Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Article
- [Kommentar] / W.
- Date
- 1899-02-24
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8 „Die Welt“ Seite 13 actuelle Thema, das in kurzer Zeit vielfach behandelt werden dürfte, findet einen tüchtigen, leider etwas zu wortkargen Interpreten. Wir hoffen, dass der Verfasser es bei diesem kurzen Aufsätze nicht bewenden lassen wird. Noch zu erwähnen sind die Artikel über „Kalman Schulmann" und den alten Krakauer jüdischen Friedhof. Die „literarische Umschau" ist für eine solche Monatsschrift wie „Jerusalem" entschieden zu dürftig. Die Redaetion verspricht, später das Versäumte nachzuholen. Das wäre zu wünschen. W. Der Jude OTp ‘"1JH). Zeitschrift für alle jüdischen Interessen. Halbmonatsschrift im Verlage der Gesellschaft „Ach i as a f". Es war ein mühseliges Werk, bis diese Zeitschrift zustande kam. Ein Jargonblatt! Man kennt die zahllosen Vorurtheile und unglaublichen Ansichten, die über den Jargon verbreitet waren und zum Theile noch sind. Man weiß aber auch, dass die Männer, welche wirklich ihr jüdisches Volk lieben und es gerne theilnehmen lassen möchten an dem Leben mit all seinen Erungenschaften und geist- und herzerhebenden Fragen, längst aufgehört haben, den Jargon zu missachten. Sie sind zur Erkenntnis gelangt, dass er, das einzige Verständigungsmittel für circa 4 Millionen Menschen, dem Volke zu unendlichem Segen werden kann, wenn man ihn zu edlen Zwecken benützt. Und das will der Verlag „Achiasaf" thun. Deshalb hat er eine große Anzahl von jüdischen Schriftstellern für seine Zeitung verpflichtet, und deshalb finden wir schon in dem Verzeichnis der ersten Nummer einige der klangvollsten Namen der jüdischen Volksschriftsteller. Eingeleitet wird das Heft durch einen Programmartikel, der die Absichten der Herausgeber in klarster Weise umschreibt. Sie erklären, dass sie die oft jämmerlichen Erzeugnisse der heutigen Jargonliteratur in ihrem ganzen Unwerte, ihrer vollen Schädlichkeit erfassen und darauf ausgehen, den Geschmack des Volkes durch gute, gehaltvolle, wissenschaftliche und belletristische Lectüre zu heben. Was im jüdischen Volke vorgeht, vor allem der große Regenerationsproeess, der sich jetzt vorbereitet, soll in anschaulicher, gemeinverständlicher Weise den Lesern auseinandergesetzt werden. Aber nicht nur das. Auch die Ereignisse, die außerhalb des jüdischen Lebens sich abspielen, sollen, ob sie wirtschaftlich, culturell oder sonstwie bedeutend sind, zur Kenntnis der Leser gebracht werden. Ein Organ der Volksbildung und Volksveredlung soll der „Jude" werdendas ist das Ziel, dem die Herausgeber zustreben wollen. — Was im ersten Hefte geboten wird, lässt auch das Beste erwarten, Mendele Mocher Ssorim erzählt „eine alte Geschichte". Die Beschreibung des Passahausganges, die Schilderung der auftretenden Personen lässt den tüchtigen Schriftsteller sofort erkennen. Lilienblum hält strenges Gericht über die Colporteurromane und ähnliches Schandzeug, durch welches der Geschmack des jüdischen Publicums entsetzlich verwüstet wurde. Ben A m i beginnt eine stimmungsvolle Erzählung unter dem Titel „Nach Basel", S. Rosenseld entwickelt in einem Briese an die Herausgeber seine Ansichten über die Aufgaben eines Jargonblattes. Eine prächtige Skizze aus dem Leben eines kleinen polnisch-jüdischen Städtchens bringt I. L. Perez, während Scholem Alechem schon durch die ersten Zeilen seiner Erzählung die Lacher auf seiner Seite hat. Dann folgt