Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Article
- Lemberg
- Date
- 1899-02-10
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315803--10688-3384692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 Nr. 6 „Die habe n. Dazn kommt noch, dass ein Löwentheil dieses „Ritual-, gelbes" für ganz unnöthige Zwecke verwendet wird. Bekanntlich'/ hat für den Volksschulunterricht nicht die c o n f e s s i o n e ll e, " sondern die Stadt gemeinde Sorge zu tragen. Ueberall ist dieser übrigens selbstverständliche Modus eingeführt, nur nicht in der galizischen Landeshauptstadt. Hier verschwendet die Cultusgemeinde für den Schulfond 30.028-87 fl., worunter bloß 472-12 fl. für Unterstütznug der armen Schuljugend und 2.194-32 fl. für das „Jnspectorat des Religionsunterrichtes in anderen Schulen und für den Unterricht der hebräischen Sprache" ausgegeben werden. Eine Summe von über 27.000 fl. wird nun förmlich der Stadtgemeinde geschenkt, wofür sich diese mit 3000 fl. Subvention für den jüdischen Waisenhausfond (den Lesern der „Welt" ist aus einer Lemberger Correspondenz in einer der vorigen Nummer bekannt, dass die städtische — will heißen: christliche Waisenanstalt in eigener Regie der Stadtgemeinde ist. Aumerk. des Corresp.) nnd mit 850 fl. für den Bespeisungsfonds revanchiert. Am gerechtesten wäre es wohl, wenn die Cultusgemeinde diese vorn Volksgroschen eingenommene Consumtionssteuer für wahre Volkszwecke: etwa für den Unterricht in jüdischer Geschichte und in der hebräischen Sprache, oder etwa für re fo r m i e rt e C h ed e r verwenden wollte. Aber leider ist bei den jetzigen Verhältnissen und unter dem jetzigen Regime ein solches Verlangen ein pium desideiiuni. Viel praktischer und Productiver wäre es auch, wenn die Cultnsgemeinde dieses Geld für Unterstützung jüdischer Schulkinder in städtischen Unterrichtsanstalten bestimmen und es den Kiu dern auf diese Art ermöglichen würde, die Schule wirklich zu besuchen, anstatt, wie es jetzt leider allzuhäufig geschieht, beim Verkaufe vonZündhölzchen in den Gassen herumzuvagabundieren.Uebrigens ist dieCultusgemeindecassain Bezug auf „Wohlthätigkeit" sehr karg. So werden z. B. von der Landeshauptstadt Galiziens 4602-59 fl. für „wohlthätige Zwecke" ausgegeben. Die Rubrik „Subventionen" weist zwar eine verhältnismäßig größere Summe von 15.054-12 fl. aus, aber leider befinden sich darunter wieder „sonderbare" Posten, wie Subventionen für die „Alliance israelite*4 in Wien und Paris, für das Rabbinerseminar in Wien, für den Volksschulfonds rc. Wenn von Unterstützungen die Rede ist, geziemt es sich, hervorzuheben, wie ökonomisch, aber offenbar allzu ö k v n v m i s ch, die Verwaltung geführt wird. In der unter Verwaltung der Cultusgemeinde stehenden Waisenanstalt befinden sich 46 Knaben und 16 Mädchen. Für diese 62 Zöglinge wird nun jährlich die Summe von 4944-57 fl. auf die ganze Kost verwendet, d. h. für ein Kind wird jährlich 79'75 fl. verausgabt (s. Rechenschaftsbericht S. 13, Rubrik 1f, Post 1). Unglaublich aber erscheint die Ausgabe für den „Bespeisungsfonds": es wird für die Summe von 4523'06 fl. jährlich 650 Kindern die Mittagskost verabreicht. Jeder Besucher verzehrt also für ca. 7 fl. jährlich sein Mittag (s. Rechmschaflsbericht S. 21, Rubr. I). Es ist nun kein Wunder, wenn die von Cultusgeuleindegnaden Eruährten kein sehr gesundes Aussehen haben. * Einer jüngstens im Lemberger ,.8Ioevo Polskie“ veröffentlichten statistischen Publikation zufolge besuchten die galizischen Gymnasien 2717 jüdische Schüler (18'7°/o der gesannnten, das Gymnasium besuchenden Schuljugend). Verhältnismäßig am größten ist ihre Zahl in Ostgalizien. Sv steht das Real- Gymnasium in Brody an erster Stelle mit einer Zahl von 213, dann folgen die Gymnasien in Lemberg: das II. (deutsche) mit 202, das IV. (polnische) mit 199, in Tarnopol mit 184, in Lemberg das V. (polnische) mit 178, in Stanislau mit 162 jüdischen Besuchern. Die Gesammtzahl der Juden in Galizien beträgt nach der neuesten amtlichen Statistik ll-7% der ganzen Bevölkerung. * Aus Anlass des österreichischen Verfassungs-Jubiläums