Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 7 (17.2.1899)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1899-02-17
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 7 „Die A Welt“ Seite 11 Merlti Uachnchteil. I» 8er Schweiz ist das Schächten verboten und die dortigen Juden avprovisibmeren sich aus Deutschland und namentlich aus Italien. Nun verlangt der schweizerische Bundesrath eine besondere amtliche Bescheinigung üöek beit Gesundheitszustand des geschlachteten Viehes. Die schwesterischcir Ehierr schutzvereine versuchen seit mehreren Jahren, den durch das Schächtv-rdot herbeigeführten „Schlag ins Wasser" durch Chicancn zu parieren und eine solche scheint hier vvrzuliegen. Der bekannte Lebrev der AtationakSkonotitie an dkr Aachschule zu Bern, Professor Dr. Hiltrj, berührt iN seinkNt „Schweizerischen Jahrbuche pro 1806" auch die Schächtfrage und die Schäden ökonomischer wie ethischer Natur, die das Schächtverbot in der Schweiz für Juden wie Nichtjnden und last not Isnst für das Ansehen der Schweiz im Auslände im Gefolge gehabt hat. Nachdem Htlty das Verbot als Polizeimastrezel gekennzeichnet und maßgebende jüdische wie nichtjübische ZeitungsstiMmen angeführt, sowie auch das Urtheil des Professors Vogt in Gens ermähnt hat. der sich geradezu für das Schächten ausgesprochen hat, schließt Hilty seine Ausführungen mit den wenigen aber vielsagenden Worten: „Es wird nun nachgerade jedermann klar werden, dass der Artitel 25 der Bundesverfassung nichts anderes als Antisemitismus unter dem Mäntelchen des Thierschutzes ist." * Die seit 1850 in Frankfurt a. M. bestehende orthodoxe Religions-Gesellschaft petitioniert schon seit tangerer Zeit um Erlheilung desGharakLers einer selbständigen Synagogen-Gemeinde, dmüil ihre Mitglieder vön der^SteUerenLrichtUüg an die Hauptgemeinde dispensiert werden. Die Angelegenheit kam in voriger Woche im preußischen Abgeordnetenhause zur Spräche itnd'es erfolgte die Annahme des bezüglichen Gesetzentwurfes in erster Lesung. Die zweite und dritte Lesung dürste zweifelsohne im gleichen Sinne ausfallen. Die Religions-Gesellschaft zählt 550 Mrtglreder, d. i. etwa o, der Juden Frankfurts, ihr jährliches Budget beträgt 200.000 Mark, sie unterhält eine Realschule und eine Volksschule mit zusammen circa KJ 0 Schülern und chcci 30 Lehrern. * Sn der vorwöchentlichen Dienstagssitzung des preußischen Abgeordnetenhauses wurde der Gesetzentwurf betreffs Regelung der Synagogengemeinden-Verhältmsse in Frankfurt a. M. in dritter Lesung angenommen und damit endlich ein langjähriger Streit beendigt. * Der schlesische Großgrundbesitzer Graf P ü ck l e r hat ein Flugblatt verbreitet, kn rvelchsm gesagt wird, dass durch die Juden die Throne der Kaiser und Kölligs zu schwanken beginnen, und die Zeit nicht mehr ferne sei, wo der jüdische Ursupator prockamiert wird und Cohn I. den Thron von Kuropa besteigt", ferner /Jass der Bauer lange genug unter den! schurkigen Börsensprele dek jüdischen Speculanten gelitten und der Handwerker lange genug untdk der furchtbaren Eovcurrenz der Judenbande geseufzt. Der Tag der Abrechnung ist gekommen," so schließt das Manifest. Der Mann ist Amtsvorsteher. Aus dem antisemitisch verseuchten S a ch s e Jt kommt ein kleiner Lichtstrahl. Der bekannte Rechtsanwalt Gustav Broda in Leipzig wurde zum königlichen Notar ernannt, die erste derartige Ernennung'eines Juden. Auch aus Ru m ä u i e n kommt eine angenehme Botschaft : David Emanuel, Professor der Mathematik in Bukarest, ist zum Mitglieds des Generalrathes für den öffentlichen Unterricht au den höheren Lehranstalten ernannt worden. Auch er ist der erste Jude, der zu einem so hohen Amte gelangte. Der jüngst zum Generalvertreter — Ministerresidentcn - von Neu-Süd-Wales ernannte Sir Samuel S a l o m o n s hat eine bemerkenswerte Earriere gemacht. Gebürtig aus Birmingham meng er schon in jungenJahren nachAuftralien, kam nachEngland 1851 zurück und etablierte sich 1861 aks . Anwalt. Er gieng dann wieder nach Sidney und wurde dort alsbald zum Geueral- Anwalt ernannt. Im Jahre 1886 bot man ihm deu Posten eines Präsidenten des Obersten Gerichtes an, den -er aceeptierte, nur schon nach 24 Stunden wieder zurückzutreten, in Anbetracht der Opposition, welche seine Ernennung bei einigen niederer Gcrichtsbeamten hervorgerufen. Er trat wieder über zum Anwaltstand und blieb dessen erster Vertreter für lange Jahre. Die Ernennung ist aber noch in anderer Hinsicht sehr interessant. Zunächst, weil auch sein