Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 7 (17.2.1899)
- Article
- Das Theater und die Juden
- Date
- 1899-02-17
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7 „Die 4 Welt“ Seite 15 nach dem Talente völlig in den Hintergrund zu drängen. Man muss constatieren, dass es dem Juden absolut nichts nützt, Talent zu besitzen. Er kann ein Genie ersten Ranges sein und wird beim Theater nichts erreichen — in Graz vorläufig. Vorläufig allerdings nur in Graz. Die jüdischen Talente brauchen ja nicht nach Graz zu gehen, das ist wahr. Kommt es einmal auch in Wien so weit, dann können fie ja auch aus Wien auswandern. Je größer aber der Complex der Kunstsperre für die Juden wird, desto lebhafter wird dann die Frage für sie werden, wie sie sich aus diesem neuen Ghetto zu befreien haben. Man kann sie ausschließen von allen Gedankenarbeiten und von allem Kunstschaffen, aber weil man ihnen den Antrieb und die Fähigkeiten hierzu schließlich doch nicht nehmen kann, werden sie sich unmöglich in aufgezwungener Unthätigkeit bescheiden können. Wie dann die Expansivkraft ihrer Triebe sie aus den localen geistigen Fesseln einmal herausschleudern wird und wohin sie sich wenden werden, um ihre culturellen Jnstincte ausleben zu können, ist ein fesselnder Zukunftsgedanke. Vielleicht werden sie Graz im Gedächtnis behalten, wo das jüdische Talent bestraft wird bis ins vierte und fünfte Glied, als den Ort, der zuerst an Stelle des Befähigungsnachweises in künstlerischen Dingen die Ahnenprobe begehrte. F. S. U Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (37. Fortsetzung.) Seither hatte der Sohn Nathans nie wieder die Schwefle des Paramentengeschäftes überschritten, trotzdem aber den Zorn der Familie noch einmal auf sich geladen. Und das war so gekommen. Missernten und Verheerungen der Reblaus hatten das bescheidene Vermögen der Hauersleute allmählich untergraben. So lange der alte Holzer lebte, war das wirtschaftliche Gleichgewicht noch nothdürftig aufrechterhalten worden. Kurz nach seinem Tode aber kaufte eine große Gesellschaft alle Weinberge, deren sie habhaft werden konnte, auf. Diese erdrückende Concnrrenz gab dem kleinen Holzer im Rebenhandel den Todesstoß. Georg hatte trotz allen Fleißes nicht vermocht die ererbte Scholle länger zu behaupten, und das kleine Gut wurde von jener Gesellschaft angekauft, während der Besitzer in das Goldschilds-Geschäft als Diener eintrat. Hatte der Zusammenbruch an und für sich scholl das Gemüth der Holzaschen Erben erbittert, so kannte die Empörung keine Grenzen, als man durch Zufall erfahren, dass jene ausbeuterische, finanzkräftige Gesellschaft im Comptoir der Goldschild'schen Bank in der Rue St. Honore gegründet worden war. So war Jsak in der That, freilich ohne es zu ahnen, der Zertrümmerer des kleinen, bescheidenen Weingutes geworden. Georg Holzer führte seit dem Tage, wo er das Häuschen in Perchtoldsdorf hatte verlassen müssen, bei seiner Schwester ein ruhiges, sorgenfreies Leben. Das „Dienen" wurde ihm von Seite seiner Verwandten wahrhaftig nicht schwer gemacht. Aber obgleich nun fast 20 Jahre seit jenem traurigen Tage verflossen waren, hatte der ehrliche, rechtschaffene Mann noch immer nicht den Verlust der Scholle verschmerzen können. Nie war die Erbitterung aus seiner einfachen Seele gewichen, und wurde der Name des Baron Jsak in seiner Gegenwart ausgesprochen, so ballte sich seine große, kräftige Hand zur Faust. Dass man dem siechen Jonathan ein so gespanntes, unfreundliches Verhältnis