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Die Welt · 1899-02-17 · 7 (17.2.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
7 (17.2.1899)
Article
Die Gaster-Affaire
Date
1899-02-17
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 „Die H Welt“ Seite 3 haben. Erst durch ihn ist das vorher fast erstarrte Gemeinde- Wesen zu einigem Leben gekommen. Er hat ihm mit seinen glänzenden Eigenschaften, seinem berühmten Gelehrtennamen zur Ehre gereicht. Umgekehrt aber, konnte der verwaschene Opportunismus eines anglomanen Judenthums nicht nach dem Geschmacke eines Mannes sein, der seinem ganzen Volke zu dienen sucht. Sind das wirklich die Nachkommen edler Vorfahren, diese Sephardim, für die London — Zion, die Bank von England das Heiligthum bedeutet, und die Schuld an der generalisierenden öffentlichen Meinung tragen: a l l e Juden seien Feiglinge und Huldiger der Tagesmeinung von der Straße? Diese sogenannten Führer werden vom Volke der verdienten Vergessenheit überantwortet werden. Welche Empöruug der Beschluss der Eld ers hervorgcrufen, beweist der bezeichnende Umstand, dass selbst die auti zionistische „Jewish Chronicle“ sich bequemen muss, einer bitter tadelnden Zuschrift Raum zu geben. In dieser heißt es: „ . . Als Mr. Mocatta am 29. Jänner constatierte, dass die Ansichten der Congregation, betreffend den politischen Zionismns, keine feststehenden seien, traf er das Richtige. Wie durften dann aber zehn Mitglieder der 39 Mitglieder umfassenden Corporation der Elders sich anmaßen, die Meinung der I e h i d i m zu vertreten, da doch die letzteren über jene Frage niemals eine Aeußerung abgegeben haben und auch im Falle einer anlizionistischen Haltung schwerlich eine derartige, gegen die Autorität ihres Chacham gerichtete Maßregel gutheißen würden? Soll Doctor Gaster vielleicht auch eine seiner Vorlesungen in der „Asiatischen Gesellschaft" mit der Bemerkung einleiten: er spreche nicht als Chacham? — Dr. Gaster hat genug Feingefühl und Zurückhaltung besessen, um nicht von seiner Kanzel aus auf gewisse a n t i z i o ni sti sch e Kanzelprovocat i o n e n zn antworten, im Uebrigen muss er das Reckt haben, seiner Ueberzeugung nachzuleben. — Schließlich möchte ich Herrn de Castro, der die Heilige Schrift gegen den Chacham aus spielen wollte, den Rath geben, weder die Bibel zu travestieren, noch einen Anachronismus für einen Beweis zu halten. Eine Kundgebung für Dr. Gaster. London. Infolge der Initiative des Herrn A. Engländer, Präsidenten der „London Hebrew Divisional Benefit Society“, hat sich im Zusammenhang mit dieser Gesellschaft eine neue zionistische Organisation gebildet, deren Mitglieder in Gegenwart eines stattlichen Publicums ihr erstes Meeting in einer der größten Lust Fnd-Synagogen abhielten. Die Versammlung nahm unter lebhaftestem Beifalle eine von Mr. L. I. Greenberg beantragte Resolution an, die der zionistischen Bewegung den kräftigsten Beistand verspricht. Mr. Greenberg erörterte in längerer Rede die Einrichtungen der English Zionist Federation, der s i ch die neue Organisation Linnen kurzem an schließen werde, um in Verbindung mit dem Wiener Centralcomite für den Zionismus zu wirken. Redner besprach sodann die Haltung eines bekannten antizionistischen Londoner Judenblartes. Dieses habe einen ausführlichen Bericht über Nordaus Wiener Rede gebracht und also auf eine erheiternde Art eine der härtesten Strafen des sibiris chen Reglements freiwillig über sich verhängt: nämlich die Knute für die eigene Züchtigung eigenhändig gedreht. — Die spanisch-portugiesische Gemeinde habe geglaubt, gegen ihren Chacham, Dr. Gaster, vorgehen zu müssen, weil er seine zionistische Gesinnung frei bethätigte. In einem, die Herren vom Machamad nicht besonders ehrenden Gegensätze äußere sich aber der „Sheffi eld Tel e gr aph“ über den Zionismus folgendermaßen: „Die besondere Stellung der Juden, die ihre nationale Eigenheit nicht verlieren, obwohl sie seit so langer Zeit ein eigenes Land entbehren müssen, erklärt die besondere Behandlung, die sie seitens der Völker erfahren. Das prophetische Programm, das ihr Chief-Rabbi (Dr. Gaster) verkündet, mag nun auf sicherem Grunde stehen oder nicht — seine Tendenz ist ganz gewiss die richtige: die Juden müssen wieder eine Nation werden, dann werden sie ebenso behandelt werden, wie die anderen Völker. Zugleich mit ihrer festen nationalen Organisation wird ihr extra nationales Elend ein Ende haben." So äußere sich ein angesehenes Organ, das nicht immer den Juden freundlich gesinnt gewesen. Daraus könne die Wahrheit der Behauptung ermessen werden, dass