stelle sich genau so gut oder so schlecht als sie nach den Vorschriften Macchiavells oder richtiger Benthams richten würde. Das Heer ist außer sich, die Officiere knirschen, die Soldaten stampfen und ächzen und greinen nach einer Revolution und nach blusigen Gemetzeln. Ein Officier vom 74. Infanterie- (Esterhazys) Regiment sagte mir vor ein paar Tagen: „Wir halten es nicht mehr aus. Wir getrauen uns nicht mehr in Uniform auszngehen. Wir werden so ironisch, schadenfroh und sarkastisch angegafft, dass wir jede Haltung verlieren. Jeder Civilistenblick scheint zu bedeuten: Wie kann man sich nur so blödsinnig ohne Roth in ein Fälschercostüm verkleiden? Ich habe neulich einen geohrfeigt — das ist uns aber unter-, sagt und übrigens müssten wir es bei jedem Schritt und Tritt thun. Die Mannschaft ist rein unbändig, wir können sie nur dnrch den furchtbarsten Drill Zusammenhalten. Schon haben wir auf drei Classen zwei, die, als die Affaire losgieng, Civilisten waren, also genau wie die Civilisten denken. Zudem lesen sie alle die Zeitungen, um eben nur Stoff zur Verachtung ihrer Vorgesetzten daraus zu schöpfen. Je mehr nun diese Journale auf uns losziehen, desto strenger müssen wir gegen die Soldaten Vorgehen. Allein dadurch wird auch die Kluft zwischen der Gesinnung der Civilisten und dem durch Einpaukung beigebrachten Respect bei der Mannschaft breiter. Was können wir aber dagegen thun?" Diesem Seelenzustande hat jede weise Regierung Rechnung zu tragen. Ich fragte noch meinen Mann, was er vom Lieutenant C a h n hielte. Er sagte mir: „ Die Lage der jüdischen Officiere ist — fürchterlich, und sie flößen uns soviel-Mitleid ein — dass manche von uns vormaligen Antisemiten dadurch anderen Sinnes geworden sind; das ist aber vereinzelt. Respect haben die gemeinen Soldaten vor ihnen nicht mehr. Bei den Manövern braucht nur ein Major oder Oberst anszurnfen: Aber Herr Levy, oder Bloch! Wie sieht doch ihre Compagnie aus! Das ist ja eine Wirtschaft! Nr. 14 sieht ja aus wie ein Hausierer! u. s. w. — da ist nichts wie unterdrücktes Gelächter! Was Cahn anbelangt, so hat er sich eben gut anschreiben wollen. Er hat gesehen, dass er durch Angabe seines Rabbiners nichts riskiert und ist eben darauf losgegangen." Ich fragte alsdann: Glauben Sie, dass, wenn er von Pater du Lac ausgefragt worden wäre, er den nämlichen Bericht erstattet hätte? „Das kaum", erwiderte der Officier, „denn der Bericht wäre weder ausgenommen, noch an die Zeitungen geliefert worden." Das glaube ich umso eher, setzte ich hinzu, als Pater du Lac es wobl nicht uöthig hat, auf jüdische Lieutenants auszngehen, dazu hat er christliche Generäle genug. „Mag sein", sagte mein Mann, „denn man munkelt, dass es mich antisemitische Generäle gibt. Aber das müssen wir ignorieren!" - Das Kand. Bon H Nork-Steiner. (Schluss.) , Palästina liegt auf der Heerstraße der großen Eroberer, auf dem Wege nach Aegypten. Das ist der letzte Grund, weshalb seit seiner ersten Zeit Kriege und Aufstände das Land zerfleischten und immer wieder aus der Bahn ruhiger Entwicklung drängten. Die Kreuzzüge thaten ein klebriges. Im Jahre 1798, als das neunzehnte Jahrhundert eingeleitet wurde, gab Napoleon hier seine Karle ab. Serther blieben'Syrien und Palästina unter französischem Einflüsse, dem es früher nur scheinbar untergeordnet war. Katholisch und französisch galten seit jener Zeit als untrennbar in diesen Ländern, ja im ganzen Orient. Frankreich suchte seine Machtstellung durch Vertretung des Papstes zu festigen; es schuf durch vorzügliche Schulen viele Katholiken und hoffte, in den Katholiken Franzosen zu erziehen. Die recipierte Umgangssprache war auch die französische. Dem wirkten die Engländer entgegen, indeni sie Hospitäler und Missionsanstalten errichteten, ebenso die Amerikaner, die weniger den Franzosen als den Katholiken entgegen arbeiten wollten. Auch ihnen gelang es, bei der städtischen Bevölkerung Anhang zu finden. Da jedes fremde Institut, jeder fremde Unterthau dem Schutze seines Cönsuls unterstellt ist, entstanden so fremdländische Enclaven. Diesen Vortheil nützte namentlich Russland, indem es, unterstützt durch die Bedürfnisse der zahlreichen orthodoxen Pilger in allen Theilen des Landes Hospize errichtete. Auf Cultureinfluss und Proselytenmacherei könnte es leicht verzichten, weil das Land 200.000 orthodoxe Christen zählt, dennoch errichtet es viele Schulen, deren es z. B. 17 im Bezirke Nazareth besitzt. Die Pforte sieht dieser Schachpartie der fremde» Mächte auf dem Brette, das ihr Eigenthum ist, mit sehr gemischten Gefühlen zu. Als nun in den Achtzigerjahren die flüchtigen russischen Juden in Palästina Zufluck-t suchten, erließ sie ein Einwanderungsverbot. E s g a l t den Russen, nicht den Juden. Denn merkwürd ig, so wenig Neigung man dem Juden in Russland entgegenbringt, in Palästina findet er den mächtigen Schuh eines großen Reiches, die volle Wertschätzung seitens des Consulates. Dort ist er ein wertvoller Pion im politischen Brettspiel geworden. Da man aber mit einem Russenverbot nicht durchgedrungen wäre, schuf man ein Antijudengesetz, und schloss alle Juden aus, das war diplomatisch durchzusetzen. Dies ist der ernste politische Grund, weshalb die Türkei vielen niodernen Strebungen feindselig entgegensteht; sie will nicht noch mehr fremde^Elemente ins Land ziehen, Leute und Unternehmungen, die ausländischen Schutz genießen, sie will keine Annexion, keine Occupatio» vorbereiten lassen, von welcher Macht immer. Weil dies bekannt ist, wird in diplomatischen Kreisen der politische Zionismus gebärend ernst diskutiert. _ Vielfach wird die politische Lage hier wie folgt angesehen: England ist durch seine Nachbarschaft in Aegypten besonders gefährlich geworden, aber auch Russland steht zu nahe auf Vorposten. Das aufstrebende Deutsche Reich fand es daher leicht, seinen Einfluss im Nildiz-Kivsk geltend zu machen, und der Besuchs des Kaisers bildet den Schlussstein vieljähriger diplomatischer Bauarbeit und den Anfang einer" modernen Weltpolitik, die genial ist, dabei einfach construiert, wie alles Geniale, und sich den Bedürfnissen unserer Zeit vorzüglich anpasst. Dass man Frankreich von der Schutzherrschaft aller Katholiken absetzte und laut^erklärteI„deutsche Katholiken stehen unter dem Schutze des Deutschen Reiches", das allein lohnte eine Kaiserreise nach Palästina; aber der