Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Article
- Unser Käthchen
- Date
- 1899-02-10
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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9te». 6 „Die Welt“ Seite 9 lebensvolle. Wahrheit der aus der sogenannten Gesellschaft kühn herausgegriffenen Figuren uud nicht zuletzt durch den mühsam verschleierten schmerzlichen Ernst entschädigt, der uns oft und oft aus der Lustigkeit des Stückes trübe anlächelt. Wir verstehen den Autor und achten ihn desto mehr, je unerbittlicher er die Lasterhaftigkeit einer decadenten Gesellschaftsschichte in Gegensatz bringt zu der Primitiven Moral geringgeschätzter unterer Classen, als deren Vertreter er, wenn auch nur episodisch, eine Arbeiterfamilie auf die Bühne bringt. Mit Humor ist da in der That nichts auszurichten, da muss schon die neunschwänzige Katze der Satire geschwungen werden. Für Fräulein Retty enthält das Lustspiel eine wunderbare Doppelrolle: sie spielt Mutter uud Tochter, die erstere mit den schärfsten Accenten eines abstoßenden Weibes, die Tochter mit aller bestrickenden Liebenswürdigkeit eines jungen Dinges, das noch nicht recht weiß, ob es jenseits von Gut oder Böse bleiben soll. Dieses meisterhafte Doppelspiel ist an sich eine Sehenswürdigkeit. Ten Papa Heidinger spielte Herr Retty u.it glaubhafter Simandelei, während Herr Greißnegger den ewig zwischen Scheiden und Bleiben schwankenden Schwiegersohn wohl sehr heiter, aber ein wenig zu grotesk für den sonstigen Lustspielton gab. Herr Weisse fand den richtigen schuldbewussten Ausdruck für seine verjährte Liebhaberrolle, Herr Kramer traf den eleganten, flotten, wider Willen verliebten Rechtsanwalt vorzüglich, ebenso Herr Deutsch den drolligen Sollicitator. Auch Herr Kutschern, Fräulein Glöckner, Fräulein Kalmar, Herr Rufs eck und Fräulein Großmüllner hatten ihren redlichen Antheil an der ausgeglichenen Darstellung. Nach jedem Acte wurde Theodor Herzl stürmisch gerufen und zeigte sich mit Ausnahme des ersten Actes. Einige Herren trieben eine nicht sehr sinnige Art des Sports durch Zischen, das übrigens stets uiedergedonnert wurde. Nach dem dritten Acte zog einer sogar einen Schlüssel aus der Tasche, um darauf zu pfeifen. Da „Unser Käthchen" jedoch kein „Schlüsselstück" ist, wurde der unverständige Lärmmacher von Entrüsteten hinausbefördert. Der Traualtar und die Affarre Dreyfus. Aus Paris schreibt man: Die „A n r o r e" veröffentlicht ohne Namensnennung folgende rührende Geschichte: Ein junger ausländischer Schriftsteller israelitischer Herkunft, der Paris bewohnt, verkehrte viel in der katholischen Familie eines ehemaligen M i n ist er s. Die schöne und sehr reiche Tochter des Exministers verliebte sich in den jungen Philosophen, dessen Talent allseits anerkannt wird, und man begann bereits von der Heirat zu sprechen. Da erklärte der junge Mann, er sei zwar Frewenker, aber israelitischer Herkunft, und es scheine ihm unter den augenblicklichen Verhältnissen moralisch unmöglich, eine reiche Katholikin zu heiraten. Der ehemalige Minister führte seine Tochter nach dem Süden, aber auch dort vermochten die Herzenswunden des jungen Mädchens nicht zn heilen. Sie hat sich das Leben genommen, nachdem sie dem Geliebten folgenden Brief hatte zugehen lassen: „Seit Ihrer Weigerung, mich zu heiraten, achte und liebe ich Sie nur noch mehr. Ich bewundere Ihre moralische Feinheit und Ihre Willenskraft. Da ich zu schwach bin, das Leben zu ertragen, gehe ich in den Tod, und meine letzten Worte sind: Ich liebe Sie!" — Dagegen gibt es jemanden, dem die Dreyfus-Affaire Glück gebracht hat. Der bekannte Hanptmann L e b r u n - R e n a u l t, der Mann mlt den angeblichen Geständnissen des Dreyfus, hat nämlich, wie der „Figaro" mittheilt, vor kurzer Zeit eine Witwe geheiratet, die ihm nicht weniger als HO,000 Francs Rente in die Ehe mitbrachle. Man sieht also, dass die „Affaire" nicht für alle Unheil im Gefolge hat. Dreyfus in England. Als das streitbare Mitglied der englischen Regierung, Mr. Balfour, in Manchester über