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Die Welt · 1899-02-17 · 7 (17.2.1899) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
7 (17.2.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-02-17
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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d>eite 4 Mt. 7 Jbie A Welt44 eines schönen Toges die Massen ab sch lach tun g der Menschen gestrichen würde, darüber ist ja kein Wörtchen zu verlieren. Da wir — nach dem Grundsätze: Wer schmäht, der kauft — in diesem vielgeschmähten irdischen „Jammerthale" möglichst länge zu verweilen trachten, so verleihen wir allem, was uns die sauere Miete verlängert und uns eine vorzeitige, gewaltsame Delogierung vom Halse hält, den Titel „Wohlthat". Ein Heilserum ist eine Wohlthat, eine vernünftig abgefasste Makrobiotik ist eine Wohlthat, und der Weltfriede ist selbstverständlich auch eine Wohlthat. Aber schon die bloße Kunde, dass der Wille zur Anbahnung der unverfälscht goldenen Friedensära da und dort wirklich vorhanden ist, muss eine eigenthürnlich wohlthätige, prickelnde Wirkung auf uns ausüben. Jählings kommt uns die Erleuchtung: die fortschreitende Veredelung und Selbstläuterung der Menschen ist also doch kein Ammenmärchen! Menschenverbrüderung — dieses sonore Wort ist also mehr als Phrase? Versöhnung, Bruderliebe, Friede — die drei Genien werden den Menschen Hineingelelten in ein neues Eden; ebenso, wie der Schlachtenlärm verklungen ist, wird auch das Seufzen sämmtlicher Beladenen und Gedrückten verstummen, und alle, die da ein Stück irdischen Elends tragen, sie mögen ausharren, auch für sie wird die frohe Stunde schlagen, wo sie unter der Frühlingssonne einer milden Eivilisation die Bürde mit einem Ruck wegschleudern und aufathmen.-Es ist in solchem Gesalbader etwas Einschläferndes, Beruhigendes. Lindernder Kanzel-Mohn. In irgendeinem Betstuhl mag auch irgendein gläubiges Gemüth bei der Predigt zustimmend nicken, einnicken. Aber leider, leider stehen die Stimmen, die jetzt die Abrüstung propagieren, in einem gewissen desavouierenden C.ontraste zu derartigen salbungsvollen Duseleien. Wenn wir die öffentliche Meinung belauschen, so vernehmen wir einige recht curiose Laute. * * * Eine Auflehnung gegen den Brauch des Kriegführens müsste folgende zwei Wünsche zur untersten Grundlage haben:. Erstens, ich will nicht abschlachten; zweitens, ich will nicht abgeschlachtet werden. Der erste Wunsch wäre der „ethische"Bestandtheil der Auflehnung, mit stolzen leuchtenden Augen dürften die hoffnungsfrohen Herolde einer nahenden Menschenverbrüderung auf eine so herrliche Willensäußerung Hinweisen und sie als ersten unverkennbaren Ansatz des vielgenannten Bruderbundes bezeichnen. Würde aus den jetzigen Friedensstimmen jener erste Wunsch durchdringend herausklingen, dann könnte man den weihevollen Orakelsprüchen der Hellseher, die das bevorstehende Arkadien schon ganz deutlich in der Luft wittern, eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Wie schaut nun aber die dürre Wirklichkeit aus? Die Stimmen der Oeffentlichkeit, die sür die Abrüstungscon^erenz eintreten, gruppieren sich mit einer anmuthigen Naivetät um den frommen Wunsch : „Ich will nicht abgeschlachtet werden." An sich ist dieser Wunsch, so wenig „Ideales" er auch enthält, ja nichts Tadelnswertes. Er ist sogar recht begreiflich. Und wenn uns schließlich die Wohlthat des ewigen Friedens auf Grund eines mehr compacten, fleischlichen Wunsches beschert wird, so hat das nichts zu sagen. Wohlthat bleibt ja bekanntlich auch Wohlthat, wenn sie uns statt aus gleißender Krystallkaraffe nur aus irdener solider Schale zukommt. Aber dem Auguren, der aus den Eingeweiden der Abrüstungsconferenz das Zeitalter der endgiltigen Nächstenliebe Vorhersagen möchte, wird die Prosa der betasteten Dinge den weitausgreifenden Gedankenflug wohl herunterschrauben. -i- * * Will der Krieger das Schwert iu die Scheide stoßen, weil er es nicht mehr mit Blut beflecken will? Nein. Er will den Schild weglegen, weil dieser gegen die überstarken Schwertstreiche nicht mehr genug Schutz gewährt. Das ist die Abrüstung. Nicht die weiche Schonung des Anderen, sondern die Deckung der eigenen Leiblichkeit. Die modernen Waffenmittel sind so unheimlich geworden, dass die Kohorten beider Heerlager sür ihre Haut schwere Sorge tragen