Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Article
- Jüdisch-deutsche Lyrik
- Date
- 1899-02-24
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. S „Die A Welt4* Seite 1& seiner Geliebten mit dem Duft von gekochten, noch warmen, geschälten, süßen Mandeln, Salomo mit Aepfelduft, Altenberg denkt au - sonnige Berggipfel, Salomo an den Gipfel des Palmbaumes. Außerdem will ich noch verrathen, dass die „Primitive" gerne Roquefort-Käse, Branzin und Aspik isst, die schöne Schulamit aber süße Früchte. Ueberhaupt hat Altenberg alles, was sich in der Speisekarte der Gasthäuser an Fremdwörtern findet, sorgfältig gesammelt und in seine Poesien verwebt. Das ist eine Errungenschaft, die er vor dem biblischen Sänger voraus hat. Er hat, wie alle modernen jüdischen Lyriker, auf die stärksten Wirkungen freiwillig verzichtet, indem er sich von dem National-Bolksthümlichen entfernte, dem einzigen Hintergründe, der den Werken eines Dichters Kraft und Farbe verleiht. In dieser Beziehung ist Altenberg ein. elastisches Beispiel für viele. — — Alle echt dentschen Lieder sind auf das Engste verknüpft mit den Schönheiten des germanischen Bolkscharakters., Das germanische Lied singt von der Treue der hehren Helden, vom Sausen der Baumriesen des deutschen Waldes und von dem sanften Ernste der deutschen Frau. So ist's bei allen Völkern, bei den slavischen und romanischen, bei dem kleinen Magyarenvolke mit seinen charakteristischen Poesien und bei den skandinavischen Völkern. Sogar das kleine Island hat seine eigenen Dichter und singt von dem starken Nordwinter, der dem Lenz nicht entflieht und sich nur auf die Berge zurückzieht. Wenn aber der Jude von heute von seinem herrlichen Gotte oder von seinen herrlichen Frauen sprechen will, so verkleidet er erst sich selbst, dann seinen Gott und seine Geliebte als Christen. W Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (37. Fortsetzung.) Dieser fast wunderbare Umschwung der Dinge hatte sich auf die einfachste und natürlichste Art vollzogen. Die Arbeitercolonie des Goldschild'schen Besitzes lag noch im Seelsorgersprengel der Pfarre Siegling. Eine dienstliche Angelegenheit hatte den Geistlichen in die byzantinische Billa geführt, wo Baron Jsak gerade seinem Enkel einen Besuch abstattete. Der kleine Jonathan hatte für die Sache, die den Geistlichen hergeführt, Interesse gefasst und ihn gebeten, ihm über ihren weiteren Verlauf zu berichten. So war dem ersten Besuche ein zweiter und diesem wieder viele andere gefolgt. Seitdem Dr. David das Paramentengeschäft gemieden, waren sich Oheim und Neffe nicht wieder begegnet. Aber obgleich der Zeitraum der Trennung erst einige Wochen gedauert, standen sich die zwei Männer heute ganz entfremdet gegenüber. Die Schuld lag freilich auf Seite des alten Arztes. Dieser hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, in Josef den Zerstörer des guten Einvernehmens mit dem Karl-Raphael'schen Ehepaare zu sehen und war ihm mit derart schneidender Bitterkeit begegnet, dass der Priester selbst wider seinen Willen eine feindselige Stellung hatte einnehmen müssen. Die letzten Wochen, in denen die beiden Parteien nichts von einander gehört schienen dieses Verhältnis nicht nur nicht gemildert, sondern vielmehr auf die Spitze getrieben zu haben. Denn wie sie sich jetzt unvermuthet an- Jonathans Bahre begegneten, maßen sie sich mit so feindseligen Blicken, dass der Ausbruch eines Streites unvermeidlich schien. Indessen legte die Gegenwart des Kranken den erhitzten Gemüthern einen wohlthätigett Zwang aüf. Sie begnügten sich damit, gegenseitig, einander so wenig Beachtung als möglich zu schenken. Nach