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Die Welt · 1899-02-17 · 7 (17.2.1899) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
7 (17.2.1899)
Article
Offene Frage an den allgemeinen Rabbiner-Verband Deutschlands [Rezension]
Date
1899-02-17
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die H Welt“ Nr.? das ist des Verfassers Ueberzeugung — „legen den orthodoxen Mitgliedern des Rabbiner-Verbandes die unabweisbare Pflicht auf, ungesäumt ihren All stritt aus dem Verbände zu erklären", um die Gründung eines Verbandes der orthodoxen Rabbiner Deutschlands anzubahnen. Charakteristisch ist, dass dieser Rabbiner für den Zionismus eintritt und den liberalen Protestrabbinern den grellen Widerspruch aufzeigt in ihrer Stellung zum Judenthum und zur jüdischnationalen Bewegung. Es kann in der That keinen traurigeren Beleg geben für die geistige Zerfahrenheit solcher Rabbiner, wie M ci i) ba u m und Vögelstein, als wenn es in einer „Erklärung" von ihnen also heißt: „Ueber das Nationaljudenthum hat die Geschichte vor 1800 Jahren durch die Auflösung des jüdischen Staates und die Einäscherung des Tempels entschieden, und es ist mit eine der höchsten Errungenschaften der neueren jüdischen Wissenschaft, dass sie dieser Auffassung die weiteste Verbreitung unter den Juden aller Eulrurländer verschafft hat." Es ist ein Trost für die jüdische Wissenschaft, dass sie sich löblicherer Errungenschaften rühmen kann, als der obigen. Wäre diese wirklich ihre höchste, so würde die jüdische Wissenschaft sich selbst aufheben, weil sie — das Judenthum aufhebt. In Wahrheit sind solche Ansichten weder Wissenschaft, noch Judenthum. Umso erfreulicher die Wendung, die sich vor unseren Augen vollzieht. B. S. |f uillcton. Das Theater und die Juden. Die Leute, welche zum Zwecke ihrer agitatorischen Statistik alle jüdischen Schauspieler und Autoren verbuchen und beständig über die Verjudung des Theaters Klage sühreu, werden nicht widersprechen können, wenn man den Inden einen beträchtlichen Antheil an der heutigen Lebendigkeit des Bühnenwesens zuspricht. Eigentlich müssen diese Leute noch mehr davon wissen als wir Inden, da wir nicht so aufpassen. Die Schaubühne ist im Grunde eine Angelegenheit des Temperamentes. Zuhören ist eine Temperamentsäußerung, wie Theaterspielen und Stückeschreiben. Jnwieferne die Juden durch ihre Veranlagung und durch eigenthümliche Begabungen sich zum Theater actio und passiv hingezogen fühlen, möchte ich heute nicht erörtern. Es wäre vieles darüber zu sagen, und die Gelegenheit dazu findet sich wohl bald. Auch die Frage, wie viele oder wie wenig Verdienste sie sich um die Schauspielkunst erworben haben, lasse ich einstweilen unberührt. Ich will nur bekräftigen, was die Antisemiten behaupten: jawohl, die Juden gehen steißiger und eifriger ins Theater als andere Leute; die Juden schreiben Stücke, componieren Opern, und einige von ihnen sind dadurch sogar berühmt geworden; sie sind Schauspieler, manchmal sogar große Schauspieler, Directoren, Dirigenten, kurz alles Mögliche. Das ist nun einmal nicht zu leugnen. Man muss sogar zugestehen, dass es den Inden beim Theater sogar besser ergangen ist als in anderen Berufszweigen. Ihre Abkunft und ihre Religion hat hier ihre Carriöre selten behindert, sie konnten — immer alle sonst erforderlichen Qualitäten vorausgesetzt — zu den höchsten äußeren Ehren dieses Berufes gelangen. Beispiele braucht man nicht anzuführen. Heute beginnt das schon schwieriger zu werden. Wenn man ein bisschen nachdenkt, muss es einem auffallen, dass in den letzten fünfzehn Jahren kein jüdischer Schauspieler so recht in die Höhe gekommen ist, wie früher. Die Autoren allerdings haben inzwischen bessere Tage gesehen, aber diese hängen ja zumeist von spontanen Volksbeschlüssen ab. Im internen Bühnenleben jedoch hatten die Juden in der letzten Zeit mehr und mehr zu kämpfen. Die einfache Umfrage bei den Theateragenturen würde den Unterschied ergeben, um wie vieles leichter jüdische Schauspieler ehemals zu placieren waren. Man