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Die Welt · 1899-02-10 · 6 (10.2.1899) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
6 (10.2.1899)
Article
[Kommentar]
Date
1899-02-10
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 „Die H: Welt“ Seite 15 Hänger zu gewinnen. Auch im Hefte vom 31. Jänner ist eine ganze Anzahl von Artikeln und Notizen der zionistischen Sache gewidmet. Insbesondere verdienen die Ausführungen des Rabbiners Guiseppe Sonnino über „Zionismus und Antisemitismus" die weiteste Verbreitung. In ebenso maßvoller als eindringlicher Weise setzt Sonnino auseinander, wie ungerechtfertigt und oft verleumderisch, abgesehen von seiner Widersinnigkeit, der Vorwurf ist, der Zionismus fache den Antisemitismus an. Treffend ist das Gleichnis, durch welches er die Stellungnahme der zionistischen Juden zu ihrem Volke kennzeichnet. Der Artikel dürfte manches Vorurtheil zerstören, manchen neuen Freund der Zionssache gewinnen. Beachtenswert ist auch die Arbeit von Professor Guglielmo Lattes über „Jerusalem im jüdischen Leben und in der jüdischen Literatur." Aus dem gutredigierten Notizentheil und oen Correspondenzen sei noch des Briefes des Rabbiners I s a ch R. T e d e s ch i Erw ähnung gethan, der in wärmster Weise für den Zionismus eintritt. Die 1000. Nummer des „Kmeiioan Hebrew“, des bedeutendsten jüdischen Wochenblattes von Amerika, ist soeben erschienen. Es ist eine wahre Festnummer mit sorgfältig ausgewählten Beiträgen aus dem Kreise der Leser. Unter anderen werden zwei frühreife literarische Talente in die Oeffentlichkeit eingeführt: ein fünfzehnjähriges Mädchen, Kind einer eingewanderten polnischen Familie, das mit dreizehn Jahren eine ausgezeichnete Beschreibung seiner Reise von Plonsk nach Boston schrieb, und dem Zan gwill eine Vorrede zusagte, sobald die Skizze in Buchform werde erschienen sein, und ein amerikanisches Mädchen von fünfzehn Jahren, dem ganz wundervolle Verse aus der Feder fließen. P Mchrrwelk. Fries S. A. Moderne Darstellungen der Geschichte Israel-. Vortrag, aus dem Schwedischen übersetzt von Dr. I. Sterzel. Freiburg i. B. 1898. Verlag I. C. B. Mohr. Die jüdische Geschichtswissenschaft, die mir Anfang dieses Jahrhunderts erst begründet wurde, hat noch viele Lücken in unserer Geschichte auszufüllen und muss noch viel leisten, bis sie uns ein vollständiges Bild unserer Vergangenheit wird geben können. Unter den Forschern der jüdischen Geschichte befinden sich auch christliche Gelehrte. Diese bringen zwar nicht dem Geiste und der Sprache der hebräischen Quellen ein besonders tiefes Verständnis entgegen, können auch nicht durch seine Nachempfindung der jüdischen Volksseele auf den Grund gehen und schreiben, wie Treitschke sagen würde, Geschichte ohne pecfcus; sie sind aber gerade wegen der Verschiedenheit ihrer Geschichtsauffassung wichtig für denjenigen, der die wundervolle Geschichte Israels von allen Seiten betrachten will. Auch bezieht sich ihre Forschung auf ein kleineres Gebiet, denn sie betrachten Israels „Sendung" mit der Ankunft Christi für erfüllt und Israels Geschichte mit der Zerstörung des Tempels für abgeschlossen, und dann gibt es der Forscher von Beruf sehr viele, weil jede theologische Faeultät in Deutschland emsige Privatdocenten und Professoren für dieses Fach erhält, weshalb auch die Geschichtsforschung der christlichen Gelehrten durch eine fast pedantische, oft kleinliche Gründlichkeit sich auszeichnet. In diesem Vortrage lässt der Verfasser alle Geschichtswerke der christlichen Gelehrten aus den letzten Jahrzehnten Revue passieren und bespricht in übersichtlicher Weise die Grundprincipien der einzeln.en Forscher. Im Fahre 1878 wurde die moderne Schule Wellhausens begründet, die durch eine scharfsinnige Analyse der Bibel ihren Wert als Geschichtsquelle feststellte und die dogmatische Auffassung derselben erschütterte. Jrn Sinne Wellhansens arbeiteten Forscher, wie Knenen in Holland, Eheyne, Driver, Smith in Cambridge, Buhl in Dänemark. Trotz vieler Gegner, die die Theorie Wellhausens theils rnodificierten, theils in manchen Stücken widerlegten, tragen alle Geschichtswerke der letzten Jahrzehnte — und es gibt deren Legion — die Spuren der Wellhausen'schen Theorie. Im Jahre 1895 erfuhr letztere eine Ergänzung nach drei Richtungen h n. Erstens hatte Gunkel durch sein bedeutsames Buch: „Schöpstmg und Chaos in Urzeit und Endzeit" das Augenmerk der Forscher der jüdischen Geschichte auf die vergleichende Religionsgeschichte gerichtet und selbst den Einfluss babylonischer Ideen aus das Judenthum besonders in der biblischen Schöpfungsgeschichte nachgewiesen. Dann hatte in demselben Jahre Winckler in seiner an