einer' Viertelstunde machte der Pfarrer der peinlichen Lage ein Ende und rüstete zum Aufbruch. Kaum dass sich die Thüre hinter ihm geschlossen hatte, platzte Dr. David unmuthig heraus: „Du — Jonathan — was sucht dem der Schwarze eigentlich hier?" Aber der sieche Knabe gieng auf den angeschlagenen spöttischen Ton nicht ein. Mit der wohlthuenden, warmen Begeisterung der Jugend erzählte er, wie gut und sanft der Pfarrer von Siegling sei und wie er trotz der schier erdrückenden Last seiner Berufsgeschäfte noch immer Zeit finde, fast täglich ein Stündchen dem Kranken das „Festungsspiel" zu lehren. „So, so — das Festungsspiel lehrt Dich der fromme Herr!" meinte Dr. David sarkastisch. „Das ist allerdings ein hübsches Vergnügen!" Und im Gedanken fügte er hinzu: „Na warte — Hochwürdiger ----- den Spass werde ich Dir gründlich verderben!" Denn dass es Pfarrer Goldschild auf nichts Geringeres als auf die Seele des kranken reichen Erben abgesehen hatte, war dem schlauen Greise sofort klar. Schon im Laufe des Abends erkannte er, dass der Priester seine Zeit gut benützt hatte. Manche Frage aus dem Munde des klugen Kindes verrieth, wie, während die kleinen Soldaten auf dem papierenen Schlachtfelde ihre Manöver ausgeführt, der Same der christlichen Lehre in das junge Herz des Feldherrn gesäet worden war. Dr. David dagegen waren die Hände gebunden. Was sollte er dem dreizehnjährigen, siechen Jonathan auf sein Forschen erwidern? Sollte er etwa diesem Kinde mit kalten, ätzenden Worten die Lehre des atheistischen Materialismus verkünden? Diesem Siechem — dem weder die Wissenschaft, noch die Bildung des Geistes Ersatz für die blauen Träume zu bieten vermochte! Durfte er die Verantwortung auf sich nehmen, einem Sterbenden den winkenden Himmel zu entgöttern und den Tod zu ernüchtern? Nicht nur das banale Mitleid, auch die Ehrfurcht, die jeder sittliche Mensch den gewaltigen, weltbewegenden Ideen zollt, hinderten den Arzt an solchem Beginnen. Aber der alte Priesterhass spornte David mächtig an, dem Pfarrer seine Beute abzujagen. Auch sah er klar, wie im gleichen Maße, als Josefs Einfluss auf Jonathan erstarken, der eigene schwinden würde. Wozu dies führen musste, war leicht ersichtlich. Derselbe Vorgang, der sich in den ersten Wochen nach Josefs Eintreffen im Paramentengeschäfte abgespielt, drohte sich auch hier zu wiederholen. Gleichwie das warme Plätzchen in der Mariahilferstraße dem alten Arzte durch das maßlose Agitieren des Geistlichen verleidet worden war, würde sich bald auch in der byzantinischen Billa auf dem Kahlenberge kein Stuhl mehr für ihn finden. Aber hier wollte sich Dr. David doch zur Wehre setzen. In diesem Hanse hatte er zum mindesten ein ebensogutes, wenn kein besseres Recht zu sitzen, als der herrschsüchtige Pfarrer von Siegling. Es galt, seinem bestrickenden Einflüsse von allem Anfänge au energisch entgegenzuarbeiten. In einem erregten Augenblicke hatte David Dr. Geist gegenüber seinem erbitterten Herzen Luft gemacht. Der junge College hatte nur die Achseln gezuckt und den Rath ertheilt, dem Einflüsse des Geistlichen den des Rabbiners entgegenzustellen. Dr. David war so ergrimmt, dass er diesen Plan ernstlich überlegte. Zuletzt beschloss er jedoch, den Kampf lieber allein aufzunehmeu. Selbst den Beistand Geists wies er ab. Von einer Bertheidigung theologischer Sätze konnte bei der großen Jugend des Knaben natürlich keine Rede sein. Es kam vielmehr nur darauf an, der kindlichen Phantasie des Kranken Nahrung und Beschäftigung zuzuführen, um sie gegen die verlockenden Bilder der christlichen Lehre widerstandsfähig zu gestalten. Der Aufgabe fühlte er sich gewachsen!