Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-02-10
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 Die drei Goldschilds wollte« es gar nicht glauben, dass die Ordinationsstunde bereits geschlagen habe. Der Pfarrer brach auf nnd der Paramentenhändler gab seinem Sohne mit der glücklichen Miene eines Mannes das Geleite, der es gar nicht glauben kann, dass dieser prächtige Mensch sein eigener Junge ist. Dr. David seinerseits beeilte sich, das bequeme Morgeukleid mit einem schwarzen Rocke zu vertauschen und seinen Posten " im Ordinationszimmer anzutreten. Aber der sonst so sorgfältige, pflichtgetreue Arzt war? heute auffallend zerstreut. f Immer sah er seinen Neffen vor sich, wie er von dem lachenden Leben des Südens, von den ungehobenen Schätzen der vaticanischen Bücherei als von einem verlockenden, aber freudig nnd willig verlassenen Paradiese sprach. Es war dieser Entschluss dem Pfarrer von Siegling sicherlich nicht leicht gefallen ■— darüber war sich der alte Menschenkenner klar. Aber er brachte das große Opfer mit lächelnder Miene — weil es seine Pflicht war — weil er meinte, auf dem neuen Posten der Allgemeinheit nützlicher zu sein. IV. Eine kleine Wegstunde von Wien entfernt, erhebt sich knapp an dem Ufer der Donau eine ansehnliche Gruppe Häuser. Der uniformierte, banale Baustil der niederen, langgestreckten Gebäude, die Proletariergestalten, die die regelmäßigen Straßen beleben, geben dem Orte einen städtischen Anstrich. Keine Spur von dem ländlichen Idyll, das man in einem Dorfe zu erwarten gewohnt ist! Man glaubt sich in einem ärmlichen Vororte der Residenz. Den Hanptplatz schmückt ein kleines Kirchlein, das sich mit seinem aufgesetzten Glockenthürmchen, inmitten der immerhin ansehnlichen bürgerlichen Gebäude, eher wie eine Wegkapelle auf der großen Landstraße, als wie die Pfarrkirche des Ortes ausnimmt. Schon dieses ins Auge springende Missverhältnis zwischen dem Gotteshause und den Profan-Bauten verräth, dass die Gemeinde nicht aus jenen Zeiten stammt, wo die Bewohner des ärmsten Weilers den letzten Groschen zur Errichtung eines schmucken Kirchleins opferten. In der That zählt die Gemeinde Siegling erst wenige Jahre. Sie verdankt ihr Entstehen den zahlreichen Fabriken und Industrien, die die weite, kahle Felderfläche gegen Wien zu einnehmen. Für die Arbeiter, die dort Beschäftigung finden, musste Unterkunft geschaffen werden. So war der Ort fast über Nacht erbaut und bevölkert worden. In gewissem Sinne aber war es nur ein Potemkiu'sches Dorf. Denn die Bewohner jener uniformierten, weißen Häuschen sind keineswegs grundbesitzende Bauern, sondern wurzellose Nomaden aus allen Theilen der Monarchie, die dort weilen, wo gerade ihrer Hände Arbeit den höchsten Lohn erzielt. Siegling ist daher nicht nur eine gar schmal dotierte und schwierige Pfarre, sondern auch der denkbar undankbarste Wirkungskreis für einen gewissenhaften Geistlichen. Von einer "erfolgreichen Seelsorge kann bei dieser fluctuierenden Arbeiterbevölkerung, die kaum des Sonntags den Gottesdienst besucht und obendrein alle in der Monarchie vertretenen Sprachen spricht, kaum die Rede sein. Josef Goldschild jedoch war guten Muthes in das kleine ebenerdige Häuschen gezogen, das dem Seelenhirten als Behausung angewiesen ist. Ohne Säumen hatte er sich an die Arbeit gemacht. Nun waren erst zwei Monate seit seiner Installierung vergangen und er konnte sich bereits rühmen, festen Boden gefasst zu haben. Allein Pfarrer Goldschild begnügte sich nicht damit seines Amtes in Siegling zu walten. Vielleicht öfter, als seine Berufsgeschäfte es unbedingt erheischten, weilte der junge Priester