eines der schönsten Gedichte des Jargondichters Morris Rosenfeld, dessen Lebenslauf, ein echt jüdisches Wanderleben, ebenso merkwürdig ist, wie sein höchst eigenartiges Talent. Die Dichtungen, übrigens bereits als „Songs from the Ghetto44 ins Englische übersetzt, sind von außerordentlicher Schönheit und echt jüdischer Herzenstiefe. Der „Achiasaf" verdient' alles Lob, dass er seinen Lesern die Kenntnis dieses Dichters vermittelt. — Am Schlüsse des Blattes folgen allerlei Nachrichten und ein Feuilleton von A. L. Lewinski. — Wir haben dieser neuen Erscheinung in der jüdischen Zeitungswelt eine etwas längere Besprechung gewidmet, weil wir von der Wichtigkeit dieses Unternehmens überzeugt sind. Möge der Verlag halten, was er verspricht, und alle Bolksfreunde, wie das Volk selbst, werden mit dem gebärenden Danke und der ehrenvollsten Anerkennung nicht kargen. XV. Das Jännerheft des „Haschiloah", dieser musterhaft geleiteten hebräischen Monatsschrift, enthält eine reiche Fülle gediegener Aufsätze, die wir hier bloß streifen können, da uns eine längere Besprechung aus Rcmmrücksichten leider versagt ist. An leckender Stelle setzt der Redacteur, Achad Haam (A. Ginsburg), seine Artikelserie „Zu den Tagesfragen" (V.) fort. Er versteht es meisterlich, den Leser in seinen Bann zu ziehen; namentlich besticht er durch tiefen sittlichen Ernst. Allein die „moralischen Forderungen", die er im Namen des jüdischen Volksgeistes aufstellt, sind zu hoch geschraubt und für den westeuropäischen Juden, an dessen Adresse sie vornehmlich gerichtet sind, gar oft schlechterdings unerfüllbar. Aus Achad Haam folgt P. Minkowsky mit einem. „Volkslieder" überschrievenen Aussatz, der uns mit den Gesängen exotischer Bolksstämme bekannt macht, um dann später, wie der Verfasser verräth, auf die jüdischen Volkslieder überzugehen. Eh. D. H o r o w i tz beginnt unter dem Titel (der Abtrünnige) eine Erzählung, die sich recht ^cyörr anlässr. Dr. S. B er ns e ld stellt sich mit einem Essay über die „individuelle Moral" ein, worunter er die sittlichen Anschauungen der Ausnahmsnaturen und Ueberrnenschen im Gegensätze zu den staatlich und gesellschaftlich geaichten Moralbegriffen versteht. Er gelangt zu dem Schlüsse: „Für die individuelle Moral, nach der sich die Wenigen sehnen, ist in der Wirklichkeit kein Raum, wohl aber in der Welt der Ideen." M. L. L i l i e n b l u m bietet uns „Talmudische Studien", die von gründlicher Quellenforschung zeugen. R. Brainin erfreut uns mit einer überaus anziehend geschriebenen Biographie des Prof. M. Lazarus. D. Cahana gibt Beiträge zur Geschichte Sabbatai Zewis und seines Anhanges. CH. N. Bialik ist einer der wenigen wirklichen Dichter, welche die neuhebräische Literatur unserer Tage zählt. Auch sein vorliegendes Gedicht „Ha-Tikkun" ist tiefempfunden und im besten Wortstnne originell; Doch lässt die Form diesmal manches zu wünschen übrig. Wir erwähnen noch einen Artikel über die Schulen der „Alliance israölite universelle“ in Jaffa von der Direetrice an der dortigen Mädchenschule, Frl. R. Ioffe, ferner eine treffliche Skizze über Juden und Judenthum in Russland von S. Levy und schließlich das stereotype Feuilleton Rabbi Karows / worin der russische Autor diesmal seine „Europareise" schildert und die Juden des Westens mit dem sodomitischen Salze — um mich eines talmudischen Ausdruckes zu bedienen — seiner Satire tüchtig einlaugt. M. Z. G Bücherwelt. Heymann Stemtyal. Von Thomas A ch e l i s. Hamburg, Verlagsanstalt und Druckerei A.