veröffentlicht der Petersburger „Kraj“ in Nr. 51 einen sehr Welt“ interessanten Artikel des Krakauer Schriftstellers S. S. Bedzit kiewicz über den „ersten Reichstag" in Oesterreich. '/ Einige die Juden Galiziens und der Bukowina betreffende, für die Geschichte gewiss nicht unwichtige Daten mögen hier wiedergegeben werden. Auf 96 galizische Abgeordnete kamen in diesem ersten Verfaffungsparlament 3 jüdische, also nicht einmal 3%- Unter diesen befand sich auch der Brodyer Rabbiner Isaak Poe Mannheimer, welcher zum II. Alters-Vicepräsidenten der Kammer und zum Vertreter Galiziens im Präsidium gewählt wurde. Charakteristisch ist der Ursprung der Emancipation der Juden in Galizien. Im August des Jahres 1848 übersandten die Juden aus Tysmenica nnd Zotkiew an den damaligen 38jährigen Polenführer Dr. Franz Smolka eine Petition, in welcher sie ihn ersuchten, die Juden zu „emaneipieren". Smolka antwortete den Juden aus Zotkiew, er werde sich aufs Eifrigste bestreben, dass den Juden völlige Gleichberechtigung zuerkannt werde. Gleichzeitig rieth er ihnen auch, dass, „sobald ihnen die Rechte crtheilt sein würden, sie von denselben nur sehr langsam, behutsam nnd, Gott behüte, nicht zum Schaden der christlichen Bevölkerung Gebrauch wachen mögen, da im entgegengesetzten Falle zweifellos eine Reaction eintreten würde, und leicht eine Zeit kommen könnte, da dieselben gesetzgebenden Körperschaften, welche die Juden zur Gleichberechtigung zugelassen haben, ihnen die Rechte nehmen würden". Smolka scheint seine Demokraten gekannt zu haben! Mit den Ausdrücken größter Dankbarkeit berichteten die Bittenden Dr. Smolka, dass seine Rathschläge verdienten, in „Goldrahmen" eingefasst zu werden, und dass dieselben in den Jargon übersetzt und in den Straßen Plaeatiert würden. England. London, 23. Jänner. Gestern abend begann die „English ZionistFederation“ ihreThätigkeit.Von Men Theilen Englands waren die Delegierten herbeigeströmt und wählten ihr Execntivcomite und die Subcomites. Nachher wurde zur Feier des Ereignisses ein Diner gegeben, bei welchem Sir Francis M o n t e f i o r e den Vorsitz führte. Er toastierte auf den Erfolg der zionistischen Bewegung, bat alle Theiluehmer, guten Muthes zu sein und in Bezug auf den endlichen Sieg der guten Sache die besten Hoffnungen zu hegen. Von keinem Hindernisse dürfe man sich aufhalten lassen, vor . keiner Schwierigkeit zurückschrecken. Die unlängst in einem jüdischen Blatte Englands veröffentlichten Verleumdungen seien mit der gebärenden Verachtung zu behandeln. Dr. G a st e r charakterisierte den Zionismus als die große Friedensbewegung Israels. Rabbi Gollancz sagte, die Gegner des Zionismus hätten eigentlich recht und blieben nur in ihrer Logik, wenn sie die vielen zionistischen Stellen in unserem Gebetbnche tilgten. Der Redner schloss mit dem Wunsche, die „Englisli Zionist Federalioir1 möge wachsen und gedeihen,worauf I. de Haas die Gesundheit Dr. Herzls und der anderen Führer, die, nach Ländern geordnet, aufgezählt wurden, ausbrachte. Nach einem inhaltlich gleichen Toaste Rabbi Werners wurde ein Begrüßungstelegramm, vom Vorsitzenden gezeichnet, nach Wien gesendet. Leo Rafaels würdigte die ausgezeichneten Eigenschaften der Führer.I. C owen trank auf dieGäste,worauf I. Loewy (Manchester) dankend erwiderte. Der Schlusstoast galt dem Vorsitzenden und wurde von Dr. Gaster gehalten. Die Versammlung, deren gelungenes Zustandekommen Herrn L. G. Green berg zu danken ist, stand unter dem Zeichen zionistischer Begeisterung. J. de H. London. Bei den Ende Jänner stattgefundenen Jahresversammlung des Board of Eiders (Spnagogen-Aeltesten-Vorstand) der spanisch-portugiesischen Gemeinde, in welcher Sir Joseph Sebag Montesiore den Vorsitz führte, kam es zu einem Anträge, der in den Annalen aller Verrvaltungskörper seinesgleichen sucht — aber schwerlich findet. Mr. I. de Castro beantragte, das Gehalt des Chacham Dr. Gaster um 20 Pf. St. zu vermindern, mit der Begründung, dass Dr. Gaster sich der zionistisch enBewegungangesch los sen habe. - Mr. de Castro fügte hinzu: er lasse sich nicht von einem Gefühle der Feindschaft