im nahen Wien. Herausgeber: P. Lsschsuer. Berantw. Red.: Ar.Stegm. Wer Welt" Sir. 6 Was er dort trieb, war bald kein Geheimnis. Er suchte und fand Fühlung mit den Führern der christlich-socialen Partei, die um diese Epoche die breiten Schichten der Residenz beherrschte. Das elterliche Paramentengeschäft in der Mariahilserstraße, das sich trotz des frommen Sinnes' seiner Inhaber bisher vom politischen Parteileben ferngehalten, wurde binnen kurzem ein bekannter Sammelpunkt der Gesinnungsgenossen. Eine derartige Veränderung konnte dem allen Doctor David nicht entgehen. Der Conflict, der zwischen Oheim und Neffen bereits anlässlich des ersten Besuches des letzteren auszubrechen gedroht, hatte schon im Laufe der ersten Wochen einige unliebsame Scenen herbeigeführt. Wessen Geistes Kiud Pfarrer Josef Goldschild war, ließ sich ohne sonderliche Menschenkenntnis feststelleu. In diesem Reise des uralten, ehrwürdigen Stammes verkörperte sich der schwärmerisch-mystische Sinn Raphaels, die opferfreudige, unbeugsame Gläubigkeit der alten Sarah, die orthodoxe Strenge Rubens nnd die unheimliche, rücksichtslose Energie Jsaks. Ein derartig gearteter Mensch kennt keine Compromisse. Die Menschen und Dinge, die in seinen Lebenskreis treten, müssen entweder den Stempel seines Geistes tragen oder aus seiner Sphäre verschwinden. Da war es nun kein Wunder, wenn er im Handumdrehen den haltlosen Paramentenhändler, den ehrlichen Oheim und die Mutter zu seinen willenlosen Werkzeugen gestaltete. Mit Dr. David freilich stand die Sache anders. Der hatte seine wissenschaftlichen Ueberzeugnngen, sein Wissen und die Erfahrungen. Anfangs wollte er um des lieben Friedens willen ein Auge zndrücken. Als sich aber zu seiner gewohnten Plauderstunde immer und immer - wieder eine größere oder kleinere Anzahl Streiter der frommen Partei im Paramentengeschäfte einstellte, zog er es vor, das Feld zu räumen. So wurde der alte, sreigeistige Arzt, ehe er es sich dessen versah, ganz aus dem Karl-Raphael'schen Kreise verdrängt. Der Gang in die Mariahilferstraße, den er nun seit beinahe 40 Jahren tagtäglich mit der Regelniäßigkeit eines Uhrwerkes angetreten, unterblieb von nun an. Das hätte der kluge Dr. David wohl kaum für möglich gehalten. Und er durfte seinen angestammten und wahrhaftig, dank manchen Opfern, wohlverdienten Stammsitz im Goldschildschen Geschäfte nicht einmal vertheidigen! Denn jeder dahinzielende Schritt war Anlass zum Zanke zwischen Vater und Sohu. Den Friedensstörer konnte und wollte der alte, fünfundsechzigjährige Arzt nicht spielen. Niemand konnte cs dem Greise verübeln, wenn er den hochwürdigen Neffen mit scheelen Augen ansah, der ihn durch sein leidenschaftliches, politisches Wühlen um die stillen Freuden des Familienlebens gebracht. Je mehr sich David dem Hause des Vetters entfremdete, desto inniger schloss er sich an den siechen, kleinen Jonathan an. Baron Jsak war längst wieder nach Paris zurückgekehrt. Das kranke Kind war daher so gut wie sich selbst nnd der Dienerschaft überlassen, da der dicke, unfähige Moritz kaum in Frage kam, wo man geistige Stütze und sorgsame Pflege forderte. Die Stunden, die Pfarrer Josef dem Arzte im Paramentengeschäfte verleidet, kamen Jonathan zugute. Dies war um so leichter durchzuführen, da zwischen den Goldschilds in der Mariahilferstraße und den Nachkommen Baron Jsaks nicht die geringste Gemeinschaft bestand. Die Feindseligkeit der beiden Häuser datierte noch von jenen Tagen, wo klein Jsak die Holzer'schen Weinberge in Perchtoldsdorf zum Verkaufe ausgeboten hatte. (Fortsetzung folgt.) er. Buchdruckerei »Industrie* (S. Bergmann), VIII., Schlösselg. 11