müssen. Jeder Sieg ist ein Pyrrhussieg. Es wird immer zwei Geschlagene geben. Der Stärkere wird immer zwei Drittel der Niederlage, die er dem Schwächeren zugefügt, selbst forttragen. Der Mord geht in den Selbstmord über, die heutigen . Waffen sind rph? der Bumerang des Wilden, der, zurückkehrend, dem unbedachten Schützen das eigene Haupt zertrümmert — da nimmt die Menschheit -eine heilige Miene an und /Friedens.stimmung säuselt durch die.Luft. Nicht Brudermitleid zieht am Strang der Friedensglocken, -sondern Furcht. „Wohl; sie wollen das Leben ihrer eigenen Legionäre schonen! Wer erkühnt sich, an dieser schönen Rücksicht herumzunörgeln? Darf man den Vater rügen, dem das Blut seiner Söhne kostbar ist?"-Der Idealist, der uns schon wieder seine nicht zu verachtenden Einwürfe macht, wird mit verblüfftem Befremden vernehmen, dass es sich nicht so sehr um das Leben der braven Legionäre, als um einen Stoß Banknoten handelt. Weil das Kriegsbudget in die Mittel der Staatswirtschaft ein großes Loch hineinreißt, darum schwebt der holde Friedensengel mit dem himmlisch-verklärten Antlitz über diesen Stern. Die Finanzverweser haben es satt, bei Zusammenstellung ihres Voranschlages alljährlich sorgenschwer am Federhalter herumkauen zu müssen, und dieser Gemüthsstimmung werden es dieMillionen Menschen zu verdanken haben, dass sie nicht hingemetzelt werden. Geldund Leben! Das war das Verlangen, das früher an den braven Legionär gestellt wurde. Jetzt, wo die Hilfsvorräthe des Staatshaushaltes magerer werden, wo dem braven Legionär die Beschaffung des Geldes etwas schwer fällt, jetzt wird ihm auch das Leben geschenkt. Die Friedensglocke ist eigentlich ein schlaffer Klingelbeutel. * * * Im Uebrigen kann man jetzt vor Zusammentritt der Abrüstungs-Eonferenz eine interessante Beobachtung machen: die träge, geradezu indifferente Haltung, mit der die Publicistik vor der neuen und gewiss bedeutungsvollen Zukunftsperspective dasteht. Jahraus, jahrein spintisiert der Tintenmensch über die „äußeren Verwicklungen", um jedes dunkle Pünktchen, das auf dem „politischen Horizont" aufsteigt, wird ein Wall von Tintensatz aufgeschüttet, und jetzt, wo ein Ereignis im Werden ist, das doch mitten hineingreift in die Interessensphäre des scribelnden Politikers, jetzt steht er da, fast stumpfsinnig, wie mit einer Klappe vor Mund und Augen, und mummelt nur hie und da etwas. Sollte man nicht annehmen, dass sich das ganze Heer der Schreiber auf die Friedensfrage werfen und wenigstens einen seichten Kreis von Tintensud um das Problem ablagern wird? Ein paar Telegramme, lakonische Correspondenzen, die berufsmäßige Berichterstattung, das ist alles. Stumm ist er nicht, der Tintenmann, denn er redet noch über alles mögliche, so ist er offenbar blind. Oder wenigstens kurzsichtig. — Eine anerkenemswerthe Ausnahme bilden die specifischen Organe der Friedenspropaganda, die bereits leit langem sür ihr Ideal mit sympathischer Ehrlichkeit eintreten. — Aber die Tagespresse bleibt sich treu. GroßeGeschehniffe, die mitten imTageslärm keimen, kommen ihr nicht eher zum Bewusstsein, als bis sie so hoch aufgeschossen sind, dass der Reporter über sie stolpert. Die Keime werden übersehen, weil daneben viel wichtigere Dinge vorgehen: Ein Zimmerseuer, ein Taschendiebstahl, die Geburt eines Kalbes mit fünf Füßen re. Diese Publicistik muss tasten können, nahe tasten, dann sieht sie. Sie kann nicht eher begreifen, als sie greifen kann. Erwin Rosenberger, Ans dem Palais Sonrdon. Am letzten Freitag war wieder großer Tag im Palais Bourbon. Auf den Gallerten saßen die elegantesten Leute von Paris, correct aussehende Herrchen, Damen in heller Tracht, mit außerordentlich gefiederten Hüten — man sieht das nach den Depeschen beinahe von hier ans, so wohlbekannt ist dieser fröhliche äußere Aufputz französischer Krisen. Dieses Publicum ist nämlich das der Premieren und Dernieren. Ja, die Schauspiele letzter Zuckungen haben ein noch viel feineres Publicum als die Erstaufführungen. Wie wenn es ihren überreizten Nerven wohl thäte, wie wenn ihre grausame Decadentenschwäche eine besonders wonnige Marter darin fände, lieben sie es, Hinrichtungen beizuwohnen. Ob ein armer Sünder unter das Fallbeil geschleppt wird oder eine angstschlotternde Regierung ihren letzten Weg wankt

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