Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Article
- Brief aus Bialystok
- Date
- 1899-02-24
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 8 „Die A Brief aus Bialystok. Als Beiichterstatter einiger Zeitungen wurde ich gestern der Ehre theilhaftig, zur ersten Versammlung des Vereines „Schoschanath Jericho“ (Jerichorose), eines Bundes zionistisch gesinnter Mädchen und Frauen, eingeladen zu werden, und was ich da gesehen, will ich getreulich berichten, damit die Töchter unseres Volkes in anderen Städten wissen, in die Fusstapfen der hiesigen wackeren Gesinnungsgenossinnen zu treten. Der Verein „Schoschanath Jericho“ ist erst vor kurzem gegründet worden, und seine Mitgliederzahl beträgt vorerst nur fünfzig, allein es ist Aussicht vorhanden, dass die „Jerichörose“ bald zu herrlicher Blüte und Entfaltung gelangen wird, denn die hehre Idee des Zionismus hat sich hier bereits Bahn gebrochen in die Herzen unserer Schwestern, die ihr bisher fern gestanden und. an ihrer Verbreitung nicht theilgenommen haben. Es ist ein herzerfrischender Anblick, zu sehen, wie modern gebildete Mädchen aus den höchsten Kreisen, die bis vor kurzem kaum wussten, dass unser Volk seine eigene Sprache hat, in jüngster Zeit hebräisch zu lernen beginnen und in der Kenntnis unserer National spräche erstaunliche Fortschritte machen. Meiner Ansicht nach ist die Versammlung, der ich gestern anwohnen durfte, von hoher Bedeutung, weil sie die erste Veranstaltung der hiesigen zionistischen Damen bildete und man aus ihrem Verlaufe, wie aus ihrem Erfolge die Hoffnung schöpfen kann, dass der zionistische Gedanke unter den hiesigen Volksgenossinnen beträchtlich an Ausdehnung gewinnen werde. Nun zu den Einzelheiten der Versammlung. Um 8 Uhr abends trafen in dem Hause unseres verehrten Gesinnungsgenossen Herrn Rosenthal gegen (iO Mädchen und Frauen zusammen. Die Vorsitzende Frau Blumenfeld eröffnete die V ersammlung mit einem Appell an ihre Zuhörerinnen, der darin ausklang, die Versammelten mögen die zionistische Bewegung in der Form, die sie auf dem Baseler Congresse angenommen hat, unterstützen. Diese Ansprache, die in deutscher Sprache gehalten wurde, entfesselte einen wahren Beifallssturm. Nach Frau Blumenfeld sprach U. Rosenthal eine Stunde lang in russischer Sprache über den Entwicklungsgang der zionistischen Idee vom Anbeginne ihres Auflauchen s bis auf den heutigen Tag. Er sprach über den Zustand unseres Volkes in den Achtzigerjahren, über die Actionen der damaligen „Chowewe Zion“, über das Wirken des seligen Rabbi Moliilewer, über die Gründung der Ackerbauschule in Jaffa, über die Anlegung der Nationalbibliothek in Jerusalem durch Dr. C h as a n o vv i t z etc. etc,, bis er auf den ersten und zweiten Baseler Congress, sowie auf den heutigen Stand der zionistischen Bewegung zu sprechen kam. Als Herr Rosentlial von den Sympathien sprach, die die Schweizer dem Congress entgegenbrachten, und wie sie beim Voiüberziehen vor dem Casino anlässlich des St. Jacobsfestes die Fahne vor dem jüdischen Banner senkten, da sah ich Thränentropfen in den Augen vieler schöner Zuhörerinnen. Als Herr Rosenthal seine Rede beendet hatte, trug eine der anwesenden Frauen ein selbstverfasstes hebräisches Gedicht unter dem Titel „Auf den Trümmern Zions“ vor. Auch dies ist in unserer.Stadt noch niemals vorgekommen: eine Frau, die zionistische Gedichte in hebräischer Sprache schreibt. Fräulein Selmans las hierauf eine anmuthige Plauderei: „Was ist der Jude“ in deutscher Sprache vor. Ferner gab die Vorsitzende den Versammelten einen Briefwechsel zwischen einem russischen Rabbiner und unserem Führer Max Nordau bekannt. Die Antwort Nord aus an den Rabbiner, wie immer sehr geistvoll und von feiner Logik, machte auf sämmtliche Anwesende einen gewaltigen Eindruck. Fast alle Theilnehmerinnen der Versammlung erlegten zum Schlüsse den Schekel und meldeten ihren Eintritt in den Verein „Schoschanath Jericho“ an. An Dr. Herzl wurde folgendes Telegramm abgeschickt : „Die erste Versammlung des Vereines „Schoschanath '1 ericho“ bringt ein Hoch dem grossen Führer nach Zion.