Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-02-24
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 8 „Die H Welt“ Seite 5 der Revolution. Die Flammen des Holzstosses, aut dem das Volk den Juden mit Vorliebe ansiedelt, züngeln hinüber nacli dem Gebälke des Staatsgebäudes. Im Staatsgebäude würde sicherlich nicht so oft das „Feurio“ ertönen und die Panik ausbrechen, wenn keine so feuergefährlichen Objecte da wären, wie die Juden, mit denen die Kinder des Landes so gerne zündeln. Die Juden Frankreichs sind Frankreichs Misere. Dass bei einem solchen Vorgänge, durch den gewöhnlich wichtige Einrichtungsstücke eines Staatswesens, zum Beispiel die Rechtspflege, verkohlt werden, auch die Juden Brandwunden dritten und zweiten Grades davontragen, das betonen wir nicht besonders. Wir wollen darob diesmal kein Gewinsel erheben; es wäre sozusagen selbstsüchtig, wenn die Juden angesichts des Malheurs, das sie durch ihr Autodafe in der Republik anrichten, ihrer eigenen menschlichen Schmerzen gedenken wollten. Die Liebe zum Vaterlande gebietet den französischen Juden, dass sie sich, ohne zu. wimmern und zu klagen, weiterhin als Fidibus zur Einäscherung der Republik verwenden lassen. * * ■ * Oben haben wir den Ausdruck „Umsturz“ gebraucht. Wir verwenden diese landläufige Wortmünze, ohne sie beim Gebrauche verunglimpfend anhauchen zu wollen. Es soll nicht gesagt sein, rdass irgendeine Staatsform, die durch „Umsturz“ an Stelle der demokratisch-parlamentarischen Republik käme, minderwertig wäre, oder dass die Wegräumung der jetzigen Republik eine verbrecherische Uebelthat wäre. „Umsturz“ soll lediglich heissen: Demolierung der bestehenden Staatsgestalt. Und diesen Umsturz müssen die Juden heutzutage als leidendeFactoren fördern. Aehnliches ist ja auch in Monarchien zu sehen. Der galizische Bauer wird, falls ihn revolutionäre Gelüste an wandeln, gleichwohl nicht ohne weiters die Sense in gesetzwidriger Weise handhaben. Auf den immerhin respectierten Kopf des Gutsherrn oder Gendarmen lässt er nicht so leicht den Dreschflegel taktmässig niederfallen. Aber wenn der schlichte Landmann den Juden sieht, da fährt ihm die Faust jäh nach dem friedlichen Geräthe des Feldes, und der Aufruhr ist fertig. Dem instinctiv gehassten Juden gegenüber wird die Selbstbeherrschung der excesslustigen Elemente zuschanden. Die Juden bilden auch hier den unwiderstehlichen Anreiz zum Bürgerkriege. * Ä * ln dieses Thema schlägt auch eine andere Erscheinung, die wir in Oesterreich hübsch beobachten können. Auch solche Parteien, die den friedlichen Umsturz auf dem Wege einer Verfassungsänderung anstreben, können der Juden nicht entrathen. Wenn der Centralismus zugunsten eines Partie ularisni us beseitigt werden soll, so nehmen die Verfechter des betreffenden autonomen Staatengebildes in ihre zukünftige Constitution schon jetzt einen oder den anderen antisemitischen Artikel auf, um Anhänger heranzuködern. — Wir finden also, dass die Juden allerorts die prädisponierten passiven Handlanger des Umsturzes sind. — Inwiefern sie zu activen Triebkräften des Umsturzes herangezüchtet wurden, das gehört in ein anderes Thema. Erwin Rosenberger. 