-G., 1898, 8" „Zwischen den Bedürfnissen des Gemüthes und den Ergebnissen menschlicher Wissenschaft herrscht ein alter, ungeschlichteter Zwist. Jene hohen Träume des Herzens aufzugeben, welche den Zusammenhang der Welt anders und schöner gestaltet wissen möchten, als der unbefangene Blick der Beobachtung ihn zu sehen vermag: Diese Entsagung ist zu allen Zeiten als der Anfang jeglicher Einsicht gefordert worden. Und gewiss ist das, was man so gern als höhere Ansicht der Dinge dem gemeinen Erkennen gegenüberstellt, am häufigsten doch nur eine sehnsüchtige Ahnung, wohl kundig der Schranken, denen sie entfliehen, aber nur wenig des Zieles, das sie erreichen möchte. Denn aus dem besten Theile unseres Wesens entsprungen, empfangen doch jene Ansichten ihre bestimmtere Färbung von sehr verschiedenartigen Einflüssen. Genährt an mancherlei Zweifeln und Nachtgedanken über die Schicksale des Lebens und über den Inhalt eines doch immer beschränkten Erfahrungskreises, verleugnen sie weder die Eindrücke überlieferter Bildllng und augenblicklicher Zeitrichtungen, noch sind sie selbst unabhängig von dem natürlichen Wechsel der Stimmungen, die andere sind in der Jugend, andere nach der Ansammlung mannigfaltiger Erfahrungen. Man kann nicht ernstlich hoffen, dass eine so unklare und unruhige Bewegung des Gemüthes den Zusammenhang der Dinge richtiger zeichnen werde, als die besonnene Untersuchung, mit welcher in der Wissenschaft das allen gemeinsame Denken beschäftigt ist. Dürfen wir dem menschlichen Herzen nicht gebieten, seine sehnsüchtigen Fragen zu unterdrücken, so wird es gleichwohl ihre Beantwortung als eine nebenher reifende Frucht jener Erkenntnis erwarten müssen, die nicht von denselben Fragen, sondern von leidenschaftsloseren und darum klareren Anfängen ausgieng." Diese Worte, mit denen Hermann Lotze seinen Mikrokosmus einleitet, lassen sich als Motto für die segensreiche Lebensarbeit des tiefsinnigen Sprachphilosophen, Völkerpsychologen und Ethikers Steinthal verwerten, von dem uns Achelis in kurzen, gedrängten Zügen ein prägnantes und lebensvolles Bild entwirft. S. Mimisrach Umimaarabh. (Von Ost und West.) Hebräisches Sammelbuch für Wissenschaft und Literatur. Herausgegeben von Rüben Brainin Band IV. Berlin 1899. Ursprünglich ist dieses Sammelbuch als Monatsschrift zur Welt gekommen. Nur die ersten drei Hefte erschienen als Monatsschrift. Der erste Aufsatz ist von Herrn Brainin überden Wilnaer „Gaon". Der „Gaon" ist eine der interessantesten Persönlichkeiten, die das Judenthum in den letzten Jahrhunderten hervorbrachte. Er war ein Product der historischen jüdischen Cultur, wie kein anderer. Merkwürdig genug, dass derLieblingsspruch des Gaons war, „dass Elias (so war sein Name) Gott dienen könne, auch ohne etn Jenseits." Es sind viele feine Bemerkungen in der Brainin'schen Charakteristik des Gaons, aber die Vergleiche zwischen dem Gaon und Spinoza stören beim Lesen. Der Aufsatz ist eine der schönen Arbeiten Brainins. Wundervoll und im bezaubernden Stile geschrieben ist die Betrachtung des Dr. M. I. B e r d y c z e w s k i „über die Seele der Ehassidim." Nur ein Virtuose der hebräischen Sprache und ein hervorragender Kenner des Chassidismus, wie es Dr. Berdyczewski ist, konnte diese Abhandlung schreiben. Der Chassidismus ist für ihn einphilosophisch-mystisch-religiösesSystem, das dem Pantheismus ähnlich ist, eine Renaissance Des Menschen im talmudffch-easuistischen Judenthume. Der Mensch, der Chassid