Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Article
- Mimisrach Umimaarabh [Rezension]
- Date
- 1899-02-24
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die & Weit“ Nr. tz ist. erhebt sich über sein Milieu, über Nauru uud Zeit, denn er wird zu einem universellen Geiste, der in die geheimsten Geheimnisse des Lebens dringt. — Die Abhandlung Berdyezewskis kann mit Recht zu dem Besten gezählt werden, was über den Chassidismus geschrieben worden ist. Von demselben Autor ist noch ein Aufsatz „Alter und Jugend" in dem Hefte erschienen, der eine Umwertung aller jüdischen Werte verlangt. Der Aufsatz ist eigentlich eine Kritik des Buches „Am Kreuzwege" von Ach ad-Ha am. Dr. Berdyezewski ist sein entschiedenster und ausgesprochenster Gegner. Das, was Ächad-Haam von den jüdischen Werten sagt, scheint ihm fast das Bedeutendste zu sein, aber trotz alldem, oder vielleicht deswegen, muss er Stellung gegen ihn und gegen seine ausgesprochenen Ideen nehmen. Es muss zugegeben werden, dass diese Kritik Achad-Haams auch die bedeutendste von allen Kritiken in der hebräischen Literatur ist. — Der Aufsatz von B. Hurwitz „Der Ökonomische Factor und sein Einfluss auf die Geschichte unseres Volkes" beginnt mit einer in sehr populärer Form gehaltenen Auseinanderlegung der Bedeutung der Nationalökonomie überhaupt, was für das jüdische Lesepublicum sehr wertvoll ist, und übergeht endlich zur Beweisführung des Einflusses des ökonomischen Factors auf die jüdische Geschichte. — Herr Dr. R a p a p o r t hat sich in dem Sammelbuche mit einem Aufsatze über jüdische Volkslieder eingestellt. Er meint wie Herder, dass die Stimmen der Völker nur in den Liedern zu vernehmen sei. In allen Volksliedern, die unser Volk singt, ist ein Sehnen nach Zion, Heimweh zu vernehmen. Was er über die jüdischen Minnesänger (Marschalks) sagt, ist sehr richtig. Wirklich schade, dass ein solch bedeutender Zweig jüdischer Volkspoesie so vernachlässigt worden ist. — Es sind noch wissenschaftliche Aufsätze von Steinschneider, Malter, Schreiner da. Dr.N eum a rk schreibt eine Ren cension der Reden und Predigten von Zadoc Kahn, Grand-Rabbin in Frankreich. Von Dr. Farbstein ist eine Bemerkung „Zur Entwicklung der Assimilation in Israel". Nur ein Gedicht, auch unbedeutend, ist zuletzt abgedruckt. Merkwürdig, dass in diesem Sammelbuche für „Literatur uud Wissenschaft" keine einzige Novelle oder Erzählung vorhanden ist. J. M. Intuition Jüdisch-deutsche Lyrik. Von Rudolf Kohn (Prag). Die heutige deutsche Lyrik ist zu einem guten Viertheil jüdisch. Zwar haben sich die meisten dichtenden Inden seit Börnes Zeiten recht arische Pseudonyme erwählt, um sich so in die deutsche Literatur gleichsam einzuschleichen; sie sprechen niemals von jener Rasse, deren Namen man in guter Gesellschaft nicht nennt; sie sind bestrebt, alles Jüdische abzustreifen, um sich ihrem deutschen Milieu^ anzupassen. Aber das nützt ihnen wenig. Mitten in dem deutschen Liede erfasst sie die jüdische Stimmung mit ihrem bald jauchzenden, bald' bedrückten Verlangen, mit chrer bilderreichen, symbolistischen Palmensprache mit ihrer selbstquälerischen, impressionistischen Grüblerei. Einer der interessantesten unter den assimilations-sehnsüchtigen Dichtern ist P e t e r A l t e n b e r g, der vielbewunderte Wiener Impressionist, „unser" Altenberg, wie er von Hermann Bahr genannt wird. Es ist wirklich merkwürdig, dass dieser Mann, der alle Sensationen des Mitteleuropäers durchlebt und beschrieben hat, noch niemals eine Zeile gefunden hat für das tausendjährige Leid seines Volkes, ja, dass dieser mitten unter uns ausgewachsene Impressionist seine jüdischen Impressionen und Emotionen ängstlich vor der Welt verbirgt! -Und doch sind seine Prosa-Gedichte voll von innerlichem, unabstreifbarem Judenthum. Das ist auch sein Gluck, denn ohne das, was er von Vater und Mutter bekommen hat, bliebe nichts mehr von ihm übrig, als ein kleinwenig auerzogenes Europäerthum. Niemand würde ihn dem bisschen Anstrich zuliebe lesen. Die Allermodernsten, die ihre „Individualität" so sehr in den Vordergrund ihrer Arbeiten stellen, vergessen ganz, dass das wesentlichste Merkmal des Individuums seine Abstammung