Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Article
- Wien / F. E.
- Date
- 1899-02-24
- Page
- 9 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 8 „Die A Welt“ Seite 9 CMklMdkNM. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der intelligente Theil der Bevölkerung des größten Bezirkes von Wien, der „LeopoldstadL", hat alle Ursache, der nächsten Zukunft mit einiger Besorgnis entgegenzusehen. Der langjährige, ob seiner relativ liberalen Gesinnung geschätzte Pfarrer Weltswich von St. Leopold, ein 77jähr. gebildeter Manu, wurde am 2. Februar d. I. begraben, und so ist die Bahn nunmehr frei geworden für einen mehr der „modernen Tendenz" huldigenden „strebsamen", d. h. streitbaren Jünger der Kirche. Der „Herr von Wien" hielt denn auch das Ereignis für wichtig genug, um dem ohnehin schon genügend zur Schau getragenen Pomp noch ein weiteres, anscheinend politisches Gepräge durch seine Gegenwart zu verleihen. Abgesehen von den persönlichen Beziehungen, in welchen er zu dem Verblichenen stand, handelte es sich hiebei Herrn Doctor Lueger offenbar weit mehr um die Betätigung seines wiederholt ausgesprochenen Grundsatzes, „dass die „Leopoldstadt" wieder für das „Christenthum zurückerobert" werden müsse, und demgemäß ermangelte er auch nicht, ostentativ seine Zusammengehörigkeit mit dem „Volke" — seinemVolke — zum Ausdruck zu bringen. Wer etwa noch im Zweifel sein konnte über seine innersten Gesinnungen, der wurde wohl genügend belehrt durch die etwas theatralische Huldigung, die er den Spalier bildenden katholischen Vereinen, dem „Jünglings"-, Gesellen- und Meistervereine, zollte. Mit ostentativ zur Schau getragener Demuth und Unterwürfigkeit zeigte sich Dr. L u e g e r „seinem Volke". Der ganze Act spielte sich genau au jener Stelle ab, wo 1670 unter Entfaltung eines geradezu beispiellosen Pompes die Einweihung der neuen Kirche an der Stelle der früheren Synagoge, u. zw. „zu Ehren" der aus Wien und den Erblanden vertriebenen unglücklichen Juden vollzogen ward. Dieses herrlich-großartige Werk war allerdings „eine Messe" wert; allein schon nach 4 Jahren sahen sich die „ehrsamen" Bürger außerstande, die von ihnen — an Stelle der Juden — übernommenen Steuern ausznbringen, und so mussten sie an die Nachsicht des Staates appellieren... Ob die wenigen anwesenden freisinnigen Männer sich dieser Episode wohl entsonnen haben? — Jedenfalls konnten sie aus dem Vorgänge die Lehre ziehen, dass ihre Sache rechr schämm stehe, und dass der „Herr von Wien" sehr augenscheinlich um die Gunst des „kleinen" oder vielmehr „kleinsten" Mannes mit vielem Erfolge werbe. Es hat ganz den Anschein, als ob das so oft prophezeite Ende der antisemitischen Herrschaft noch ziemlich lange Prophezeiung bleiben wird. F. E. Wien. Die „Drohobyczer Handelszcitung" veröffentlicht zur Rothlage der Boryslawer Grubenarbeiter einen „Hilferuf", den wir hiermit auszugsweise abdrucken: „Dic Boryslawer Bergarbeiter sind fast seit einem Jahre, seitdem nämlich der Betrieb von 3/, der bestehenden Schächte infolge der neuen Vorschriften eingestellt worden, ganz beschäftigungslos. Sie haben während dieser Zeit alles, was sie besessen, verkauft, um ihr Leben zu fristen und den Hunger ihrer Frauen nutz Kinder zu stillen. Jetzt, nachdem sie ein ganzes Jahr am Hungertuche genagt, hat das Elend ihren Culminationspunkr erreicht. Starke, arbeitsfähige Männer schleichen wie Schatten herum, hungernd und verzweifelnd, ohnmächtig, sich und den Ihren zu helfen . . . Wir appellieren an den bekannten Wohlthäter David R. v. Gut mann, den Präsidenten der Wiener „Alliance", dem das Wohl seiner Glaubensgenossen am Herzen liegt; an das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung, insbesondere an dessen Generalsecretür, Herrn Dr. Friedländer, der das Elend in Boryslaw mit eigenen Augen gesehen hat; an die weltbekannte Philanthropin Baronin Hirsch — diese Wohlthäter mögen mit vereinten Kräften dem Elend der Boryslawer Bergarbeiter abhelfen. Es handelt sich nicht uw Almosen, um momentane Unterstützung, sondern um Arbeit für diese Menschen, die ohne ihr Verschulden in solches Elend gerathen sind. Die Boryslawer Schachtarbeiter sind zu jedweder, noch so schweren Arbeit fähig, sei es in Kohlen- und Eisenbergwerken, bei Eisenbahnbauten, sei es auch zu Fabr'cksarbeiten und Ackerbau." Wir übergehen mit Absicht diejenigen Stellen des „Hilferufes", die mit überschwänglichem Ausdruck an das Gefühl appellieren. Die Noth als einfache Thatsache wirkt beredt genug. Lemberg. In jüngster Zeit wird in der Landeshauptstadt und in den Provinzstädten Galiziens unter großem Beifalle ein Stück aufgeführt, welches, da es in Bälde auch in einem Wiener- Theater in deutscher Uebertragung gespielt werden wird, Beachtung weiterer Kreise verdient. Es ist das „Tendenz"stück T a mt e n - „Jener" von der unter dem Pseudonym „Josef Maskoff" bekannten Verfasserin der „Malta Sch warzenkopf" und des „Jojne Firulkes", der I. G. Zapolska. Tendenzstücke finden zwar erwiesenermaßen keinen Gefallen bei den professionellen Theater-. kritikern, dafür aber umso größeres Verständnis und Anerkennung b -iln Publicum. Es braucht nur erinnert zu werden an „Die Weber", „Bartel Tnraser", „Das neue Ghetto" und das oben erwähnte Drama „Jener". Dieses letztere Stück hat aber merkwürdigerweise nicht nur eine, sondern, wie manche Zuschauer behaupten, zwei Tendenzen, die eine, offenkundige, äußere: das Märryrerleben der wahren Polen Warschaus, und eine zweite, innere, uns Juden angehende, die man bei aufmerksamerem Beobachten erkennen mag: die Verherrlichung der „Picqnart-Episode" in der Dreyfuötragödie. Da diese Episode uns hauptsächlich interessiert, wollen nur sie kurz skizzieren. Ein russischer Oberlieutenant lässt auf geschickte Weise einem polnischen Studenten preußische verdächtige Papiere unterschieben. Grund dazu findet er in dem Umstande, dass er den Polen, der ihm bei einer Wirtshaus-Jungfer im Wege steht, unschädlich machen möchte. Ein edler, russischer Oberst, ein Beamter für „besondere Aufträge", wittert den Verrarh und wendet alles Mögliche an, um den Schuldigen zu entlarven. Sein Plan gelingt. Mit Mühe überzeugt er seinen Vorgesetzten General von der Schuld des Russen und bewirkt, dass der General den Chef des Berräthers von der ganzen Affaire verständigt. Um den russischen Namen nicht zu beflecken, übergibt der Chef dem Oberlieutenant einen Revolver, welchen derselbe auch dem Wunsche entsprechend benützt. Diese imaginäre Affaire unterscheidet sich somit von der wirklichen bloß darin, dass der Unschuldige befreit wird. Die edle Dichterin glaubte offenbar, dass Dreysus befreit werden müsste. Ob sie einen prophetischen Blick gehabt, dürste leider nicht so rasch entschieden werden. Am 28. Februar finden in Lemberg neue Wahlen in den Gemeinderath statt. „Vorläufig" schlummern noch unsere Juden, welchen dem neuen Wahlcensus zufolge eine bedeutende Stimmenzahl gesichert ist, einen s ans ten Schlaf, um daun in aller Eile den „consolidierten" Listen der „Großjuden", der Byk & Comp, zu folgen. Deutschland. Bveslatt. Die hier erscheinende „Schlesische Zeitung" druckt in ihrer Nummer vom 14. Februar den Aufruf des Centralausschusses der Berliner zionistischen Ortsgruppen vollständig ab, bespricht ziemlich wohlwollend den Vortrag N o r d a n s in Berlin und fügt folgende Bemerkungen über den Zionismus hinzu: „Die Ziele der Zionisten, wie sie hier (im Ausruf und von Rordau. Red.) dargestellt werden, verdienen in der That nicht nur aus jüdischen, sondern auch aus christlichen und allgemein menschlichen Gründen Beachtung. Bewährt es sich, was in der Einleitung des obigen Aufrufes gesagt ist, dass „hunderttausende von der Zionsidee ergriffen sind und sich zu selbstloser Opferwiüigkeit begeistern", so lässt sich der Bewegung auch die sachliche Bedeutung nicht mehr absprechen. Andererseits scheint ein, wenngleich noch geringer Kern jüdischer Ansiedler in Palästina den Beweis zu erbringen, dass sein Volksstannn sich zum Ackerbau eignet — eine Fähigkeit, die er in anderen Ländern bekanntlich nicht bethätigte, vielleicht aber aus heimatlichem Boden doch besitzt und weiter entwickelt. Eine Ausstellung von Erzeugnissen jüdischer Landwirtschaft aus Palästina fand vor einiger Zeit in Breslau statt und wies recht schätzbare Erfolge auf So wäre die Ansiedlung und Versorgung größerer Judenmassen in Palästina vielleicht doch keine Utopie. 'Ließe sich der Judenstrom, der bis jetzt von Osten nach Westen fließt, nach Süden ablenken, so wäre dies für Europa eine Erleichterung. Der zionistischen Bewegung, soweit sie die angegebenen Ziele ehrlich, friedlich und aus eigener Kraft des Judenthums verfolgt, ist daher im allgemeinen Interesse ein günstiger Fortgang zu wünschen."