könnte bei dieser Gelegenheit erfahren, dass es zahlreiche Städte gibt, deren Theaterdirectoren das Engagement jüdischer Schauspieler von vornherein refusieren, theils mit Rücksicht auf die Gesinnung der Bevölkerung, theils wegen der localen Theaterverhältnisse, theils auch wegen ihrer persönlichen Abneigung gegen die Juden. Ferner würde man hören, wie viele jüdische Schauspieler schon am Beginne ihrer Carriere auf Zureden des Agenten ihren Glauben wechseln, um soviel als möglich von den Folgen dieses Geburtsfehlers befreit zu sein. Der Antisemitismus beim Theater ist eben nicht mehr neu. Vielleicht ist er älter als die politisch organisierte Judenfeindschaft. Er datiert genau von da an, wo die Juden ihre ersten großen Bühnenerfolge hatten, als „die Verjudung des Theaters begann", wie der Parteijargon sagen würde. Wie nirgends sonstwo herrscht beim Theater ein beweglicher, durch Neid, Ehrgeiz und Eitelkeit angefeuerter Wettbewerb der Talente. Dass man die Juden hinter den Coulissen so bitter hasst, ist vielleicht das größte Compliment, welches ihren Fähigkeiten gemacht werden kann. Aber der Antisemitismus beim Theater ist auch intensiv, erbittert und wüthend, wie nirgends sonstwo. Nicht allein, weil man dort leidenschaftlicher empfindet, sondern weil man ihn auch zu verheimlichen vielfach genöthigt ist. Es spielen da allerlei Rücksichten mit, auf das Publicum, die Presse und andere wichtige Factoren. Die jüdischen Theater-Enthusiasten würden erschrecken, wenn man ihnen unter den Künstlern diejenigen nennen wollte, welche als Antisemiten excellieren. Und die jüdischen Banquiers, die sich darum reißen, beliebte Schauspieler bewirten und mit Geschenken überhäufen zu dürfen, die sich nicht genug thun können, ihre Lieblinge vom Theater auf das Freigebigste aus allerlei Nöthen zu erlösen, wären entsetzt, wenn sie ihre Schauspieler einmal untereinander könnten reden hören. Jetzt aber beginnen auch beim Theater die Zeiten, in welchen der Antisemitismus unverhohlener hervortritt. Man schickt sich auch hier an, die Juden ganz offenkundig und programmmäßig zu unterdrücken. Die Hintertreppen- Jntrigue, die einstmals zu solchen Zwecken verwendet wurde, ist jetzt überflüssig geworden. Man kann aus dem Vollen schöpfen, man kann System in die Sache bringen. Dass der Änfang hierzu in Wien gemacht wurde, ist bekannt. Der wichtigste Programmpunkt des jüngsten Wiener Theaters ist die vollständige „Judenreinheit". Aber aus geschäftlichen Rücksichten wird dieses Princip nicht ausgesprochen, vielmehr, wo es der Vortheil erheischt, unter der Hand, ganz im Vertrauen, geleugnet. Auch verlangt man von den Juden, die sich etwa zur schauspielerischen Mitarbeiterschaft anbieten, nur, dass sie sich taufen lassen. Den Autoren würde man auch gestatten, ungetanst vor die Rampen zu treten. Da ist denn ein Beschluss, welchen der Grazer Gemeinderath dieser Tage fasste, bemerkenswert. Dem neuen Pächter wurde aufgetragen, seine „arische Abstammung" nachzuweisen, bevor er die Direktion des Grazer Stadttheaters antrete. Wie sorgfältig die Grazer unter den Pachtbewerbern Musterung hielten, wie vorsichtig sie waren, zeigt, dass während der Sitzung Telegramme einliefen, in welchen der Gemeinderath verständigt wurde, dass der oder jener Petent Jude sei, worauf der oder jener Petent sofort außer Betracht gestellt wurde. Die Ahnenprobe, welche die Stadt Graz von ihrem Theaterdirector fordert, hat natürlich einen etwas komischen Beigeschmack. Allein eine gewisse symptomatische Bedeutung kann man ihr nicht absprechen. Der Jude soll von jeglichem Antheile an irgendeiner Culturarbeit ausgeschlossen werden, auch der Sohn eines Juden, selbst der Enkel eines Juden, vielleicht auch der Neffe oder Vetter eines Juden. Man muss von reinster arischer Abkunft sein, wenn man ein Theater leiten will — in Graz vorläufig. Interessant bleibt es, dass der Antisemitismus in künstlerischen Angelegenheiten stark genug werden konnte, um die Frage

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