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Die Welt · 1899-02-17 · 7 (17.2.1899) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
7 (17.2.1899)
Article
Sir Francis Montefiore
Date
1899-02-17
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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©eite 2 „Die H Welt“ Nr. 7 Judenhütte hat der Name Montefiore einen Klang, reiner als der von Gold. Sir Moses, der siebenmal in Palästina war, konnte wohl als ein moderner Fürst des Exils angesehen werden. Herrscher und Regierungen erkannten ihn als solchen an, da sie seine Vorschläge entgegennahmen und mit ihm über das Los der Juden verhandelten. Wo hat er überall eingegriffen: in Russland, in der Türkei, in Marokko, in Rumänien. Nicht durch großartige Spenden allein, wie der erstbeste reiche Mann, bethätigte sich Sir Moses; er zahlte auch mit seiner Person. Wo die Judennoth sich zeigte, da sah man auch flugs den englischen Baron austauchen. Erdbeben, Judenverfolgung, Hungersnoth, Cholera, Heuschrecken riefen ihn, und er schickte nicht etwa bloß eine Geldanweisung oder einen Almosenier, sondern verließ seine schöne Behaglichkeit und machte weite Reisen — die damals viel beschwerlicher und gefährlicher waren, als heute — nach den Orten des Elends. Er gab nicht nur mit vollen Händen, sondern auch von ganzem Herzen. Er hatte auch schon die große Auffassung von der Volksgenossenschaft, wie sie heute die politischen Zionisten haben. Nun hat Sir Francis, der Erbe der Baronie, sich auch als Erbe des Monteflore'schen Geistes erwiesen. Sir Francis Montefiore! Es fällt uns leicht, uns diesen Namen zu merken. Er enthielt schon Erinnerungen, nun enthält er auch Hoffnungen des Judenthums. Die > erste größere Gelegenheit, bei welcher Sir Francis mit einer Kundgebung hervortrat, war bekanntlich die Versammlung der Laglisli Pianist Federation. Diese Federation umfasst eine bedeutende Anzahl zionistischer Vereine Großbritanniens. Vor den Conserenzen der Delegierten fand ein Eröffnungsbankett statt, dem Sir Francis präsidierte. Da hielt er nach englischer Sitte eine politische Tischrede, die geradezu ausgezeichnet war. Diese Rede war ebenso taktvoll wie entschieden. .In kurzen, energischen Zügen machte er unseren jüdischen Gegnern den Process. Er fand dabei die folgenden Worte, die man wohl nicht anders charakterisieren kann, als dass es die eines vollendeten Gentlemans sind. Er sägte: „Verläumduug und Beschimpfung sind, wie mir scheint, immer schmerzlich zu ertragen, und besonders ist dies der Fall, wenn man ihnen bloß darum ausgesetzt ist, weil man sich einer großen und edlen Sache angenommen hat. Aber ich muss ernstlich hoffen, dass Sie versuchen werden, sie geduldig zu ertragen, und wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, werden Sie die Verleumdungen, die man etwa künftig noch gegen Sie erheben sollte, nicht nur mit all der Verachtung aufnehmen, welche sie verdienen, sondern Sie werden deren Urhebern auch noch die Höflichkeit und Rücksicht zutheil werden lassen, welche die Anhänger einer stärkeren und siegenden Sache gar wohl den Anhängern einer schwächeren und unterliegenden bezeigen können." Die Zuhörer waren von der schönen Gelassenheit dieser Worte enthusiasmiert. Wir sind es auch. Eine solche ruhige Begeisterung, wie sie aus Sir Francis Rede ergreifend klingt, müssen die Männer Haben, die das neue Banner Israels halten und hüten sollen. Dem jüdischen Volke hat sich der gegenwärtige Baron Montefiore durch sein Bekenntnis ebenso wert gemacht, wie es der frühere Chef des berühmten Hauses durch seine philanthropischen Leistungen wurde. Sir Moses war ja auch schon ein Zionist nach den Anschauungen und mit den Mitteln seiner Zeit. In seinen Erinnerungen berichtete der alte Montefiore, wie es ihm zümuthe war, als ihn die Königin von England zum Ritter schlug. Mit dem Schwerte berührte sie seine Schulter und sprach: „Erhebt Euch, Sir Moses!" Aber