bisher gänzlich verschwiegen, war selbstredend. Der blasse, kranke Knabe hatte von den verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem Paramentengeschäfte in der Mariahilfersiraße keine Ahnung. Unliebsame Fragen wären die unausbleibliche Folge dieser Wissenschaft gewesen. Was hätte es gefrommt, die unerfahrenen zwölf Jahre in derartig unerquickliche Dinge einzuweihen? V. Als die ersten heißen Sommertage auf Wien lasteten, musste man allen Ernstes daran denken, Baron Jonathan ans dem drückenden Dunstkreise der Hauptstadt zu entführen. In früheren Jahren pflegte das Kind die warmen Monate auf einem der vielen Schlösser des Großvaters zu verleben. Diesmal jedoch hatte Dr. David als der behandelnde Arzt des kleinen Millionärs entschieden Einspruch gegen eine weitere Reise erhoben. In aller Eile war daher die Billa des Baron Jsak auf dem nahen Kahlenberge für die Bedürfnisse des siechen Knaben adaptiert worden. Es war dies ein prunkvoller Bau im reichsten byzantinischen Stile, mit einer großen, glänzenden Kuppel und zahlreichen Erkerchen und Thürmchen. Ausgedehnte Gärten umgaben das großartige Gebäude. Diesen verdankte die Villa eigentlich ihr Bestehen. Denn das Terrain war anfangs nur zu dem Zwecke erworben worden, um hier die exotischen, farbenprächtigen Blumen zu ziehen, mit denen alle Morgen die Vasen und Töpfe im Goldschild'schen Palaste auf der Ringstraße gefüllt wurden. Als dann Jonathan heranwuchs, hatte man die Gärten auf dem Kahlenberge geeignet erachtet, als Spielplatz für das Kind zu dienen. Ein Pavillon sollte errichtet werden, um den Erben der Millionen gegen plötzliches Unwetter zu schützen. Aber wie alles, was Baron Jsak in Angriff nahm, gleich ungeheure Proportionen erreichte, stand binnen Jahresfrist statt des anfangs geplanten Gartenhäuschens eine von Gold und Marmor strotzende Villa inmitten der Gärten. Bald war der Besitz zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges uwgestaltet worden. Der Unterhalt des Wintergartens allein, der durch die berühmten Wärmehäuser mit dem Speisesaale in Verbindung stand, verschlang alljährlich ein ansehnliches bürgerliches Vermögen, und die Zahl der beschäftigten Beamten, Gärtner und Arbeiter war so groß, dass zu ihrem Obdache ein eigenes Dorf hatte erbaut werden müssen. Um von der Rampe der Villa bis an das Gartenthor zu gelangen, brauchte ein marschtüchtiger Fußgänger eine geschlagene halbe Stunde. Dieser Weg war nicht nur mit dem feinsten Kiese bestreut, sondern auch von einer Allee der seltensten, tropischen Gewächse und schöner, marmorner Standbilder ein gesäumt. Von der Hauptstraße aus führten verschlungene Fußwege nach reizenden Aussichtsplätzen und künstlichen Grotten, die zum Träumen und zur Ruhe einluden. Als sich aber einmal der kleine Jonathan auf einem Spaziergänge bei feuchter Witterung nasse Füße und infolgedessen einen Schnupfen geholt, hatte der besorgte Großvater alle diese, viele Kilometer messenden Pfade mit hölzernen Würfeln zu pflastern befohlen, so dass das Kind von nun ait in seinem großen Garten so trocken wie in seinen Zimmern lustwandeln konnte. Den armen Jonathan freilich erfreute diese Vorsichtsmaßregel nicht lange. Schon wenige Wochen, nachdem der Gedanke des alten Jsak ausgesührt worden war, hatte die Krankheit sein armes Herz erfasst, und die ebenen, trockenen Wege kamen nur mehr den Trägern seiner Bahre zugute. In diesem prunkvollen byzantinischen Baue hielt also der sieche Jonathan Goldschild, da er kein ferneres Ziel mehr