Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1899-02-10
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315803--10699-3384694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 „Die A Welt“ Nr. 6 Allerlei Nachrichten. Der frühere amerikanische Eonsul der Ver. St. v. N.-A. in Jerusalem, Edw. S. W a l l a c e, hat seine Erlebnisse in einem Buche „Das heilige Jerusalem" niedergelegt. Auch in der bekannten amerikanischen illustrierten Monatsschrift „Kosmopolitisches Magazin" veröffentlicht er einen mit Illustrationen versehenen Artikel, dem auch verschiedene statistische Daten beigefügt sind. Der Autor schildert darin die dortigen Juden als abergläubisch uriD streitsüchtig, aber auch als tüchtige Handels- und Gewerbsleute. Bekanntlich hat sich Kaiser Wilhelm anlässlich seiner jüngsten Palästinareise über die fortwährenden Händel der christlichen Eonfessionen auch gerade nicht schmeichelhaft geäußert, so dass da wieder einmal eine Mär von „jüdischer Streitsucht" construiert ist, die auch bei Nichtjuden sich vorfindet und wohl in den ungewissen rechtlichen Verhältnissen ihren Grund hat. In Boston überließ die städtische Behörde ein älteres leerstehendes Schulgebäude zu einem nominellen Jahreszins auf die Dauer von fünf Jahren für ein Heim für jüdische Kinder, die tagsüber ohne Aufsicht bleiben, da die Eltern behufs Broterwerb außerhalb ihrer Wohnungen beschäftigt sind. In der .,C h i c a g o - T r i b u n e“ schreibt Dr. Felse nt h a l über den Zionismus und kommt zu dem Resultate, dass wohl kaum 50/g der in den Vereinigten Staaten sesshaften Juden nach Palästina auswandern würden, höchstens einige Hyperorthodoxe. Und deshalb mussman gegen denZionismus arbeiten! Man muss da wirklich fragen: Kennen diese Rabbiner das Baseler Programm nicht oder wollen sie es nicht kennen? Mögen doch die amerikanischen Juden, denen es gut geht und die vom Antisemitismus nichts verspüren, in Gottes Namen dort bleiben, umso größer ist aber ihre Verpflichtung gegenüber jenen, die in minder glücklichen Verhältnissen leben und für die der Zionismus in erster Linie zu sorgen sich bestrebt. Im jüdischen Altenheim in San Francisco starb vor wenigen Wochen im Alter von 302 Jahren ein Mann namens Hermann Grinberg. Er stammte aus Polen und lebte lange Zeit als Bilderverkäufer in Frankreich, das er kreuz und quer mit seinen Maaren durchreiste. Erst im hohen Alter, fast ein Achtziger, kam er nach Ealifornien und fand vor 7 Jahren Aufnahme im Versorgungshause. Seit 19 Jahren hatte er seinen Sarg fertig und aÜes für seinen Tod in Bereitschaft. Noch bis vor 3 Jahren versah er an den Feiertagen das Amt eines Vorbeters. Er besaß seine vollen geistigen Fähigkeiten bis zum letzten Augenblicke. In Paris wird für die Errichtung eines Hauses agitiert in welchem einzelne junge Leute, die ihren Studien obliegen, Unterkunft finden und quasi unter einer gewissen Aufsicht auch außerhalb der Unterrichtszeit stehen. Es wird dabei auf ein katholisches Institut verwiesen, das mit allen möglichen Einrichtungen, die jungen Leute zu zerstreuen, versehen ist, wie Spielzimmer, Eafe, Lesesaal, Arbeitszimmer, Bibliothek rc. — Ob ein derartiges Etablissement nicht auch angebracht wäre für alle größeren Städte? In Berlin geht man soeben daran, ein solches zu errichten. * In Indiana (B. St. v. N.-A.) wurde Leonard Levy zum Staatsschatzmeister gewählt. Er ist der erste Jude, welcher als höherer Staatsbeamter eine Anstellung — und zwar einen ebenso verantwortungsvollen wie einflussreichen Posten — erhalten hat. Inzwischen sind nun die sauberen Kumpane in Algier angelangt und — wie die neuesten Telegramme melden — mit den bekannten Demonstrationen empfangen worden. Zur Ehre des Tages wurden die Geschütze gelöst und mit Revolvern geschossen — vorläufig nur in die Lust. Es war natürlich ein bloßer Zufall, dass einige Kugeln sich in die Leiber einiger Juden verirrten und dass der Janhagel, der auch sein Bombardement haben wollte, als dessen Ziel die Läden und Häuser der Juden wählte. Die berühmte Eambrid ge-Un iversität bedarf einer Aufbesserung ihrer Finanzen. In einer diese Frage behandelnden Versammlung englischer Notabilitäten zeichnete Lord Rothschild 10.000 Pfund Sterling. Für die Universität... * Wir haben in den letzten Nummern von den verschiedenen Verurtheilungen Kenntnis gegeben, welche die französischen Gerichte wegen der unqualificierbaren Art und Weise der Veröffentlichung jüdischer Firmen ausgesprochen haben. Außer der