die größte Genugthuung empfand er doch dabei, dass, während dieser Feierlichkeit seine Wappenfahne mit der Inschrift „Jerusalem" in der Halle war. Von diesem Stamme ist Sir Francis. Er ist heute ein Mann in der Vollkraft der Jahre, unabhängig, ein wahrhaft vornehmer Herr. Man sieht öfters bei geadelten Juden eine Auffassung der Vornehmheit, die etwas Bedientenhaftes hat. Sie glauben, dass ein durch Darlehen und unterwürfiges Betragen erschlichener vertraulicher Verkehr mit dem höheren Adel sie auch schon auf eine höhere Stufe hebe. Aber das Wesen der Vornehmheit besteht nur darin, dass man die größten Anforderungen au sich selber stellt, dass man sich und seinen Vorfahren treu bleibt, dass man sittlichen Verpflichtungen sich nicht entzieht, und dass man dies alles unbekümmert um das Urtheil der anderen thut. Nicht den Inhaber einer großen Situation feiern wir daher in Sir Francis Montefiore, sondern den Träger einer großen Gesinnung. Er hat sich seines Volkes erinnert und ist freudig zur Fahne geeilt, auf der das alte Zeichen glänzt. So wird sein Volk auch ihn nimmermehr vergessen. W Die Gaster-Affaire. In dieser Affaire, über welche wir in unserer letzten Nummer eineu ausführlichen Bericht brachten, gehen den jüdischenglischen Blättern beachtenswerte Kundgebungen aus dem Publicum zu. So wird dem „ Jewish World“ geschrieben: „ . . . Obwohl Aschkenasi, glaube ich dennoch ein Recht zu Haben, in dieser Sache, welche die Ehre der g a n z e n Gemeinde betrifft, mitzureden. Den Bericht über jene Versammlung, in welcher die Maßregelung Dr. Gasters beschlossen wurde, kann man nur mit einem Gefühl tiefster Entrüstung lesen. Cr erinnert einen au die heißen Tage der Inquisitions-Tribunale. Jenem Beschlüsse fehlt zwar noch der Rauch der Ketzerfeuer, aber dafür weht uns daraus der unliebliche Geruch kurzsichtiger Bigotterie und einer, ans eingebildeter Superiorität stammenden Anmaßung entgegen. Dr. Gaster ist zufälligerweise C h a ch a m. Nicht genug damit, muss sich der Arme als Z i o n i st bekennen. Weder der eine noch der andere Name verbürgt heutigentags seinem Träger kampflose Ehre. Dr. Gaster hat es gewagt, seiner Herzensmeinung offen Ausdruck zu geben. Und er hat ferners zuweilen vergessen, seinen Hörern ausdrücklich anzuzeigen, dass jenes Ideal, dass ihm und ihnen so heilig und thener, vielleicht von einer kleinen Gruppe von Leuten könnte verworfen werden, denen die Verwaltung der Finanz- und Wohlthätigkeits-Angelegenheiten der sephardischen Gemeinde obliegt. Für diese Sünde niuss Dr. Gaster sich die Kritik einiger wichtigtuerischer Herren gefallen lassen, die finden, ein Chacham dürfe nicht vergesslich sein. Ich glaube, er hat einen ärgeren Fehler begangen, als er so optimistisch war, die Reinheit und Anständigkeit der Gesinnung, die er den Herren vom M a ch a m a d zutrauen durfte, zn überschätzen. „Welche Summe entspricht unserem Missvergnügen über die Haltung des Chacham?" Nachdem die Herren sich diese Frage vorgelegt, strichen sie vom Gehalte ihres „geistlichen Chefs" 20 Pfd. Strl. Welch' edle Rache! Welch' herrlicher Sieg! — Man weiß, durch welch geniales Mittel die Ehre des Machamad in letzter Stunde gerettet wurde. Der Chacham muss in jeder Versammlung erklären, er äußere lediglich seine private Meinung. Das war unnütz, Ihr Herren! Kein noch so phantasiebegabter Mensch konnte jemals die Gesinnungen Dr. Gasters mit solchen des Machamad verwechseln. Spricht ein Beschluss, wie der in Rede stehende, nicht genug für die geringe Selbstachtung einer Gemeindevertretung? O, wir müssen die Ehre unseres Namens sichern gegen die Beschmutzung durch Leute, die den Einfluss ihres Geldes zum Richter einsetzen über den Reichthuw an Herz und Bildung!.." Einanderer Ein se n de r meint.Die sephardische Gemeinde hätte sich — so sollte mqn glauben — glücklich schätzen muffen, einen Dr. Gaster zum geistigen Führer zu

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