Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 7 (17.2.1899)
- Article
- Das neue Ghetto
- Date
- 1899-02-17
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7 „vre Welt“ Seite 9 ist. Hieraus wird man schließen dürfen, dass nur der gute Wille des Theüterdireetors und einzelner Schauspieler nothwendig ist, um „Das neue Ghetto" auch gegen den Willen einzelner Personen auch anderswo zur Aufführung zu bringen. Die Olmützer Antizionisten haben nicht einmal durch ihr Fernbleiben demonstriert, die Brunner würden höchstens dieses muss sich in letzter Zeit manchen Angriff von deutschnationalantisenntischer Seite gefallen lassen. Die Deutschnationalen erklären, dass eine Kirche, die einem Juden so hohe Würden verleiht, wert sei, dass man ihr den Rücken kehre. Los von Rom! m Mittel anwenden. Z. Ein jüdisches Rettungsboot, der „Michael Henry", welches der „RoyalNational Liieboat Institution“ von dem „Jewish Sholars Lifeboat Fund“ zur Verfügung gestellt wurde, vollbrachte vorige Woche, Donnerstag, eine Ehrenthat. Es kam der dänischen Barke „Peruvian", die an der Küste bei Sea^ord aufgelaufen war und in größter Gefahr schwebte, zu Hilfe und rettete den Befehlshaber und neun Matrosen. Das Wachsthum der Londoner Gemeinde wird am besten durch die Thatsache gekennzeichnet, dass im abgelaufenen Jahre mehr als 1000 jüdische Ehen geschlossen wurden. Eine Anzahl jüdischer Fabrikanten in Lodz hat die Errichtung von Abendcursen für die jüdischen Arbeiter beschlossen und ein diesbezügliches Gesuch an bas Unterrichts' Ministerium gerichtet. Die Schekel-Empfangsbestätigung, welche durch die English Zionist Federation zur Ausgabe gelangt, trägt eine Abbildung der beiden Seiten der alten Schekelmünze. Wegen ein paar Juden. Ein äußerst aufregender Vorfall hat sich, wie man der Wiener „Soun- und Montagszeitung" aus Prag telegraphiert, dort am 12. Februar a. c. auf dem Josephsplatze zugetragen. Ein elektrischer Wagen fuhr von hinten absichtlich in einen jüdischen Leichenzug hinein. Entsetzt stoben die Trauergäste auseinander. Diese, sowie Passanten gaben begreiflicherweise ihrem Unmuthe Ausdruck. Der Wagenleiter rechtfertigte sich, zur Rede gestellt, mit den Worten: Wegen ein paar Juden bleiben wir nicht stehen. Seine Name wurde sofort sichergestellt. Der Vorfall hatte eine nach Hnnderten zählende Ansammlung zur Folge. Theaterseandal. Im Nouveau Theätre in Brüssel veranstaltete das Publicum während der Aufführung eines sünfactigen Dramas „Der König von Rom" antisemitische Kundgebungen. Es erschollen die Rufe: „Nieder mit den Juden!" Sie Jude! Die „Voss. Ztg." erzählt folgendes hübsche Geschichtchen: Neulich hat inRom ein Deutscher seine gänzliche Unfähigkeit, die Leute zu verstehen, in eigenthümlicher Weise gebüßt. Er trifft auf der Gasse zufällig einen Landsmann und redet ihn an: „Sagen Sie einmal, dürfen denn Juden den Petersdom nicht betreten?" „I, warum nicht? Natürlich dürfen sie's. — „Dann weiß ich nicht, was der Mensch von mir will. Ich gehe jeden Nachmittag in den St. Peter und bleibe da bis geschlossen wird. Nun kommt immer ein Kirchendiener auf mich zu, weist mir die Thüre und schreit mich an: „Sie Jude!" — „Verzeihen Sie," belehrt der andere, „der Mann sagt: „81 chiude!" (Man schließt.) Artikel X des spanisch-amerikanischen Friedens vertrag es lautet: Den Einwohnern der Territorien, deren Souveränität Spanien aufgibt oder abtritt, soll freie Ausübung ihrer Religion gesichert werden. Der englischen Gesellschaft zur Erforschung Palästinas (Palestine Exploration Fund.) ist von dem Sultan ein Firman bewilligt worden, Ausgrabungen im heiligen Lande vorzunehmen. Zunächst sollen die Arbeiten in Tell-el-Hasi, der Stelle der alten Kanaanitenstadt Lachisch, beendet werden, wo bereits sehr interessante Funde gemacht wurden. Die Schätze der Kairiner Synagoge. Das „Athenäum" berichtet: Eine neue umfangreiche Sendung alter und wertvoller hebräischer Fragmente ist an das „British Museum" gelangt. Das Gewölbe der alten Kairiner Synagoge, von der diese Funde stammen, soll nun all seiner Schätze beraubt sein. Unter den neuen Erwerbungen sind manche wertvolle Documente, und eine Beschreibung derselben dürfte in nächster Zeit erscheinen. Erzbischof Kohn in Olmütz, in dem die Rassenantisemiten selbstverständlich nur einen ziemlich vollblütigen Semiten sehen. ComsMdtM«. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. Das Ende unseres Jahrhundertes scheint offenbar durch Panama und Panamino stigmatisiert zu werden. Das sonst schon äußerst interessante Galizien will noch den Beweis totaler „Modernität" durch die in den letzten Jahren regelmäßig sich wiederholenden Defraudationen seiner Beamten führen. Es will aller Welt klarlegen, dass die Galizier nicht zu den inferioren Nationen gehören, und dass es der allgemeinen Eivilisation seinen entsprechenden Eulturbeitrag liefert. Merkwürdig, oder besser selbstverständlich ist es, dass in diesem Punkte nur waschechte Schlachzizen sich auszeichnen. Alle Institutionen nämlich, an denen mit so großem Erfolge operiert wurde, sind ganz j u d e n r e i n. Vor einigen Jahren defraudierte ein hoher Beamter des galizischen Landesausschusses, wo die Hauptbedingung für die Aufnahme nicht nur Ehristenthurn, sondern dazu noch echtes Schlachzizenblut bildet, eine Riesensumme aus dem sogenannten Salzsonds. Dieser Fonds war bekanntlich eine Eonsequenz des in Galizien mit so günstigem Erfolge in den letzten Jahren wirkenden neuen E u r s e s, der darin besteht, den Juden gegenüber sich n i ch t a u t isemitisch, sondern a s e m i t i s ch zu verhalten. Der Fonds warausdrücklich dafür bestimmt, den ärmsten Proletariern Galiziens, den kleinstädtischen Juden, das letzte Stückchen Brot zu entreißen, indem man für das Land das Salzmonopol einführte. Von welch großem Nutzen diese Einrichtung selbst war und ist, Zeigen die jährlichen D e f i e i t-Jahresabschlüsse des entsprechenden Fonds und die fortwährend wachsende Proletarisierung der ärmsten jüdischen Elasse Galiziens. Alle Einwendungen und Petitionen dieser Armen an die „maßgebenden Kreise" halfen und helfen nichts. Eine zweite Anstalt, wo kein einziger „Fremder" sein darf, die Krakauer „Wechselseitige Versicherungs-Gesellschaft" stellte nebst kleineren Männlein auch ihren Mann in der Person ihres Generaldirectors für das Panama-Geschäft. Dieser Herr wurde ver„nichtet" in der Eoalitions-Bedeutung des Wortes und „sonderbarerweise" bis heilte noch nicht erwischt. Wie böse Zungen behaupten, soll er eine Anstellung bei einer ungarischen Versicherungsanstalt bekleiden und das Brot eines freiwillig Verbannten genießen. Die dritte große, bereits einen Weltruf besitzende Panama-Affaire ist der euphemistisch so genannte „Run" auf die galizische Spareasse. Wenn diese wiederum waschechte polnische Institution auch in der kaufmännischen Bedeutung des Wortes „passiv" ist, so sind dennoch die Passiven in dieser ganzen Affaire nur die Juden, rndem die gesannme polnische Journalisten-Gesellschaft auf sie activ loszieht und sie für die Schlachzizenwirtschaft verantwortlich machen will. Das Verfahren gegen die um ihren letzten Groschen besorgten armen Juden ist zwar in den Tageszeitungen genügend geschildert worden; diese Schilderungen erreichen aber beiweitem noch nicht den factischen Thatbestand. Um das Augenmerk von den eigentlichen Schuldigen abzulenken, hat man schnell einen übrigens immer zur Hand befindlichen Sündenbock, den Juden, gefunden und auf ihn die ganze Verantwortlichkeit des ganzen „Unglückes" geschoben. Wenn infolge der verschiedenen Zeitungshetzartikel ohne Rücksicht aus die „Tendenz" des Blattes bald mannigfache „Unruhen" ausbrechen werden, dürften dann abermals nur die Juden alles veranlasst und es redlich verdient haben, geplündert zu werden. Ein ärztlicher Aphorismus lautet: „Die Gesunden kennen nicht die Gesundheit, nur die Kranken." Aehnlich ist es jetzt mit den galizischen Zuständen. Deutschland. Köln. Am 30. Jänner wurde hier unter der Leitung des Vorsitzenden des Actionseomites für Deutschland, Dr. Bodenheim e r, die von der hiesigen zionistischen Vereinigung einberufene erste öffentliche Versammlung abgehalten. Wir hatten uns von Anfang an auf großen Widerspruch gefasst gemacht, da das hiesige Judenthmn an zwei großen Nebeln krankt: dem Jndifferentismus in politischen Dingen und der Reformsucht in synagogalen, die geeignet ist, einen direct nichtjüdischen Charakter zum Ausdrucke zu bringen. Dr. Max N o r d a u war der Redner des Abends. Der große Saal der Wolkenburg war lange vor Beginn der Versammlung von Herren und Damen überfüllt; unter den 600 Anwesenden mochten sich vielleicht 100 Nichtjuden befunden haben, welche der Versammlung in ruhiger unparteiischer