Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 7 (17.2.1899)
- Article
- Köln
- Date
- 1899-02-17
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # Welt44 Nr. 7 Weise bis zum Schluffe beiwohnten. Gewiss an 300 Menschen zogen, ohne Platz zu finden, wieder ab. Das Feuer sittlicher Empörung gegen die Großjuden, die Millionäre und Milliardäre hauptsächlich, und gegen die Protestrabbiner, welches Max Nord au in Wien und in Berlin an gefacht hatte, ließ er auch hier in Köln am Rhein aufflammen, um denjenigen Herren aus dem Stamme Juda, deren Urtheil in Gesellschaft und Leben die Christen bisher glaubten Gehör geben zu müssen, in nationaljüdischen Dingen jede Autorität zu rauben. Allerdings, die meisten Juden und selbstverständlich auch die Nichtjuden, waren herbeigeeilt, um aus so berufenem Munde die Grundprincipien des Zionismus kennen zu lernen; war den meisten doch die Bewegung vielleicht nur dem Namen nach bekannt. Nordau betonte in der Einleitung seines Vortrages, dass es ihm unmöglich sei, an einem Abend die große Frage des Zionismus zu behandeln. Es ergehe ihm gerade so wie dem großen isländischen Künstler Thorwaldsen, welcher die größte Zeit seines Lebens in Rom verbrachte. Eines Tages besuchte diesen Künstler ein Prinz und wandte sich an ihn mit der Bitte, ihm Rom gründlich zu zeigen, da er sich hier 8 Tage aufhalten wolle. „Kgl. Hoheit", antwortete Thorwaldsen, „da kommen Sie an die falsche Schmiede. Ich verweile schon 47 Jahre in Rom und kenne diese Riesenstadt noch nicht gründlich; wie soll ich da in 8 Tagen einem anderen sie zeigen können." Hieran anknüpfend berichtete der Redner, wie er seit zwei Jahren sich unablässig in all seinem Denken und Fühlen mit dem Zionismus beschäftige und täglich neue Punkte in ihm entdecke, neue Fragen auftauchen sehe, deswegen könne er an diesem Abend in erschöpfender Weise auch nur zwei Seiten des Zionismus behandeln, nämlich : die Stellung der Großjuden und Protestrabbiner zu demselben. Darum mussten sich die Anwesenden mit wenigen programmatischen Sätzen, deren Klarheit für den Denker leicht fasslich, für die große Menge wohl einiger Erläuterung bedarf, zufrieden geben. Jedoch das thue nichts zur Sache; solches könne später nachgeholt werden. Der Eindruck der Ausführungen Nordaus, die oft von Beifall begleitet waren, war ein nachhaltiger bei Freund wie bei Gegner. An der Erregung der letzteren in der Diseussion merkte man sichtlich, wie tief die Schläge gesessen, wie schwer die moralische Wunde blutete. Ein junger Rechtsanwalt, Dr. Mannheimer, und ein Dr. med. Apfel traten als Kämpen gegen den Zionismus auf. Dr. Mannheimer mit mehr Pathos und Lungenkraft als Geschick, unnöthigerweise behauptend, er sei ein Deutscher und halte treu zu Kaiser und Reich, lasse sich sein Vaterland nicht rauben und wolle seine Warnerstimme erheben, damit ja nicht Einer der unverdorbenen Anwesenden den Lockungen des bösen Zionismus folge. Dr. med. 'Apfel war ebenso unglücklich in der Abgabe seiner Gründe gegen die zionistische Bewegung. Dr. Apfel nahm noch dazu das Recht für sich in Anspruch, im Namen der jüdischen Gemeinde gesprochen zu haben. Mit Ueberlegenheit und kalter Ruhe, mit feinem Spott und großer-Achtung vor den gelehrten Herren, welche die tiefsten jüdischen Gefühle und Gedanken missverstanden oder verleugneten, fertigte Dr. Nordau diese Gegner ab, die etwas angegriffen hatten, was niemand behauptet hatte. Unter den Rednern des Abends, die sich zustimmend erklärten, befand sich Rabbiner Tr. R ü lf aus Bonn. Dieser Redner feierte Dr. Nordau. Der orthodoxe Rabbiner Dr. Nobel erklärte sich ebenfalls für den Zionismus und knüpfte an seine Ausführungen den Wunsch, die Streitaxt möge sowohl bei den Zionisten, wie bei den sogenannten Protestrabbinern begraben werden, damit beide vereint zum Heile des gedrückten Volkes arbeiten möchten. Recht wirkungsvoll und mit großem Beifall ausgenommen waren auch u. a. die Ausführungen des Herrn Fabius Schach. Die Versammlung, die stellenweise stürmisch verlief, hat Bresche gelegt in den