englische Colonialpolitik sprach, war es ein Mr. Dreyfus, der für den Redner ein Vertrauensvotum beantragte. Jetzt ist F a s ch o d a für englisches Gebiet erklärt, und die französischen Antisemiten haben doppelt recht mit ihrer Behauptung, dass die ganze englische Presse vom Dreyfus-Syndicate erkauft sei. Wenn es nur das wäre! Aber nun lässt der elende Verräther die Maske ganz fallen und tritt öffentlich und persönlich für jene Regierung ein, die sich, Frankreich zutrotze, so behaglich in Aegypten einrichtet! O, er wird schon wissen, warum er das thut. Ein Jude thut nichts umsonst . . . Am 27. Jänner feierte Joseph Israels, der größte unter den modernen holländischen Malern, seinen 75. Geburtstag. Der Künstler ist bei bewundernswerter geistiger und körperlicher Frische und gedenkt den Pinsel noch lange nicht aus der Hand zu legen. Bei gutem Humor scheint unser englisches Bruderorgan, der „Jewish World“, zu sein. Da hatte der Redacteur einer hebräischen Zeitschrift im Verlaufe der bekannten Discussion: „Ist Hebräisch eine lebende Sprache?" behauptet, es gebe bloß 1000 Stämme in der Sprache der Bibel. Dagegen wendet sich in edler Entrüstung ein galliger Einsender: es seien 2567 Stämme. Wer nun Recht Hube? Die Redaction möge entscheiden! Und nun schließt der r Jewish World*1 die Einsendung mit folgender Anmerkung der Redaction: Wir sind eben mit dem Auszählen beschäftigt. Die Einwohner von Aberdeen werden als die kniffigsten Leute von ganz Schottland gerühmt. Der „Leeds Mercnry“ kennzeichnet, nicht ohne Schadenfreude, diese Kniffige keit durch den Hinweis ans die Thatsache, dass in Aberdeen kein jüdischer Kaufmann aufkomme. Er habe nur die Wahl zwischen Insolvenz oder Auswanderung. Schau, schau! Wer hätte das vom „Handelsvolk" geglaubt! Chiefrabbi Gaster in London hat auf Grund einer neuen vielversprechenden Unterrichtsmethode ein hebräischenglisches Lehrbuch verfasst, welches unseren Gesinnungsgenossen bestens empfohlen werden kann. Personalnachrichten. Herr Guido Fnchsgelb, Beamter der israelischen Cultusgemeinde in Wien, hat sich mit Fräulein Ernestine D o h a n, Tochter des Herrn Samuel Dohan, Realitätenbesitzer in Wien, verlobt. — Dr. Philipp Menczel, unser bekannter Gesinnungsgenosse in Czernowitz, hat sich mit Fräulein Rosa Kaufmann in Korzcutz (Bessarabien), Tochter des bekannten Großgrundbesitzers Simon Kaufmann, verlobt. — Herr M. Ch. Stern (Buczacz) hat sich mit Frl. C. Ste r n (Stry) verlobt, Herr I. H. Weißer hat sich mit Frl. T. Rosenthal ans Lemberg verlobt. — Am 12. Febrnar 1899 3t/i Uhr Nachmittags findet im israelitischen Tempel, I., Seitenstettengasse, die Trauung des Med. Dr. Jacques Meisels mit Frl. Johanna Tintner statt. V Cmchiudtykn. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. Vor nicht langer Zeit gab die israelitische Cultusgemeinde in Lemberg ihren Rechenschaftsbericht für das Jahr 1897 heraus. Da dieser Bericht der größten jüdischen Gemeinde Galiziens manches Interessante enthält, wollen wir hier Einiges daraus wiedergeben. DieGesammteinnahmen derGemeinde betrugen 70.256*49 fl., worunter bloß 20.105'75 fl. von directen Stenern eingenommen wurden, während dasMeiste von indirecten Einnahmen stammt. Dieser letztere Umstand ist an und für sich gar nicht sonderbar, wenn wir die anderen Haushalte der öffentlichen Wirtschaften ins Auge fassen. Charakteristisch wird erst diese Einnahme deshalb, weil hier von den 39.730*74 fl. der gesammten Summe 36.514-25 fl. nur von d e n B e i t r äg e n für rituelles Schlachten des Groß- und Kleinviehes einfließen. Da mm die „Grvßjudcn" in Bezug ans das rituelle Schlachten nicht sehr rigoros sind und sich auch mit nicht rituell geschlachtetem Fleische begnügen, ist leicht einzusehen, wer den größten Theil der Gemeindekosten trägt: nur die „mittleren" und ärmeren Bolksclassen. Das active und passive Wahlrecht üben natürlich nur die directe Steuern zahlenden Cultusmitglieder aus. Die große, fast doppelt soviel beisteuernde B o l k s m a s s e kann daher auf die Gemeindeverhältnisse gar keinen Einfluß