Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Article
- Jüdische Arbeitskräfte
- Date
- 1899-02-24
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 8 „Die Welt44 Nr. 8 Jüdische Arbeitskräfte. Die „Frankfurter Zeitung" bringt unter der Ueberschrift: „Vom Bord eines Frachtendampfers" ein in mancher Beziehung recht interessantes Feuilleton von Dr. Sebald Schwarz in Blankensee. Dort findet sich eine lebensvolle Schilderung des bunten Treibens, wie es sich um den Dampfer im Hafen von Salonik entwickelt. Kaum liegt das Schiff fest, so ist das Deck von schreienden, gesticuliereuden, lachenden, zankenden Schauerleuten überfüllt. Hier sind es Armenier, dort Griechen, selten Türken, die für langsame Arbeiter gelten. „Die Tüchtigsten waren jedoch die Sephardim in Salonik." Es sind dies vertriebene portugiesische Juden, welche die Hälfte der Einwohner dieser Stadt bilden. Ich möchte jedem, der die Semiten für untauglich zu körperlicher Arbeit hält, einmal die stattlichen Gestalten vorführen, mit den oft edel geschnittenen Gesichtern. Wie fleißig und gewandt bewältigen sie große Mengen Ladung in kurzer Zeit! Besonders als es einmal galt, an einem Freitag noch vor 6 Uhr, dem Beginn des Sabbaths, das Schiff fertig zu machen. — „Was sollte der Türke am anderen Tage erst noch dazukommen und den Verdienst zum Theil haben?" — riefen sie einander zu. Der Gedanke, am Sabbath einige Stunden zu arbeiten, kam den Leuten gar nicht auf. Ueber das Eastend, das Jrrderrviertel von New-Iork, schreibt S. Hartmann im Sonntagsblatt der Staats- Zeitung" vom 22. Jänner unter anderem: Eines der interessantesten Bilder unseres Straßenlebens ist der sogenannte „pig market4, in Hefter Street am Donnerstag abends und Freitag morgens. Wir irren in einem kribbelnden und wimmelnden Ameisenhaufen, in einem Labyrinth, das von Handkarren und Verkaufsständen gebildet ist. Hier wird alles zum Verkauf angeboten, was diese genügsamen Menschen zum Leben brauchen. Bandannas und Zinkbecher zu zwei Cents per Stück, unreife Früchte für einen Cent das Quart, verdorbene Eier, Hüte und Brillen zu Spottpreisen, Fleisch und Fisch bei der Unze, selbst die mageren Hühner werden beim Viertel und Achtel verkauft, nachdem^ sie auf dem Geflügelmarkte am Gouverneur-Slip von jüdischen Priestern nach altherkömmlichem Gebrauch getödtet worden sind. Wie das Volk sich drängt. Wie es gesticuliert, betheuert, feilscht. Alte Männer mit langem, wallendem Barte, und junge, leichtfüßige Dirnen mit schwarzem Zottelhaar und bunten Tüchern um den Busen wandeln an uns vorüber. Die Frauen schleppen überall ihren reichen Kindersegen mit herum, und die Kleinen begehren schreiend heimzugehen, weil der Hunger sie plagt. Man ist ganz verblüfft von diesem aufgeregten Straßentreiben. Willenlos treibt man in diesem unaufhaltsam flutenden Menschenflrome hin und her, jeden Augenblick etwas Neues und Interessantes erspähend, aber wohnen möchte man hier nicht, vor allem nicht in der Nähe jener alten Kleiderhandler, an deren Läden man immer, von allerhand unheimlichen Ahnungen und Gefühlen durchschauert, vorübergeht und seine eigenen Gewänder eng um sich herum zusammenrafft, um jeder Berührung mit den Warenfetzen auszuweichen. Die Polizeibehörde hat öfters versucht, diesen ambulanten Bazar aus der Welt zu schaffen, aber der rltssisch-jüdische Straßenverkäufer und Hausierer lässt sich ruhig arretieren, bezahlt das Strafgeld und "ist schon wieder an Ort und Stelle, wenn der Blaurock seine nächste Runde durch Hefter Street macht. Der Jude ist, so lange er arm ist, mit wenig zufrieden, ein Pfund Fleisch genügt für eine große Familie mit einem Dutzend Kindern, trotzdem wird hier der Grund zu manchem Vermögen gelegt. Neben der Sparsamkeit ist die Religiosität das Hauptmerkmal der hier hausenden Hebräer. Fast jedes Haus ist eine Synagoge, und alle die Fastengebräuche und Sabbathceremonien werden aufs Sorgfältigste befolgt und ausqesührt. Jedermann an der Ostseite erinnert sich noch an den Rabbi Baruch, welcher 1897 in einem Feuer in Houston Street umkam. Er war sozusagen die Verkörperung dieses Nerv-Iorker Judenthums. Das ganze Viertel trauerte um ihn, und sein Andenken wird selbst von den aufwachsenden Generationen noch in Ehren gehalten. Er war der Rabbi des Hefter Street-Distriots, er war zu arm, um einen, wenn auch noch so bescheidenen Tempel zu haben, aber seine Gemeinde schämte sich nicht, ihn in einem niedrigen, dumpfen Kellerraume aufzufuchen und mit ihm dort das Passah- und Tabernakelfest zu begehen. Während der Wochentage hausierte er und war eine bekannte und gern gesehene Persönlichkeit bei allen seinen Landsleuten. UeberaU, wohin er auch gieng, nahm er seinen „Thalles" mit und breitete ihn regelmäßig