Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Article
- Der Präsident der Republik
- Date
- 1899-02-24
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Heite 2 ,Die Welt“ Nr. 8 gerächt. Wie der Schatten des Erschlagenen nach einer alten Sage den Mörder unbarmherzig verfolgt, bis dieser ein schmähliches Ende gefunden, so ist die Affaire ins Riesengroße gewachsen und erdrückt gnadlos Frankreich unter seiner unwiderstehlichen Wucht. Was an schlimmen Leidenschaften, an verbrecherischen Wünschen in Frankreich lebte, hat sie an die Oberfläche gefördert, alten, längst verschollenen Zwist neu belebt, und mit tödlicher Sicherheit führt sie den Umsturz Frankreichs herbei, das seine Schande mit seinem Blute wird bezahlen müssen. Und Loubet sollte der Mann sein, der diesem grausen Vergeltungswerke siegreich gegenüber tritt? Auch er wird sich beugen, wie schon so viele Politiker vor ihm. Mit kleinen Mittelchen, mit allerlei diplomatischen Künsten wird auch er die Entscheidung hinzuziehen oder zu korrigieren suchen. Im günstigsten Falle wird er der Sache ihren Lauf lassen, ohne ihre Feinde abzuwehren. Von diesem Präsidenten hat Frankreich trotz seiner politischen Makellosigkeit, seiner achtungswerten Vergangenheit und selbst seiner zähen Ausdauer nicht viel mehr zu erwarten, als von seinem kraftlosen Vorgänger. Frankreichs Schicksal erfüllt sich — auch Loubet wird es nicht mehr wenden. Frankreich wird dem zufallen, der ihm eine eiserne Faust in den Nacken setzt. 8. W. W Ein antisemitischer Prätendent. Der Herzog von Orleans hat in San Nemo seine Getreuen empfangen und ihnen eine kernige Ansprache gehalten. Die Zustände Frankreichs sind derartige geworden, dass man den Aeußerungen des Prinzen mehr Aufmerksamkeit schenken muss, als in früherer Zeit. Welleicht wird es ihm vergönnt sein, den Thron Karl IX. zu besteigen. Eine Bartholomäusnacht wird wohl dann nicht lange auf sich warten lassen, wenn wir die Ansprache dieses Kronsuchers richtig verstanden haben. Er sagte in San Remo: „Da ich unter den patriotischen Vereinigungen auch die Antisemitische Liga erwähnt habe, ist mir daran gelegen, mich klar und ohne Umschweife, wenn auch nur kurz darüber auszusprechen. Obwohl ich entschieden gegen Rasfenversolgungen und Glaubenskriege bin, bin ich dennoch entschlossen, unseren nationalen Geist, zu schützen, sobald mir die Macht anvertraut sein wird. Jawohl, es gibt eine Judenfrage; es wäre kindisch, das zu leugnen. Wenn die Kundgebungen auch neueren Datums sind, so ist doch der Ursprung dieser Frage nicht von heute. Die Beweggründe begannen mit dem Tage, wo das unbewegliche Vermögen in phantastischem Umfange vom beweglichen überflügelt wurde. Regierungen ohne Wachsamkeit bemerkten nicht, dass dieser wirtschaftliche Umsturz ihnen die Pflicht auferlegte, durch den Umständen angepasste Gesetze den zu schützen, der die Liebe zu Grund und Boden hat und gewissermaßen seine Persönlichkeit der Erde seines Vaterlandes einverleibt — ihn zu schützen vör der Erdrückung durch das anonyme und vagabundierende Capital. Wer hat denn von diesem Zustande der Dinge profitiert, wenn nicht diejenigen, die nicht nur den Grund und Boden nicht lieben, sondern sich auch seinen Banden entziehen? Als man einsah, wo man schon angelangt war, versuchte man Banken zu gründen, um der jüdischen Uebermacht Widerstand zu leisten. Diese aber, die' sich für unüberwindlich hält, wollte das nicht zulassen. Das war ihr Unrecht, aber auch ihre Ungeschicklichkeit. Die Gründe der Judenfrage waren also alt. Ausgebrochen ist sie an dem Tage, da die G n i o n Generale erdrosselt wurde, wozu die Regierung das Ihrige beitrug und so mitschuldig wurde. Da war der Krieg erklärt." Der Herzog von Orleans ist also