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Die Welt · 1899-02-24 · 8 (24.2.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
8 (24.2.1899)
Article
Breslau / K.
Date
1899-02-24
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die H Welt“ Nr. 8 Die Ausführungen des Blattes sind besonders interessant, weil es ein offiziöses deutsches Blatt ist, das sich in solcher Weise über den Zionismus ausspricht, währenfast gleichzeitig — es macht uns Spass, das gegenüberzustellen — in der „Mg. Zeitung des Judenthums" (Geschäftsfirma Mosse & Karpeles) dem hochverehrten Publico „das Ende des Zionismus" verkündet war. Die „Schlesische Zeitung" ist das Organ der Beamten- und Adelskreise, sein letzter Redacteur ist erst vor kurzem zu einer leitenden Stellung ins Ministerium berufen worden. Der Artikel der Zeitung ist von umso größerer Bedeutung, weil er von neuem die Sympathien der leitenden Kreise Deutschlands für den Zionismus zum Ausdrucke bringt. K. Türkei. Saloniki. Ein angesehener Journalist sagte mir einst, jedes Lesepublicum habe das Blatt, welches es verdient. Dieser harte Ausspruch mag im allgemeinen zutreffend sein, auf die Judenschaft der Türkei und der altehrwürdigen Judenstadt Saloniki passt er aber nicht, denn diese verdiente wirklich andere und bessere Zeitungslectüre, als diejenige, welche sie jetzt hat. — Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung im Orient war stets gut zionistisch gesinnt, und ist es heute noch, trotz der Schandpresse und der leider systematisch betriebenen französischen Verziehung und Verbildung des Volkes. Die Massen haben noch kaum eine Ahnung von der modernen zionistischen Strömung, oder vielmehr sie lesen nur die verlogensten Entstellungen und Verleumdungen darüber. — Wenn man sie aber einzeln oder in Gruppen über das leuchtende Endziel des Zionismus belehrend aufklärt und ihnen beweist, dass die Verwirklichung des zionistischen Projectes zugleich mit der Erlösung des jüdischen Volkes auch das türkische Reich wirtschaftlich stärken und fördern wird, dann begeistern sich oiese einfachen Männer für die große Sache, sie erblicken darin die Erfüllung eines tausendjährigen heiligtheuren Vermächtnisses und sind für uns gewonnen. — Diese Erfahrung habe ich hier schon öfters mitgemacht. Vorläufig nehmen unsere Gegner noch den Mund ziemlich voll, und wie diese über den Zionismus losziehen, verdient erörtert zu werden. In Saloniki erscheinen zwei Wochenblätter in spanischem Dialect, „ElAvenir“ und „LaEpoca“, und ein drittes in französischer Sprache, „Le Journal de Salonique". — „ElAvenir“ ist so etwas, was man im Oceident orthodox-eonservativ nennen könnte. Dieses Blatt glaubt.besonders weise zu handeln, wenn es sich über den Zionismus gänzlich ausschweigl. Für die Leser dieses „eminent jüdischen" Organs mit dem vielsagenden Namen existiert der Zionismus also nicht, und seine Redaction wird wohl von einer anderen besseren Losung der jüdischen Frage etwas träumen. Lassen wir den ..Avenir“ weiter schlafen und träumen, und wenden wir uns dem zweiten „jüdischen" Blatt, der „Epoca" zu. Diese gehört einem Herrn Levy, dessen Söhne die Redacteure sind. Die ..Epoca“ ist schon etwas tapferer als der „Avenir“, denn sie nimmt manchmal Veranlassung, gegen den Zionismus loszuziehen und ihn mit Schlagworten wie Utopie, Schädigung der Türkei, Ruin des Judenthums rc. zu bombardieren. Doch geschieht das nicht gar oft, denn die langen schlüpfrigen Berichte über das Leben auf den Pariser Boulevards, die Abhandlungen über die moderne französische Pornographie erscheinen den Redacteuren der^Epoca" viel wichtiger und lesenswerter, als beispielsweise die Baseler Gongressverhandlungen. Das „Journal de Salonique“ gehört demselber Eigenthümer wie die „Epoca" an und wird in derselben Küche gebraut. Wiewohl für die hiesigen Juden gemacht, gibt es sich den Anschein, kein jüdisches Blatt sein zu wollen. Wenn es aber Gelegenheit findet, den Zionisten eins zu versetzen, so thut sich das gute Journal gar keinen Zwang an. Als letzthin bei Besprechung der französischen Conferenciers unser Gesinnungsgenosse Bernard Lazare an die Reihe kam, leistete sich das Blatt folgenden famosen Ausspruch: . „II s’estoccupe a un moment donne du sionisme. Je me dem an de ce qu’il est alle faire dans cette galere la" ... — Also das zionistische Lager eine Strafcolonie, ein großes Zuchthaus, eine Galeere! . .. . Wenn das nicht Blödsinn ist, dann ist es eben Wahnsinn Mein Journalist war im Unrecht. Das jüdische Lesepublicum im Orient verdient denn doch eine