9 Esther. Bon Dr. Sicgnmnd Werner. Es war zur Zeit des Ahasveros. ... Tausende werden wieder die Geschichte hören und werden in Zorn erglühen ob der Tücke des Amalekiters und innig sich freuen an dem Muthe Esthers und an der Weisheit ihres Oheims, die durch den mächtigen Schutz Gottes Israel aus Todesgefahr erlösten. Und dort im Osten, wo noch hunderttausende von Juden zusammenwohnen, fast so, als ob sie wirklich einen Fleck Landes ihr eigen nennten, dort wird die Freude auch äußerlich lauter sein, und lustiger Mummenschanz wird für einen kurzen Augenblick sie vergessen lassen, wie traurig eigentlich ihre Fröhlichkeit sei. Es w a r zur Zeit des Ahasveros. . Es i st zur Zeit des Ahasveros. . M e g i l l a t h Esther. Unwillkürlich fällt mir dabei ein zweites Frauenbuch ein. MegillathRuth. Das erste Buch hat sicher ein Mann geschrieben, der die Noth vor sich sah, die Seinigen bedroht wusste. Er hat ihnen eine tröstliche Kunde gebracht. Er gab sich keine Mühe mit diesem Einzelschicksal, nach dem er sein Buch nannte. Es hieße vielleicht auch besser Megillath Israel; denn nicht um das Wohl und Wehe Esthers, die sich in Todesgefahr begibt, ängstigen wir uns. Düster und drohend reckt sich das tausendjährige Schicksal eines Volkes über dem kleinen Menschenschicksal empor, das sich von dem großen Hintergründe nur schwach abhebt und unsere Sympathien auch gar nicht wachrufen will. Und wir haben auch nur einen Fasttag der Esther, aber keinen Freudentag der Esther. Wir feiern Purim, ein Fest des ganzen Volkes, nicht der Einzelnen. Wir haben am Schlüsse fast vergessen, dass es das Handeln einer Einzelnen und eines Einzelnen war, das uns das Buch erzählt. Und doch ist ihr Name lebendig. Auch das Buch von Ruth hat einen gewaltigen historischen Abschluss. Auch da wird uns Bedeutungsvolles erzählt. Wir lesen von Jsai und seinem Sohne David, und das goldene Zeitalter des jüdischen Volkes wird verwoben mit dem Geschicke der schlichten und doch menschlich so großen Moabiterin. Aber welch ein Unterschied! Das war ein Dichter, der dieses Buch geschrieben, der uns zeigte, wie Israels Größe aus traurigen Anfängen zur Pracht des gottes- und königstreuen Jerusalem hinanstieg, Ein Erbauungsbuch von rührender, einfacher Schönheit. Eine Frauengestalt, die uns begreifen lässt, dass ihr der Fürst der Psalmen entstammte. Millionen haben schon den Gesäugen des Sprossen ihres Blutes gelauscht, haben Trost und Ruhe darin gefunden und finden sie noch heute. Und Millionen sehnen noch heute den Zweig vom Stamme Jsais herbei, dass er ihnen die langersehnte Erlösung bringe. Aber Ruth ist wenig geliebt im Volke. Und Esthers Name lebt. Man nennt uns das Volk des Buches. Das ist ein Ehrentitel. Aber wir haben es verlernt, unser Buch zu lesen. Unsere Augen waren immer trübe von Thränen. Da haben wir unser Buch nicht unbefangen lesen können. Und wir haben uns angewöhnt, die schönen, frohen Kapitel rasch zu überfliegen. Das Düstere, das Ernste entsprach unserer Stimmung. Wir haben nur eine Fröhlichkeit gekannt, die ihre kranken, bleichen Blüten auf dem Boden der Bedrängnis und des Schmerzes spärlich züchtete. Wir müssen erst fasten, dass wir uns dann freuen. Taanith Esther — Purim. Auch in unserer Fröhlichkeit spiegelt sich unser Schicksal. Und das ist der große Zug, den uns unsere modernen Rabbiner und unser modernes Reformjudenthum noch nicht rauben konnten. Unsere nationalen Feste haben sie glücklich entnationalisiert, jeden Volksgedanken haben sie eifrig aus ihnen ausgemerzt. Sie feiern kein Befreiungsfest, sie erzählen nur — uns klingt es von dieser Seite fast wie ein Spott — von dem Feste der ungesäuerten Brote. Ihnen gilt das Wunder des ausdauernden Oellämpchens mehr, als das Wunder gotterfüllter Heldenkrast und Vaterlandsliebe. Aber ihr Streben war nutzlos. Sie konnten unser jüdisches Gefühl nicht ertödten. Zu eng verknüpft fühlt gerade unser Volk das Eiuzelschicksal mit dem Leben des Ganzen. Es ist nicht