Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
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0—---E Nedsrtion 3 Erscheint jeden Freitag» * 3-n Preist der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an Die viermal gespaltene Petit¬ Wie« die Redaetion oder Administration: Wien, IX., Türkenzeile 10 kr. IX., Türkenstraße 9. straße 9, zu richten. ——— Telephon Nr. 8805. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. m-—t z Manuscripte nicht zurückgesendet. | 1-& KkMpreisk: Oesterreich-Ungarn; halbjährig 3 fl. 6 Kr., ganzjährig 6 fl. — 12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland . ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 N., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Ur. 9. Wie«, 3. Mar; 1899. 3. Jahrgang. Französische Zustande. Von Jacques Bahar. Bor etwa vierzehn Tagen erschien eine Caricatur, welche einen mit allerlei Papieren umgebenen, in ein rothes alterthümliches Gewand gekleideten Greis darstellte, der auf Nebeln stehend, die unter ihm versammelte Menge um Ruhe bittet. Als Erklärung stand darunter gedruckt: Nach dem letzten Gesetzentwürfe Dupuys sollen die vereinigten Kammern des Cassationshofes auch enteignet und der Process dem lieben Gott zur Revision überwiesen werden. Die Menschenkinder unter dieser Gestalt schreien ihr zu: A bas le traitre, 4 bas le juif! Sale youpin — und ein General: Er beleidigt das Heer! Ich weiß nicht, warum mir dieses vulgäre Bild nicht aus dem Sinn kommen wollte, denn mir war sofort eingefallen: O weh! wenn der liebe Gott die Affaire selbst übernimmt, dann werdet Ihr eine nette res judicata erleben! Diese stellt nun F au r e s Tod dar. Das Geheul von Beschimpfungen und Verwünschungen, mit welchem L o u b e t s Wahl zum Präsidenten begrüßt wurde, gibt das Maß des von den Antisemiten durch den Tod Faures erlittenen Verlustes. Wehe! Er ist hingegangen, wo man nicht mehr: mort aux juifs schreit, wo man nicht mehr mit Drnmont schachert, um Familienscandale zu vertuschen, wo Marinoni Judet und das „ Petit Journal•* keine Leser haben, wo die „Voitures Lefevre“ keine 200.000 Francs Bakschisch; eintragen, und wo kein Urbain Gohier aus der Schule von Madagascar schwätzen kann. Ja! jetzt stehen die Antisemiten am Berge, von welchem der so mühsam hinaufgerollte tückische Marmor so hurtig herunterrollt, und man darf sich nicht wundern, wenn die jetzt mehr als je reiche clericale Casse sich den Luxus einer Massenkundgebung gegen Loubet, der sich olympisch darüber hinwegsetzt, geboten hat. Faures Grabrede hat der jetzige König unserer Journalisten, Clemenceau, im Lapidarstil abgefassl: „Durch seinen Tod wird Frankreich nicht um einen Mann ärmer.' Das Interessanteste ist aber die Psychologie der Stunde, und was daraus abgeleitet werden kann. Was ich Ihnen in einer der letzten Nummern der „W eit" über die zweideutige Politik der Regierung auseinandersetzte, scheint sich nunmehr zu bestätigen. In den maßgebendsten Kreisen ist es heute noch ein unlösbares Räthsel, und es heißt immer »och: „Suchet nach den Beweggründen Dupuys und Freycinets." Nun ist die Wahl L o u b e t s die allein richtige Antwort. Es wäre Dupuy ein Leichtes gewesen, glänzend durchzukommen, und hätte sich M e 11 n e ernstlich darum bemüht, so hätte er ebenfalls spielend Loubet schlagen können, uniso eher, als dieser sich nur ungern zur Candidatur schleppen ließ. Auch Freycinet wäre durchgekonlmen — kurz, die Nationalversammlung hätte nach irgend einer Richtung — für oder gegen Dreyfus gestimmt — denn ich brauche nicht hervorzuheben, dass der richtige Candidat auf der Teufelsinsel Residenz hält — vorausgesetzt, dass man die Verantwortlichkeit der Versammlung vor demLande gewahrt hätte. Ich muss also vor allem Dupuy, trotz des widerlichen Anscheines, als zeitweiliger, aber aufrichtiger Franzose, dafür danken, dass er durch das Scheinmanöver mit Meline und ohne Freycinet seine eigene und seiner Kumpane Wahl verhütet hat. Mit ihnen hätte das Enteignungsgesetz unter allen Bedingungen im Senat durchkommen müssen, denn als unabsetzbare Präsidenten hätten sie die Gesammthvffnungen der Clericalen auf sich nehmen müssen. Dagegen wäre es ihnen stets möglich gewesen, vom Oberhause eine Ablehnung der Vorlage unter der Hand zu erwirken, was sie sicherlich gethan hätten, um einen Bürgerkrieg zu verhüten, und um nicht das Land ökonomisch vollständig zu ruinieren, denn an einem Staatsstreich hatten weder Dupuy noch Freycinet. und noch weniger beide zusammen etwas zu gewinnen, daher starb ihnen auch Felix Faure sehr gelegen und sie beeilten sich, den Herrschsuchtslosen Loubet, der sich nie offen in der Affaire ausgesprochen hat, der aber ein stiller Dreyfusard ist, somit das Schaukelspiel weiter führen kann — auf den Schild zu erheben. Was musste nun aus diesen derart ausgelegten That- , fachen entstehen? Nach meiner Ansicht wird und kann Loubet das Enteignungsgesetz niemals gutheißen. War schon die lange Hinzieherei der parlamentarischen Procedur dazu angethan, der Criminalkammer die Muße zu gönnen, ihre Aufgabe vor dem Votum zu beendigen, denn mit Ausnahmegesetzen macht man gewöhnlich, wie im Jahre 1894 gegen die Anarchisten, kürzeren Process — so muss jetzt unbedingt die Vorlage auch nominell aus dem Wege geräumt werden. Entweder wird sich also Dupuy vom Senat stürzen lassen — was wohl überflüssig ist, oder er wird bei seiner verfassungsmäßigen Entlassung beharren oder irgendwie einem anderen Cabinet dieErklärung überlassen, dass kein Angeklagter seinen natürlichen Richtern entzogen werden darf. Das könnte wohl ein Cabinet Rib ot mit verkappten Dreyfusacden unternehmen. Allein da auf eine solche Erkläruug kein Votum