andere Zeitungslectüre. — Saloniki, im Februar 1899. M. J. C. Amerika Chicago. Max N o r d a u hat vor kurzer Zeit an die Redaction der in Chicago erscheinenden hebräischen Wochenschrift „Hapisgah" ein Schreiben gerichtet, das wir hier auszugsweise wiedergeben: „Eine Menge von Lumpenproletariern . und Schnorrern werden wir nicht haben und werden wir auch niemals aufkommen lassen. Wir werden alle arbeiten, und wenn auch nach meiner Berechnung einstweilen unser Kohl nicht allzu fett sein dürfte, so werden doch wenigstens keine Ausbeuter und Blutsauger im Judenstaate zu finden sein. Dies verbürgt uns sowohl die Lehre Mosis, als auch die nationalökonomische Schulung, die wir aus Europa hinüberbringeu werden. Das jüdische Volk wird sich sowohl mit dem Ackerbau als arrch mit der Industrie beschäftigen, denn ein gesunder, natürlich gearteter Stamm kann sich nur durch beide Erwerbszweige ernähren. Irgendeinen Menschen zu zwingen, diese oder jene Arbeit zu wählen, das kann niemandem beifallen nnd dazu hat auch niemand die Macht. Jedermann wird sich seinen Lebensweg selber ausersehen. Wer Lust hat, in einem Gewerkshaus zu arbeiten und einer Maschine vorzustehen, der kann nicht genöthigt werden, den Pflug oder den Dreschflegel zu handhaben. Wir können für das Volk bloß durch Gesetze Vorsorge treffen, durch eine Wohlfahrtsgesetzgebung, welche beispielsweise bestimmt, dass die Fabriken hygienisch eingerichtet seien, dass der Arbeiter nicht überbürdet und ausgesangt werde." In den weiteren Ausführungen feines Briefes sagt Nord an: „Wir werden in der Bibel ein weises und verständiges Volk genannt. Wenn ich aber das Verhältnis vieler Inden zur zionistischen Frage betrachte, muss ich mich gramerfüllt fragen, ob wir auch wirklich recht haben, uns diesen Namen beizulegen." P Allerlei ... Die deutschen Juden haben alle Veranlassung, dem verstorbenen zweiten Reichskanzler Grasen Eaprivi ein gutes Andenken zu bewahren. Derselbe nahm mehr als einmal die Gelegenheit wahr, den Judenfeinden derbe Wahrheiten zu sagen. Das kam u. a. während des berüchtigten Xantener Processes zum Ausdruck. Graf Eaprivi durfte stolz darauf sein, durch sein mannhaftes Auftreten sich den Hass der Conservativen, Antisemiten, Agrarier und Socialisten zügezogen zu haben. Der Unabhängige Orden ,,Eree Sons of Israel" in Amerika begieng am 15. Jänner sein 25. Jahresfest. Seit seinem Bestehen vertheilte derselbe mehr als 10 Millionen Dollars an Sterbe- und Unterstützungsgeldern und besitzt einen Reservefonds von 300.000 Dollars. Der „Rhein Courier" meldet, dass in einem Geschäftszimmer des Regierungsgebäudes in Wiesbaden sich ein Zettel befindet mir der Aufschrift: „Juden ist der Aufenthalt in diesem Raume nicht gestattet." Natürlich handelt es sich um ein Privat-„vergnügen" untergeordneter Organe; aber dass sie in ihrer amtlichen Thätigkeit derart ihren antisemitischen Gelüsten fröhnen dürfen, ist genug bezeichnend. % Auch in Berlin beeilt man sich nicht gar sehr, wenn es sich um die Erledigung von Schulfragen handelt, die Juden betreffen. Am 10. November v. I. remonstrierte die städtische Schuldeputation gegen eine Verfügung des Provinzialschul-Collegiums vom 22. April v. I., aber eine Antwort ist bis jetzt nicht eingetroffen. Es handelt sich um die Ordinariate jüdischer Lehrerinnen. Die Generalversammlung des Thierschutzvereines in Insterburg sprach sich nach einem Referate von Rabbiner Dr. Beermann über „Thierschutz in Bibel und Talmud" einstimmig zugunsten des rituellen Schächtens „als eine mindestens so humane Schlachtmethode wie alle anderen" aus, und erklärte die gegen das Schächten unternommenen Schritte als „ein von tbierschützlerischen und antisemitischen Fanatikern genährtes Vorurtheil". Nach der soeben erschienenen Zeitschrift des preußischen statistischen Bureaus zeigt sich wiederum eine Abnahme der jüdischen Geburten pro 1897. Im ganzen wurden geboren 1,193,860 Kinder und hätten darunter 14.207 jüdische Kinder sich befinden sollen, während es thatsächlich nur 8157 sind (1896 — 8300) oder 57%; das ist eine enorme Differenz. In der Zahl der Todesfälle ist eine relative Besserung insoferne eingetreten, als sie nicht höher ist als im Vorjahre. Sie beträgt 5374, und zwar 1304 Kinder unter 15 Jahren (Sollziffer 4201) und 4070 Erwachsene (Sollziffer 3927). Das günstige Verhältnis bei Kindern (1894 noch 1499) ist ein mithin nur sehr geringer Ausgleich. Die Zahl der jüdischen Ehen betrug 2632 (1896 — 2470), der Mischehen 424 (1896 - 397). C0^D

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