Antisemit. Dabei lässt er sich seit Jahr und Tag von einem der niedrigsten Juden. Arthur Meyer heißt er und den Pariser „Gaulois“ redigiert er, helfen. Arthur Meyer ist geradezu der journalistische Vertreter dieses Prinzen. Das haben aber der-Prinz und sein widerlicher Herold miteinander auszumachen. Das Interessanteste ist an der Ansprache von San Remo, dass der Thronprätendent an die Union Generale erinnert. Er Ijat wenigstens darin Rechts dass die Habgier und der Machtwahnsinn gewisser wohlbekannter Financiers damals mit der Niederträchtigkeit zugleich eine Dummheit begangen haben. Aber weil diese paar Individuen jüdischer Herkunft niederträchtig und dumm handelten, müssen darum alle Juden Frankreichs mitveranwortlich sein? Das ist die Frage — die Judenfrage. B. Das Kaud. Von H. Jork-Steiner. Nach Aegypten sendet der Oesterreichische Lloyd Schiffe modernster Construction, die vor keinem Fahrzeuge anderer Nationen die Segel streichen müssen; von Alexandrien nach Palästina dampfen zumeist kleine Boote, die nie an Raummangel leiden. Die Bedeutung des Hafens von Alexandrien, an dessen Pier das Schiff vertäut ist, kommt einem nie deutlicher zu Bewusstsein, als auf der Rhede von Jaffa, wo der Dampfer anderthalb Kilometer von der Küste entfernt Anker wirft und seine lebendige, sowie die Warenladung mittelst kleiner Holzboote ausschifft. Bei bewegter See scheint der Sprung von der Schiffsleiter ins tanzende Boot gefährlich, obwohl die arabischen Schiffer sorgsam den Fall dirigieren. Auch auf der Fahrt durch die nadelförmig aufstrebenden Klippen, die wie ein Zaun die Einfahrt abschließen, hat man Gelegenheit, ihre Geschicklichkeit zu bewundern. Der Bootsführer überblickt scharfen Auges die wogenden Wässer; während die Wellen sich thürmen und das Boot von rechts nach links, hinauf- und hinunterwerfen, nützt er die Willkür der Elemente für seine Fahrt. Endlich ist es gelungen, die Felsen, die man bei ruhiger See leicht passiert, zu umschiffen; es gilt noch, die zurückbrandenden Wellen zu bewältigen. Der Führer lockt, durch Gesang eine letzte Kraftcntfaltung aus der Bemannung. Er recitiert die Tugenden Allahs; die Ruderer respondieren keuchend: „Allah ist milde." „Greif zu, mein Sohn zur Rechten." „Allah ist gerecht." „Tauch ein Dein Holz, Du Vater der Kraft." Noch immer sind wir in der Nähe der Klippen, auf die uns jede starke Welle zurückschleudern kann. Aber Allah sei Lob; er zählt neunundneunzig Tugenden, so dass wir die letzte auf festem Boden zu hören bekommen. Was der Wanderer zunächst sieht, vermag keine angenehme Empfindung zu erwecken, andere Sinnesorgane werden geradezu beleidigt. Selbst die üppigen Orangengärten außer der. Stadt, deren Bäume überlastet sind mit der großen dickschaligen Frucht, die als Jaffa-Orange bei uns einen guten Markt findet, vermögen jenem die üppigen -Gärten und Haine des Nillandes nicht vergessen zu machen, der einen Tag zuvor noch in Aegypten geweilt hatte. 1 Die kleinspurige Bahn, die von Jaffa nach Jerusalem führt, kreuzt zwar die fruchtbare Ebene Saron, windet sich aber bald auf ansteigenden Felsenwegen nachJerusalem empor. Kein Pflanzenwuchs, außer kargem Gesträuche von Oleander und Myrten, einer verkrüppelten Pinie, sowie Thymian- und Salbeigestrüpp. Wir sind im Gebirge Juda, auf dessen Höhe die Zionsburg errichtet wurde, auf einem wafferlosen Hochplateau ein strategischer Punkt, der alle Pässe beherrscht. Wer dann von Jerusalem nach dem todten Meere hinunterwandert, überall fast durch düsteres Gestein, das malerisch, aber unfruchtbar in allerlei seltenen Formen sich erhebt, und nun gar den Salzrayort am todten Meere beobachtet, der keiner Nutzpflanze Leben bietet, die öden Tamariskenbüsche am Jordan, kehrt zurück mit der Ueber-