“ Ch. N. Melnik. ftiliiint. Achtuba (Wladimirowka), 22. Jänner 1899. An die löbliche Red aetion der „Welt"! Anlässlich Ihrer Bemerkung im „Briefkasten der Redaction" Nr. 1 an B., Olmütz: „Es wäre zu wünschen, dass das Vorgehen Welt" Seite 7 des Herrn Handelskammerrathes Sigmund Zweig, der anlässlich der Vermählung seines Sohnes dem Vereine „Zion" eine Spende von 10 st. übersandte, Nachahmung fände", — erlaube ich mir meine Meinung auszusprechen, dass sich die Zahl der Spenden für zionistische Zwecke vielfach vermehren würde, wenn die löbliche Redaction der „Welt" selbst solche Spenden annehmen und in ihrer geschätzten Zeitung den Namen des Spenders, Anlass und Höhe der Spende verzeichnen würde, wie es in Russland der * Hamei iz“ thut; z. B.: 1. Dr. B. K r i n k i n aus Wladimirowka für zionistische Zwecke anlässlich seiner Genesung drei Rubel. 2. Dr. B. Krinkin und Frau gratulieren ihrem Freunde Jakob Bernstein aus Baku zu seiner Verlobung mit Rebekka Golubkin und spenden aus diesem Anlasse für zionistische Zwecke zwei Rubel. Fünf Rubel (5 Rub.) für zionistische Zwecke liegen bei. Genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochachtung und Ergebenheit B.K rinkin.*) *) Die Redaction erklärt sich bereit, dem Wunsche des geschätzten Gesinnungsgenossen zu entsprechen, und wird solche Spenden in einer eigenen Rubrik ausweisen. Löbliche Redaction! Ich ersuche um Aufnahme folgender Zeilen: *) In der Nummer der „Welt" vom 13. Jänner 1899 hat Herr Max Aram in einem Aufsatz „Ethischer Umschwung" meiner in Worten Erwähnung gethan, die auf einem thatsächlichen Jrrthum beruhen. Es ist nicht richtig, dass mein Standpunkt in der Schulfrage, den ich gelegentlich des Bezirksschulratherlasses auseinanoersetzte, bloß ein vereinzelter gewesen wäre; vielmehr war es sicherlich auch der principielle Standpunkt des zionistischen Redners in oer Protestversammlung, nämlich des Herrn Architekten Marmorek, und ganz ohne Zweifel hatte denselben Standpunkt die Redaction der „Welt" zu der Zeit eingenommen — und wohl auch die meisten Zionisten. Herr Aram scheint meinen Aussatz, auf den er anspielt, entweder missverstanden oder nicht eben genau gelesen zu haben. Jedenfalls war es voreilig von ihm, die Worte hrnzuschreiben: . . . in der Nummer der „Welt", in der die Frage aufgeworfen wurde, wie wir Propaganda trieben, beschwert sich B. Sopher über die „Judenseite", auf der die jüdischen Kinder sitzen sollten, und er thut dies aus eine Weise, dass es ein Assimilations-Sehnsüchtiger nicht anders thun könnte." Ob Herr Aram damit ein bloßes Urtheil über mein Verhalten abgeben oder mir einen Vorwurf machen wollte — es ist das eine wie das andere unbegründet. Wie ich mir die Stellung der Zionisten in der Schulsrage und in anderem denke, drücke ich deutlich genug in folgenden Sätzen aus**): „Wir wollen die confessionellen Schulen solange vermeiden, als wir es können . . . trotzdem wir für die national-jüdische Erziehung eintreten, und uns nationale Schulen keinen Schrecken einjagen." Und ferner: „Wir sind national nicht aus Hass gegen das Fremde, sondern aus Liebe zu dem Unfern." Ich frage: Ist das die Art, worin Assimilations-Sehnsucht sich ausspricht? Sollte die sich aber in eineranderen Stelle verrathen, so ersuche ich Herrn Aram, mir dieselbe näher zu bezeichnen. Ich glaube, es "muss uns Zionisten sehr erwünscht sein, zu erfahren, was bei uns selbst noch — wie Assimilations-Sehnsucht anmuthet. Hochachtungsvoll B. Sopher (Bernard Tag.) Wkltchmik. Eine altkananitische Königsstadt. Die Untere suchungen französischer Archäologen in Palästina haben jüngst zur Entdeckung der alten kananitischen Königsstadt G e z e r geführt, einer Stadt, die besonders durch einen Sieg der Kreuzfahrer über Saladin einen Namen bekommen hat. Schon früher veröffentlichte unbestimmte Bermuthungen der Orientalisten Clermont-Ganneau fanden nun ihre Bestätigung in griechischen und hebräischen Inschriften aus des Makkabäer-Zeit, welche die Worte „Grenze von Gezer" tragen und zur Absteckung des heiligen Gebietes der Priesterstadt dienten. Lagrange ist von der französischen Akademie der Inschriften mit der Fortsetzung der Arbeiter betraut worden. *) Aus Raummangel verspätet. Die Redactiom;"■**) Siehe „Welt" Nr. 43,- 1898/Die „Judenseite" von B. Sopher.