ist. Natürlich-ein Dichter ist nicht geringer, wenn er kein Jude ist, aber einer, der Jude ist und es nicht sein will, der ist kein Dichter! Der ist weniger als ein Mensch, er ist ein Halbmensch! Nicht das Milieu allein macht den Dichter. In den Werken echter Poeten findet man den Gedanken ihrer Väter und Mütter, es klingen da Stimmungen wieder, die vor mehr als tausend Jahren in den Ahnen getönt haben. „Was an uns Original ist, wird am besten erhalten und belebt, wenn.wir unsere Altvordern nicht aus den Augen verlieren." (Goethe.) Schon oft ist gezeigt worden, welch überraschende Aehnlichkeiten in Stil und Inhalt Heines Kunst und die Psalmendichtung aufweisen. Ich glaube, dass der Ursprung der symbolistisch-impressionistischen Dichtkunst noch viel weiter zurückgeht, bis auf die ägyptische Hieroglyphen-Literatur. Das nachfolgende Gedicht der ägyptischen Königin Noser-i-Thi, welches den Eindruck der ausgehenden Sonne schildert, möchte ich als das älteste impressionistische Gedicht bezeichnen. „Du Sonne, Du Göttin des Lebens, nichts ist wie Du! Durch Deine Strahlen machst Du die Augen der Sterblichen gesunden-Du Schöpferin aller Wesen! Gehst Du auf am östlichen Lichtkreis des Himmels und spendest Bewegung allem Lebendigen, so schauen sie Dich an-Und sie schlummern ein, wenn Du untergehst!" Wie man sieht, hat die Königin nicht nur ein schönes impressionistisches Gedicht gemacht, sie hat schon — viertausend Jahre vor seiner Entdeckung — das physikalische Gesetz von der Energie vorausgeahnt. Sie hat, wie die meisten Aegypter, gewusst, dass die Sonne die Energiequelle für alles Leben auf der Erde ist. Vielleicht war sie, wie sehr viele ägyptische Königinnen, eine Semitin. Vielleicht auch nicht. Es ist so ein leiser Psalmenton in ihrem Gebet. Bei den modernen jüdischen Lyrikern tritt die Verwandtschaft mit den Sängern aus der Bibel viel stärker hervor. Sie schreiben sozusagen die Psalmen des neunzehnten Jahrhunderts. Ihre Sprache ist nicht so kräftig, ihre Farben sind blasser, ihre Contrastwirkungen sind abgemilderter, ihre Empfindung ist etwas neurasthenischer. Aber trotz der Anstrengungen, ihre Abstammung zn verleugnen, um dem überallgegenwärügen Judenhass zu entfliehen, können die Bedauernswerten aus ihrer jüdischen Haut nicht heraus! Viele Stellen ließen sich dafür anführen. Es wird vielleicht von Interesse sein, an einer einzigen Stelle bei Peter Altenberg und König Solomo das Trennende und das Gemeinsame zu zeigen. Beide Dichter besingen da die Schönheit des Körpers der Geliebten, die Reinheit ihres Athems und das Hochgefühl im Angesichte der Schönheit. König Salomo singt im Hohenlied (nur ein kleiner Theil des Lobes der Geliebten ist hier zum Vergleich herangezogen) : Wie schon, wie lieblich bist Du, Liebliche, Wonnige! Dieser Dein Wuchs ist der Palme gleich, Und Dein Busen den Trauben! Erklimmen will ich den Palmenbaum, ergreifen seine Zweige. Dein Odemsdnft ist wie von Aepfeln, Und Dein Mund wie köstlicher Wein! Peter Altenberg in „Wie ich es sehe" „Die Primitive". Er sagte: „Sie haben einen Athem, wie der Duft von gekochten, noch warmen, geschälten, süßen Mandeln." Erdachce: „Dieser Athem ist die Consequenz des Gesammtorganismus. Um dieses Athems willen liebe ich Dich. Er ist ein Gotteszeichen, ein wahrer Gotteshauch: „So rein kann alles an uns werden!" Es überkam ihn die „göttliche Frohheit" über das Vollkommene. Es ist wie das Ausjauchzen des Wanderers auf dem sonnigen Berggipfel-höher geht es nicht! Daher die Ruhe, der Fr.ede, das Glück! Der erfüllte Wunsch Gottes-- es gibt nichts Heiligeres! Und dieser Wunsch bezieht sich auch auf jenen „schweren Träger der Seele". Vielleicht ist es pietätlos, den schönheitstrunkenen, geistsprühenden Sonnenkönig mit dem Wiener Kaffeehausdichter zu vergleichen. Ich habe auch absichtlich . nur eine schwächere Stelle seines hohen Liedes der Liebe genommen, aber der Vergleich zeigt doch, wie wenig die jüdischen Lyriker in den letzten 2900 Jahre an Ausdrucksmitteln und Schwung der Sprache zugelernt haben. Ein paar Gedankenstriche, ein paar Interpunktionen — das ist der Gewinn einer Entwicklung von so langer Zeit! Peter Altenberg vergleicht den Athem