originellen Gedanken und geistrerchen Hypothesen überreichen „Geschichte Israels in Einzeldarstellungen" uachgewiesen, wie falsch es sei, das Israel des Alterthums als ein isoliertes Volk zu betrachten, dessen Geschichte von innerisraelitischen und jüdischen Kräften bedingt wäre Und lediglich eine Religions- und Literaturgeschichte wäre. Die alte Geschichte Israels schon muss nur im Zusammenhänge mit der anderer Nachbarvölker erfasst, und vor allem die Geschichte der Nachbarvölker untersucht werden. Drittens nahm die Wellhausenffche Theorie immer an, dass es ein Hauptbestreben der mosaischen Gesetzgebung war, den Cultus in Palästina zu centralisieren, so dass man nur im Tempel opfern durfte und der Privateultus als illegitim betrachtet wurde. Im Jahre 1895 hat nun der Verfasser dieses Vortrages zu erörtern versucht, dass die Centralisation des Cultus mit der mosaischen Gesetzgebung nichts zu thun habe, und dass diese nur zufälligen Nebenuwständen zuznschreiben sei. Dies betreffs der biblischen Geschichte. Ueber den Wiederaufbau des zweiten Tempels besitzen wir eine meisterhafte Schilderung in Wellhausens „Israelitischer und jüdischer Geschichte" aus dem Jahre 1895. Wellhausen ist besonders in der Schilderung des geistigen Lebensgehaltes verschiedener Perioden geradezu ein Meister. Klostermanns Geschichte dieser Zeit ist nur wegen einer Menge origineller Einzelheiten auf dem Gebiete der Quellenanalyse bemerkenswert. Mit der Zeit nach dem Exile beschäftigt sich Schürers umfassende und gründliche „Geschichte" und Holtzmanns Neutestamentliche Zeitgeschichte, die besonders stark die Bedeutung des Hellenismus für die Umwälzung der Weltanschauung in den letzten zwei Jahrhunderten vor Ehr. betont. Es fehlt aber noch an einer inneren jüdischen Religions- und Geistesgeschichte dieser Zeit. Auch einzelne Probleme wurden in Specialarbeiten vielfach erörtert. So z. B. ob die Patriarchen geschichtliche oder mythische Persönlichkeiten sind. Die meisten Kritiker nehmen jetzt an, dass sie wirklich als eine Art von Klanfürsten oder Scyeiks existiert haben. Ungemein interessant sind auch die Untersuchungen über den Aufenthalt Israels in Aegypten. Im Jahre 1887/88 wurden in Aegypten die sogenannten Tell-el- ^nmimn-Briefe gefunden, aus denen hervorgeht, dass ein Ehabirivolk im Jahre 1500 vor Ehr. in Palästina einzudringen versuchte. Es ist nun ein Streit, ob diese Chabiri mit den Hebräern identisch seien, was die Existenz der Hebräer in Palästina vor Moses schon beweisen würde. Viele Gelehrte nehmen dies auch wirklich an. Einzelne Studien sind der Offenbarung am Sinai, der Entwicklung der mosaischen Gesetzgebung gewidmet. Die Geschichtsforschung der christlichen Gelehrten hat schon manches Resultat aufzuweisen. Aus manchen Gebieten befindet sie sich noch in einer unruhigen Gährung und bringt höchstens Uebertreibungen nach zwei entgegengesetzten Richtungen hervor. Der Vortrag ist zur Orientieruug auf diesem sehr großen Gebiete äußerst instruetiv. J, B. P! c u i 11 f I o n. Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (36. Fortsetzung.) Seine Stellung brachte Josef Goldschild in geregelten Verkehr mit den bedeutendsten Kirchenfürsten des heiligen Collegiums. Cardinal« wie Manning, Hohenlohe, Lavigerie waren oft Gäste im Hanse seines Protektors gewesen, und auS ihrem Munde hatte der unerfahrene Jüngling die hochstiegendsten Pläne der idealsten christlichen Weltanschauung vernommen. Nach dem nur allzu frühen Tode Bnonacordes hatte der junge Priester, als posthume Wohlthat seines Gönners, den Posten in der päpstlichen Bücherei erhalten. Gründliche wissenschaftliche Studien einerseits, gepflegte, gut geleitete Begabung andererseits befähigten Josef Goldschild wie keinen zweiten zu dieser Stellung. Dr. David, der selbst sein Lebenlang ein Bücherwurm gewesen, hörte dem Berichte des Neffen gespannt zu. „Hochwürdiger — das alles hast Du im Stiche gelassen — um eine Pfarre in Siegling anzutreten!" rief er empört. Der Priester lächelte. „Es war eben meine Pflicht!" „Deine Pflicht?" „Ja — weil ich glaube, hier nützlicher zu sein." _ , „Nützlicher? Wem?" fragte David. „Dem Volke oder der Kirche?" „Das ist ein und dasselbe, lieber Onkel", erwiderte Pfarrer Josef völlig ruhig. Aber nun war man auf dem Punkte angelangt, wo sich die Wege des fünfundsechzigjährigen David und des dreißig jährigen Josef Goldschild trennten. Eine heftige Controverse drohte sich gleich anlässlich dieses ersten Besuches zwischen Onkel und Neffen zu entspinnen. Znm Glücke jedoch ertönte rechtzeitig die Flurglvcke, und die Haushälterin meldete die Ankunft des ersten Patienten.

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