morgens, mittags und abends aus und sandte seine Bitt- und Dankgebete zu Jehovah. Eines Tages, als er um die Mittagsstunde einen solchen kleinen Gottesdienst in einer Schneiderwerkstätte abhielt, brach daselbst ein Feuer aus, und alles rannte auf die Straße hinab. Zwei Gesellen halfen dem fast hundert Jahre alten Rabbi hinunter, kaum auf der Straße angelangt, erinnerte er sich plötzlich, dass er seinen Thalles vergessen hatte, und trotz aller Bitten und Warnungen der Umstehenden schritt er kühn in das brennende Gebäude hinein, klomm die vier Stiegen hinauf, tastete seinen Weg durch den Rauch, aber gerade, wie er das Gebettuch aufheben und zusammenfalten wollte, brach das Dach ein, und so fand man ihn, mit dem Gesichte auf seinem geliebten Thalles liegend, als das Feuer vorüber war. Wer sich für die Typen der Ostseite interessiert, sollte dem Photographen Mandelkern an dem äußersten Ende der Canal Street einen Besuch machen. Er wird dort eine große Auswahl finden. Die Studenten. Im Quartier Latin kam es zu Prügeleien. Tie antisemitischen Studenten hielten in den Cafes Versammlungen ab und beschlossen, Manifestationen gegen Loubet zu veranstalten. Bor den Bureau der Rothschild'schen Bank in der Rue Latitte fanden antisemitische Ansammlungen statt. Die Manifestanten zertrümmerten im Erdgeschosse die Fensterscheiben. Deroulede ans den Schultern. Im „Cafe des Princes“ auf dem Boulevard Montmartre hielten Deroulede und Francois Coppöe ein Protestmeeting gegen die Wahl des Präsidenten ab. Beim Verlassen des Cafes wurde Coppee von seinen Freunden auf die Schultern gehoben und unter den Rufen „Nieder mit den Juden" davongetragen. Die antisemrtischen Comites erklären sich in Permanenz. Nach dem Congresse. Bor dem Schlosse in Versailles hatten sich zahlreiche Menschen angesammelt. Hier war die Stimmung dem neuen Präsidenten günstig, aber in den Straßen, welche Deputierte und Senatoren passieren mussten, um zur Bahn zu gelangen, gab sich eine, Loubet feindliche Gesinnung kund. Hier waren jene angeworbenen Bursche ausgestellt, welche die antisemitischen Agitatoren schon wiederholt in Paris und in Versailles ins Feld geführt haben. Sie schrieen: „Nieder mit Panama!" und sangen das Wort „Panama" nach der Melodie eines Gassenhauers. Cavaignae wurde mit vereinzelten Hochrufen begrüßt. Man schrie: „Nieder mit den Juden!"' Die Heimkehr. Auf dem Wege ins Elysee wurde der neue Präsident förmlich insultiert. 30 bis 40 Individuen liefen in der Rue Royale hinter dem Wagen her und, ermuthigt von zwei Personen in besserer Kleidung, schrieen sie dem Präsidenten fortwährend zu: „Demission! Demission! Nieder mit Loubet! Nieder mit den Juden!" Placate. Auf den Boulevards von Paris sind^antisemitische Placate angeschlagen, worin es heißt: „Nur die Armee kann Heil bringen, uns von Juden und Berräthern retten!" Drumonts Stimmabgabe. Drumont wurde, als er im Congresse die Tribüne zur Stimmabgabe des neuen Präsidenten betrat, von seinen Parteigenossen mit lautem BeifaÜe begrüßt. Er rief in den Saal hinein: „Nieder mit den Juden" und gab seinen Stimmzettel ab. König David und Richter Bacon. Dieser Eastender Richter, über den wir bereits Gelegenheit hatten, manches (und nicht immer Judenfreundliches) zu berichten, hat zur Erleichterung des Verkehres mit jargonsprechenden Parteien einen Dolmetsch bestellt. Mr. R e h f i s ch erhielt nun unlängst von Seiner Herrlichkeit den Auftrag, einer Partei den engüschen Eid zu erklären, weigerte sich aber, die Schlussworte:-„So helfe mir Jehova" auszusprechen. Richter Bacon: „Das englische Gesetz schreibt diese Formel für Juden vor". Mr. R e h fisch : „Es widerstreitet aber meinem Gewissen, dieses Wort auszusprechen. Ich müsste die Erlaubnis des Chief-Rabbi einholen". Richter Bacon: „Das Gesetz gilt seit Hunderten von Jahren, ich darf's nicht ändern. Ist Jehova nicht gleichbedeutend mit dem in den Psalmen vorkommenden Iah?" Mr. R e f i s ch : „Jawohl!" Richter Bacon: „Nun, wenn das Wort nicht ausgesprochen werden dürfte, so hätte König David nicht geschrieben: Freuet Euch Seines Namens, Iah!" Münzenfund. Aus Vares (Bosnien) wird uns geschrieben: Hier wurde im Garten des Herrn Josef Holzmann, der Beamter beim hiesigen Eisenwerke ist, eine jüdische Münze gefunden. Die Münze ist aus unedlem Metall und zeigt aus einer Seite eine Palme, das Wort D^WV"V — Jerusalem, das zweite Wort ist unleserlich. Auf der zweiten Seite befindet sich eine Vase, der Dämpfe entsteigen, das Wort SfcOtPV das zweite Wort, heißt augenscheinlich Schekel. Personalnachricht. Sonntag, den 26. Februar, um 3 Uhr nachmittags, findet im israelitischen Tempel, III., Untere Viaductgasse 13, die Trauung des Herrn Edmund Popper mit Fräulein Rosa Wermuth siatt. G