der Zionismus den Antisemitismus wecke. Mr. Greenberg ermahnte schließlich die Versammelten, nicht zu glauben, es sei mit der Gründung von Vereinen und dem Abhalten von Versammlungen alles gethan. Sie mögen sich vorbereiten, für die Sache Opfer zu bringen. Es ergriff nunmehr Dr. G a st e r das Wort. Das war das Signal zu einem Ausbruch stü r mi s ch e r Begeisterun g. Die ganze Versammlung erhob sich von den Sitzen, minutenlang durchschwirrten sympathische Zurufe den Saal und bewiesen den allgemeinen Wunsch, dem verehrten Manne eine glänzende Genugthuung zu geben. Dr. Gaster führte sodann aus, er müsse vorerst die Erklärung abgeben, dass er heute, wie immer, in seinem Namen, nicht im Namen seiner Gemeinde spreche. Er habe niemals, wie es andere thaten, seine officielle Stellung zugunsten seiner politischen Wirksamkeit ausgespielt. In Basel, wohin ihn sein nationales Fühlen getrieben, und wo er keineswegs in Geistlichentracht paradiert habe, sei er von keinem Menschen gefragt worden, in wessen Namen er spreche Auch zu den heute Abends Versammelten wolle er nur im Namen ihrer großen Traditionen, ihrer großen Vergangenheit und ihrer großen Zukunft sprechen. Es gebe Leute, die bequem zuhause bleiben, akademisch über die jüdische Mission debattieren und den alten Ruf wiederholen : „Wir haben keinen Theil an dem Hause Davids!" Er sei nach Basel gegangen, um dort eine Frage beantwortet zu erhalten, die sein tiefstes Mitgefühl aufrege, die Frage: was die galizischen, russischen und rumänischen Juden fürftch'selberthun solltenund könnten. lRufe: Unser Bestes!) Jnihrer Macht stehe es, statt Bettler — Juden zu sein, die sich selber helfen und vom Drucke erlösen. Das sei der Sinn der zionistischen Bewegung, deren Führer beschuldigt werden, eigene Vortheile zu verfolgen (Rufe: Pfui! Verleumdung!) Die Führer haben der Bewegung große Opfer bringen müssen. Der Baseler Congress habe das Volk keinen Kreuzer gekostet. Das Geld des Volkes werde, wie einst für den Bau des Tempels, so heute für den Wiederbau Jerusalems verwendet werden. Auch die Auslagen für die Erhaltung der English Zionist Federation bestreite nicht der Schekelfonds. Wenn Gegentheiliges verbreitet werde, so seien es Lügen, denen gegenüber es nur eine würdige Antwort gebe: die That der Selbstbefreiung! Ueber Antrag des Vorsitzenden dankte die Versammlung Herrn Dr. Gaster für seine zionistische Thätigkeit und drückte ihre Genugthuung darüber aus, dass Herr Dr. Gaster beauftragt worden sei, alle auf die Bankgründung bezüglichen Documente zu unterzeichnen. In seiner Erwiderung bezog sich Dr. Gaster auf die Rothschild'sche Spende von 10.000 Pfund Sterling an die Cambridger Universität und sprach die Erwartung aus, dass die Familie Rothschild auch eine jüdische Universität in Jerusalem in ebenso großherziger Weise bedenken werde. Me Mache. Wien, in. Februar. Hosiannah! Friede soll es werden auf Erden, All-Friede! Die Kriegsfurie, die diabolische Jungfer, die draußen auf dem weiten Brachfelde seit vielen, vielen Jahrtausenden ihrem rnännervernichtenden Berufe nachgeht und mit nimmersatter grausamer Lust die blühenden Leiber niederringt, soll hinausgejagt werden aus der menschlichen Gesellschaft. Draußen auf der weiten, uralten Walstatt, wo die Weltgeschichte die Gräber wie dichtgedrängte Maulwurfshügel hingesäet hat, soll nun eine letzte Grube geschaufelt werden, und die Abrüstungsconferenz, eine fröhliche Leichenbestattungs-Gesellschaft, will hier das übererbte Kriegsbeil der Väter zu möglichst ewiger Ruhe begraben. Aufathmend werden die Menschen dem traurigen, lustigen Acte zuschauen, und dann werden sie die Friedenspfeife hervorholen und gemächlich anmuthige, blaue Rauchringlein in die Lust blasen. Bon der ganzen Erde, die in dieser Hinsicht bisher ein schnödes Nichtraucher-Eoupe war, werden liebliche, narkotische Wölkchen zum politischen Horizonte emporwallen, und der politische Horizont, der ja für gewöhnlich stark bewölkt ist, wird nun endlich durch den dichten Friedensqualm definitiv entwölkt sein. Es wird freilich ein geraumes Weilchen vergehen, ehe die Menschheit sich solcher Genüsse erfreuen wird. Vorläufig wissen wir noch nicht, ob das Resultat der bevorstehenden Abrüstungseonferenz all den himmelblauen Phantasten wenigstens stellenweise Recht geben wird. Vielleicht liegt thatsächlich irgendwo auf der Ereignislinie, die sich vom Haag in die Zukunft hineinspinnen wird, der Weltfrieden. Was das für eine wohlthätige Neuerung wäre, wenn aus dem Repertoire der menschlichen Angelegenheiten

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