Jndifferentismus. Der Zionismus bildet das Tagesgespräch. Wir werden dafür sorgen, dass er nicht mehr vergessen werde. England. London, IO. Februar. Nach z e hn Jahren langwieriger Debatten hat der Council der Bereinigten Synagogen dcn Beschluss gefasst, das Eastend - Schema, das die Lage der jüdischen Bevölkerung im Osten von London verbessern soll, in die Hand zu nehmen. Diese zehnjährigen Debatten haben Vorschläge von so unbestimmtem Charakter gezeitigt, dass es unmöglich ist, sie genauer zu umschreiben. In der langen Zwischenzeit haben die Lebensbedingungen des Eastend solche Veränderungen erfahren, dass gut die Hälfte dieser unüberlegten, unverdauten Pläne jetzt ganz nutzlos wird liegen bleiben müssen. Eine nette Probe für die Fähigkeit derselben Leute, die dem Zionismus vorwerfen, er sei vage und unausführbar? — Heute reifen die Mitglieder des Executivcomites der English Zionist Federation nach Manchester, Liverpool und Leeds ab, woselbst starke Versammlungen vorbereitet werden. In Manchester wird eine Abordnung die zionistischen Delegierten empfangen. — Bei der Eröffnung des Parlaments wurde die Ilion Immigration Bill seitens der Regierung mit Stillschweigen übergangen, wogegen von den Freunden dieses Gesetzes Protest eingelegt wurde. Im Vordergründe der Kampfes, den die englischen Juden gegen die Alien Bill führen, steht Mr. L. I. G r e e n b e r g, der Schriftführer des English Zionist Federation. In einer wirkungsvollen Streitschrift hat er aus den officiellen Listen den Nachweis geführt, dass die in der Bill vorgeschlageneu Maßregeln ganz unnöthig sind. — Eine zionistische Campagne ist für Irland in Aussicht genommen. — Der jüngste Kämpfer für die zionistische Bewegung ist Dr. Strauß, Rabbiner der Reformgemeinde in Bradford. Palästina. Jerusalem. Baron Edmund v. R o t h s ch i l d aus Paris kam Sonntag den 29. Jänner nach Jerusalem. Auf dem Bahnhofe erwarteten ihn viele unserer aschkenasischen und sephardischen Brüder, mit den Rabbinern, nämlich dem Chacham- Baschi Eljasch ar und dem Rabbiner der Aschtenasim Herrn S. Galant, an der Spitze. Es waren u. a. erschienen: Dr. D'A r a b e l l a, Arzt des Jerusalemer Rothschild-Spitales, der Banquier Herr Valero re. Die Rabbiner begrüßten den Baron im Namen ihrer Gemeinden. Baron Rothschild bestieg mit den Herren Chasan, Direetor der Colonie R i s ch o n L e z i o n, und Dr. D'A r a b e l l a eine Kutsche und fuhr ins Hotel Käme netz. Bald nachher besuchte er den Pascha T e w f i k B e y, den französischen Consul in Jerusalem, das Rothschildspital, den Herrn Dr. I. G. DÄrabella und die Rabbiner der sephardischen und aschkenasischen Gemeinde. Der Baron verweilte ungefähr 4 Stunden in Jerusalem. ÄI. K. Sichron-Jacob, 31. Jänner 1899. Zum drittemnale haben die ersten Colvnisten in Sichron-Jacob den Baron Edmund v. Rothschild und seine Gemahlin in der Colonie begrüßen können. In Tantura erwartete den Baron eine berittene Abordnung, die ihn nach Sichron-Jacob geleitete, m cr von den Coloniften mit großer Freude empfangen wurde. Während seines dreistündigen Aufenthaltes besuchte er auch die Synagoge und richtete eine Ansprache an die Colvnisten, in welcher er seiner Zufriedenheit mit der Colonie Ausdruck gab und den Colvnisten verschiedene, namentlich hygienische Maßnahmen anempfahl, die er zu unterstützen bereit sei. Auch bezüglich des Ankaufes der Producte der Colonie gab er freundliche Versicherungen. Nachdem der Baron noch die Weinkeller und die Werkstätten besichtigt hatte, richtete er vor seiner Abreise an die im Administrations-Gebäude versammelten Colouisten eine Ansprache, in welcher er versicherte, dass er die Selbständigkeit der Colonisten stets im Auge habe, und der Hoffnung Ausdruck gab, dass Sichron-Jacob die schönste Colonie Palästinas bilden werde. Die Colonisten fühlen sich durch den Besuch des Barons und seiner Gemahlin, welche der Mädchenschule und dem Krankenhause besondere Aufmerksamkeit widmete/ sehr ermuthigt. Unter herzlichen Segenswünschen der Colonie trat der Baron die Weiterreise an.