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Die Welt · 1899-02-17 · 7 (17.2.1899) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
7 (17.2.1899)
Article
Der Jargon
Date
1899-02-17
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 „Die 'Welt44 Seite 7 dieser Chassidengestalt voll Zauber und Sympathie. Ein „lustiges Stückchen", ein „gutes Wort", im Jargon vorgebracht, hörten auch diejenigen mit geheimer Freude au, welche laut den Jargon missachteten. Auch an die Eindrücke im jüdischen Theater erinnere man sich. Das Jargondrawa gefällt dem Volke, wenn es lustig zugeht. Aber mit pathetischen Scenen von der Buhne aus zu wirken, ist für Autor und Schauspieler gefährlich. Der Jargon verträgt nicht leicht Pathos; es kommt vor, dass tragische Scenen vom Volke belacht werden, weil ihm das Tragische auf der Bühne als Schein, als — Komödie sich darstellt. Das Trauerspiel erfordert viel mehr Illusion als das Lustspiel; und das jüdische Volk ist noch ein sehr junges Theatervolk. Es war gewohnt, auf ganz anderer Bühne zu wirken. . . Im klebrigen wird erzählt, dafs Aufführungen classischer Stücke in Jargonübersetzungen das Volk bis zu Thränen rühren. Möglich; aber originale Jargonstücke von streng dramatischem Charakter gibt es wohl keine; icl> meine Dramen, wo der Ernst des Ganzen vom Gange der Handlung und von der Entwicklung des Dialogs bedingt wäre. Der beliebteste und bekannteste Jargoudichter, Goldfaden, verdankt seine Erfolge auf der Bühne melodramatischen Mitteln. Und melodramatisch ist das Meiste, was gegeben wird. Das Lied ist aber auch unter allen die edelste Form. Aus dem Liede spricht die jüdische Volksseele. Und wie sie in Tönen spricht, versinken die Worte immer mehr, und was sich hier offenbart, ist wunderbare Stimmung, große Trauer und große Sehnsucht... Es schmerzt fast, vom Liede wieder zum Jargon zurückzukehren. Aber wir werden bei ihm nicht immer bleiben; und wohl auch diejenigen nicht, die ihn heute fast ausschließlich sprechen oder zu welchem Zwecke immer gebrauchen. Es ist wohl möglich, dass der Jargon in nächster Zukunft, und zumal unter dauernder Anregung durch den nationalen Gedanken, einen größeren, besonders poetischen Aufschwung nehmen wird. Aber von tiefer, von bleibender Wirkung auf das Judenthum dürfte diese Poesie kaum sein. Denn bleiben wird der Jargon nicht! Seine Rolle ist bei aller Bedeutung, die ihm für jetzt und auch später noch zukommen mag, dennoch eine vorübergehende. Der Jargon ist kein so integrierender Theil des jüdischen Volksthums, dass er bestehen müsste, solange das Judenthnm bestehen wird. Auch seine besten Gönner- Werden seinen Untergang nicht allzusehr beklagen. Denn ihm fehlt jenes Element, dessen eine Sprache, dessen ein Volk nicht entrathen darf: es gebricht ihm an Kraft, an gewaltigem Aus^ drucke nationaler Empfindung, nationaler Leidenschaft. Er ist von lässigem, zerfahrenem Charakter; die böse Notb, die Abenteuer und Zufälle, unter denen er geworden, haben ihn gu dem gemacht, was er ist, zu einem Clown unter den Sprachen, zu einer Missgestalt, bei deren Anblick man zugleich lachen und weinen möchte. Für die Stellung des Juden in der Fremde bleibt der Jargvu eine der bezeichnendsten geschichtlichen Begleiterscheinungen. Aber die nationale Wiedergeburt wird es wohl bewirken, dass der Jude jenen Fremdkörper abstößt, und auch in der äußeren Form seine alte, schöne Weise wieder aufnimmt. In unserer nationalen Bewegung sind schon die Keime enthalten für eine allmähliche Umwandlung und endgiltige Ablösung des Jargons. An seine Stelle wird die Sprache treten, die dem jüdischen Volke ureigen ist. Sogar dem Einflüsse der modernen Cultur zeigt sich auch der orthodoxe Jude bald zugänglich, wenn nur diese Cultur anch seine nationalen Wünsche berücksichtigt. Gegen die Ablösung aber der jüdischen Sprache durch die hebräische werden wohl auch jene streng orthodoxen Juden keine Bedenken haben, welche durch eine unbewusste, jedenfalls irrige Tradition den Jargon mit dem jüdischen Cultus verknüpften. Dass aber die hebräische Sprache zu neuem Leben auferstehen wird, ist unser fester Glaube. Und. unsere nationale Erneuerung wird sich nicht zum wenigsten durch die Erneuerung unserer Sprache vollziehen. Die Confercm der bulgarischen Zionisten. Philippopel, im Februar 1898. In jener uralten macedonischen Königstadt, in welcher nach der Ueberlieferung die erste jerusalemische Niederlassung auf Wunsch Alexander des Großen vor 2000 Jahren stattfand, trat am 2-k December a. St. eine Conferenz desselben Stammes zusammen mit dem brennenden Verlangen und unstillbaren Sehnen, die Heimreise nach dem verlassenen