in voriger Woche in Lyon stattgefundenen Verurtheilung des Autors des „Adressenbuches der Juden in Frankreich" zu drei Monaten Gefängnis, 1500 Frcs. Strafe, 2500 Frcs. Schadenersatz und Veröffentlichung des Urtheils hat das Gericht die Beschlagnahme und Vernichtung der sich vorsindenden Adressenbücher ausgesprochen. Warum sich die Antisemiten die Lectionen nicht zu Gemüthe führen, hat ein Witzbold dahin erklärt, dass nach clericalerseits genährtem Aberglauben für jeden durch Juden erlittenen Tag Gefängnisstrafe ein Lebensjahr geschenkt werde. .. * In Marseille wurden Rochefort und Max R e g i s ans ihrer Fahrt zum Dampfer, der sie nach Algier bringen sollte, mit faulen Eiern — ditto Aepfeln und sonstigen Andenken dieser Art bombardiert, aber nicht von Feinden, sondern von Freunden. Waschechte Antisemiten waren die Spender der „Reisebedürfnisse für Mund und Magen". Warum diese außergewöhnlichen Liebesbeweise? Das Räthsel wurde bald gelöst: Es war der Unmuth der Menge über ihre Führer, die sich einem Dampfer anvertrauten, welcher seine jüdische Herkunft so wenig verleugnete. Er trägt mit weithin leuchtenden Buchstaben den Namen — Isaac Pereire! Wie zu erwarten, haben die „Melamdim" in London auf Lord Rothschilds Brief in einem offenen Briefe, der von der „Jewish World" veröffentlicht wird, geantwortet, allerdings theilweise dessen Behauptungen bestätigend. Interessant sind die Zahlen. Darnach gibt es 245 Melamdim, wovon lioin Jiddisch, d. h. im Jargon unterrichten. Der in Brünn verstorbene Herr Bernhard Morgenstern, Ehef der Firma F. Morgenstern und Sohn, testierte für wohlthätige Zwecke 166.000 fl. außer verschiedenen Legaten für seine Angestellten und Familienangehörigen. In einem echt jüdischen Geist athmenden Artikel des „Jüd. Volksblattes", eines in Breslau erscheinenden orthodoxen und namentlich in deutschen Lehrerkreisen geschätzten Blattes, wird für die „jüdische Volksschule in Preußen" ein Lanze gebrochen. Das Blatt verweist auf die seit 100 Jahren bestehende jüdische Volsschule, welche die Regierung in mehreren Provinzen geschaffen und welche die Bildungsstätte tüchtiger Kräfte geworden". Nachdem der preußische Unterrichts minister die Berliner Gemeindebehörden an Verbesserungen im Religionsunterricht hat mahnen müssen, werden diese vielleicht aus den jüngsten Verhandlungen die Eonsequenzen ziehen und an die Gründung jüdischer Volks- und Mittelschulen gehen. * Die Preisaufgaben der Breslauer Universität wurden, wie in früheren Jahren, so auch Heuer zumeist von jüdischen Studenten gelöst, was für die gewissenhafte Auffassung des Studiums in jüdischen Kreisen ein gutes Zeugnis ist. Der Student, welcher die juristische Preisaufgabe löste, erhielt — eine gewiss seltenes Vorkommnis — auch im vorigen Jahre den Preis. Sein Name ist Paul Posen er aus Rawitsch. („J. V.") A titre de renseignement: In Jülich (Rheinpreußen) wurde die Einschränkung des Schächtens abgelehnt. * Eine nach mehr wie einer Seite hin interessante Entscheidung hat der preußische Eultusminister in der ofterwähnten Berliner Schulangelegenheit abgegeben. Alle Beschwerden, sei es wegen Nichtaufnahme jüdischer Kinder (es handelt sich hauptsächlich um Mädchen), sei es wegen der jüdischen, vom Magistate nicht (Angestellten Lehrerinnen, wurden abgewiesen, weil — der Charakter der Berliner Schulen ihrem Ursprünge nach ein ccmfessioneller sei. Der Minister fügte hinzu, dass er, wenn das Bedürfnis vorliege, um den Interessen jüdischer Eltern entgegenzukommen, eine Eoncession für eine jüdische Schule nicht verweigern würde. In Pr e s s b urg hat die Stadtbehörde die Errichtung eines Krematoriums beschlossen. Es sprachen sich verschiedene Repräsentanten gegen den Antrag aus, darunter auch der Stadtpfarrer, der sein Votum mit dem Hinweis auf den Vers der Bibel: Staub bist Du und zum Staube sollst Du zurückkehren, motivierte. Interessant dabei ist, dass sich ein jüdisches, und zwar ein der orthodoxen Gemeinde angehöriges Mitglied der Stadtrepräsentanz für den Antrag erhob. Wie weit der Einfluss eines russischen Rabbiners geht, dafür folgender Beleg: In. Lodz hat die Direction der elektrischen Bahn die Juden von allen Lieferungen ausgeschlossen, infolgedessen der dortige Rabbiner die Benützung der Bahn den Juden untersagte. Dagegen hat er die Droschkenkutscher bewogen, dass sie arme Juden für den Bahnpreis von 5 Kopeken die mehrere Werst lange Strecke beförden. Der Beschluss wird streng befolgt, bemerkt dazu die „A. Z. d. I."