Vorgänger Jude war, und dann, weis die jüdische Bevölkerung der großen englischen Colonie Nett - Süd - Wales eine nur Heringe ist B kl fast wurde Otto I a f f e zum Mayor - für 1800 gewählt. Derselbe' stammt von deutschen Eltern, er wMde 184l> in Hamburg geboren ulltz kam 1851 mit seinen Eltern nach Belfast. Die Firma Jaffe Brothers ist eine weltberühmte Jemen- Firma; der neue Mayor gehört schon seit vielen Jahren zahlreiches öffentlichen Behörden und Wohlkhätigkeits-Anstalten cui.. Seine Wahl wird' von allen Parteien warm begrüßt. Belfast besitzt sonst deu Namen einer intoleranten und Ägotten Stadt und in der Regel denkt utciif sich auch den „Irislmiam* als das Muster eines aus Intoleranz und Bigotterie zusammengesetzten Fanatikers. Dieses Odium hat die große Fabriksmetropole des englischen Leinenhandcls nun von sich abgewischt. In Liverpool wurde durch den Lord-Mayor ein jüdischer Bazar eröffnst zugunsten der dortigen jüdischen Wohlthätigreits-Anstalten, bei dem ein Reinerlös von 5mw Pfund Äterl'iu g erreicht wurde. Die Veranstaltung stellte eine Straße im Heiligen Lande vor. In seiner Eröffnungsrede sprach sich der Mayor zugunsten der sprichwörtlichen englischen Toleranz ausr Und' MröaMmt? mit scharfen Worten das beabsichtigte Einwanderun -r- Die jüngst berichtete R o th sch ildffche Gabe von 10.000 Pfund Sterling an die Cambridge-Universität hat die merkwürdige Conseyuenz zur Folge, dass derNartte des Gebers in einem Buche eingetragen itckrd an der Seite jener, die in früheren Jahren Stiftungen errichteten unter der ausdrücklichen Bedingung, dass Juden der Eintritt verweigert werde. Der einzige Nichtjude, der mit einer gleichen jährlichen Spende figuriert, ist der Herzog von Devonfhire, der Kanzler der Universität ist. Der im hohen Alter von 88 Jahren verstorbene französische Schriftsteller Adolphe D'Ennery stammte aus Lothringen. Er war Wohl eine? der fruchtbarsten Theaterschriftfteller unseres; Jahrhunderts, indem mehr als 200 Stücke von ihm Herrühreu. Außerdem verfasste er zahlreiche Operntexte. Er . »unterließ, ein Vermögen von 10 Millionen Francs. Seine Villa in Antikes bestimmte er zu einem Hospiz für alte Theaterdichter und Schauspieler ohne Unterschied der Eonfession. In Lille wurde ein Jude namens Wellhof, der schon früher seitens des sranzösischen Finanzministers zum Director des städtischen Finauzbureaus ernannt worden, zum Staatscassier der Stadt Lille ernannt, eines der verantwortungsvollsten Aemter, namentlich in großen Fabriksbezirken. Mit der Ernennung Dr. Samuel S a r e s zum Ober-Landesgerichtsrath ist der erste jüdische Oberrichter in Oesterreich eingezogen. S are hat wie man weiß — von der Picke auf gedient und hätte es schon längst zu „Etwas" bringen können, wenn er sich „gefügiger" gezeigt hätte. Hoffentlich kommtauch für die zahlreichen anderen Justizbeamten jüdischer Eonfession die Zeit der Anerkennung ihres Verdienstes! Was in Frankreich alles erfunden wird, um dem französischen Antisemitismus Nahrung zuzuführen, das zeigte letzte Woche der „Temps“ in einer Meldung ans Berlin vom o. d. M., wonach dem deutschen Bundesrathe von jüdischer Seite eine Petition zugegangen sein solle, um gegen eie neuerdings beabsichtigte Zulassung der Jesuiten in Deutschland zu protestieren. Natürlich ist an dem Schwindel kein wahres Wort. In die gleiche Kategorie gehört auch die Meldung, wonach Grand-Rabbin' Zadok K a h n mit der Eriminalkammer des Eassalionshofes in der Revisionsangelegeuheit conspiriert habe. Welche kaum glaubliche Begriffsverwirrung die Affaire Dreyfus bereits hervorgebracht, dafür liefern — deutsche Blätter von Ansehen einen Beweis. Die „Weserzeitung", ein deutsch-freisinniges Blatt, hat bereits vergessen, dass die Franzosen Deutschland ursprünglich beschuldigten, seine Hand im Spiele zu haben, und nun schreibt genanntes Blatt, „dass die an sich so sehr geringfügige Sache durch die jüdische Internationale zu so monströseu Dimensionen aufgebauscht worden ist". Der zweite im Bunde sind die,,Hamburger Nachrichten", die den gleichen Ton anschlagen und ihre Tiradeu mit dem ^atze schließen: „Wir sind überzeugt, dass wir das ganze Gerede von dem „Solidaritätsgefühte der civilisierten Menschheit", die durch die unschuldige Berurtheilnng des sranzösischen Hauptmannes verletzt worden sei, nicht oder doch wenigstens nicht entfernt in dem Maße zu hören bekommen hätten, wenn es sich nicht eben um Herrn „Dreyfus", sondern um einen beliebigen Jacques- Bonhomme gehandelt hätte." G