Juda antreten zu dürfen. Von der brausenden Marizza bis dorthin, wo die Jordanswelle fließt, leben hunderttausende unserer gleichgesinnten Brüder, deren heiligste Gefühle dem einen Wörtchen gelten: „Erlösung". Doch diese ungezählten tausende Söhne Judas kennen meist nur eine Art, ihrer Sehnsucht Ausdruck zu verleihen, im Gebete vor dem ewigen, einzigen Gotte Israels. Die Zionisten-Couferenz gieng von dem modernen Standpunkte aus, Leid und Freud den Mitmenschen mitzutheilen und ihre gerechte Sache vor der Oessentlichkeit zu führen, ungeachtet dessen, dass die Phase, in welcher Israel sich befindet, als eine ganz trostlose bezeichnet werden darf. Wir schickten schon vor längerer Zeit voraus, dass die Juden in Bulgarien, selbst die assimilierten, mit nur wenigen Ausnahmen den Zionismus als den rettenden Hoffnungsanker erkennen, aber sie beben, sie zittern vor der Oeffenllichkcit. Dieser Bann darf aber nicht verwechselt werden mit Regungslosigkeit und dem Erstarrtsein der Asstmilatoren und der Hydrotherapeuten l Taufpartei) unter unseren europäischen Brüdern. Das Wunder der Oeffenllichkeit vor den Augen unserer Zionsstürmer und Zionsstreiter zu vollziehen, ihnen zu zeigen, dass Israel auch eine Volksseele und ein volkliches Bewusstsein hat, das sie antreibt, die 1800jährige Sclaverei (und möge sie auch die blendendste sein) abzuschütteln, blieb der Conferenz in Philippopel Vorbehalten. Das Programm der Conferenz enthält wichtige Angelegenheiten, quasi ein verjüngtes Bild der Baseler Conferenz, welche der Berathung nnd der Schlusssassung vorbereitet wurden. Die Programmpunkte: I. lieber die Lage des Zionismus. II. Reorganisation der jüdischen Volksschulen und Einführung des hebräischen Sprach- und Sprechunterrichtes. III. Schekel und Colonialbank. IV. Wahl eines Centralcomites. Es sei mir gestattet, einen kurzen Ueberblick über diese, drei Tage in Anspruch nehmende I. Zionisten-Eonferenz in Bulgarien zu geben. Eine große Anzahl von Ortsgruppen waren vertreten. Anwesend waren II Delegierte, da Sofia zehn Delegierte, auch Philippopel und Tatarbazardzit je eine größere Anzahl entsendeten. Der Ex-Grandrabbiner von Sofia, Rabbi Chacham Jzchak Balisch, eröffnete die Versammlung mit einigen segnenden Worten, dann wurde zur Wahl geschritten und Herr Carl Herbst, den erst jüngst Fürst Ferdinand durch einen Orden ausgezeichnet hat, mit Majorität zum Vorsitzenden, dann zwei Stellvertreter und Secretäre gewählt und das Stenographenbureau constitllirt. Die Antrittsrede und der I. Punkt der Tagesordnung verflossen in eins und nahmen den ersten Sitzungstag und den halben zweiten in Anspruch. In dieser Rede wurde das jüdische Massenelend beleuchtet, und der Zionismus als die einzige Möglichkeit der Verbesserung der Lage unserer Nation begründet. Auch Der Correferent behandelte ausführlichst tagsdarauf dasselbe Thema. Dr. Bier er suchte die geschichtliche Entwicklung des Zionismus in deutscher Sprache vor' einem dieser Sprache unkundigen Publicum uachzuweisen. Rach der Programmdebatte fasste die Conferenz folgenden Beschluss: Die Zionisten in Bulgarien stehen auf dem Boden des Baseler Congresses. — Der Antrag wurde mit großer Majorität angenommen. Der zweite Gegenstand der Tagesordnung, das Schulwesen, rief eine sehr eingehende Debatte hervor. Referent Herr Tagg er nahm die Gelegenheit wahr, um die Alliance Israelite in heftigster Weise anzugreifen, wobei er namentlich darauf hinwies, wie die Alliance jüdischen Kindern französischen Geist einzuflößen sich bestrebe. Herr T a g g e r beantragte, die französische Sprache aus dem Schulplane zu streichen, hingegen die hebräische Sprache als eine lebende obligatorisch an allen Älliance- und jüdischen Ge meindeschulen einzuführen. Anch in den Mittelschulen müsse der hebräische Unterricht fortgesetzt werden. Die Melamdim, welche selbst des Hebräischen nicht mächtig seien, müssten durch tüchtige, pädagogisch gebildete Hebraisten ' ersetzt werden. Dr. Vierer nahm das Wort in bulgarischer Sprache, wies auf die unglückselige Seelentaubheit unserer Connationalen hin und wie die Zurückgewinnung der nationalen Sprache die größte Culturanfgabe der Zionisten sei. Die Ausfälle gegen die Alliance seien nicht gerechtfertigt, da die Alliance durch 30 Jahre Millionen hergab, um aus verachteten Individuen Menschen zu machen, welche eine Weltsprache und einiges Wissen auf den Lebensweg erhielten. Die assimilatorische Alliance sei das Product ihrer assimilatorischen Gründer und Förderer und werde den Weg zum nationalen Judenthum schon finden oder.sie wird dahin gedrängt werden.

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