Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Article
- Brief aus Braila
- Date
- 1899-02-10
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315803-3384584--10666-3384690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seit« 8 Rr. 6 „vis & Welt“ Sorge der Leitung und das i ist recht so. In Braila ist ein Frauen- und Mädchenverein gegründet worden, der binnen kurzem Wohl der formidabelste im ganzen Lande zu werden berufen ist. Mehrere hundert Frauen und Mädchen sind demselben bereits beigetreten, und wenn die Arbeit so rasch fortschreitet, wie sie begonnen hat, so wird es bald in jedem jüdischen Hause eine zionistische Hausfrau in aller Form geben. * * Der Leseverein „Z i o n" hat seine erste Jahresversammlung abgehalten. Der Verein blickt auf ein Jahr der Prüfung zurück, die er glänzend bestanden hat. Er hat dem Zionismus in jene Kreise Eingang verschafft, die ihm anfänglich nur unwillig die Thüre geöffnet haben. Der „Erez Israel" hat in ihm einen Vollstrecker seiner Entschließungen gefunden, den er willig in die Gesellschaft getragen hat. Zahlen führen eine beredte Sprache für dieses gesellige Ceutrum der Brailaer Juden. Eingeflossen sind an Jahres- und Einschreibegebüren Frcs. 4370'—, ausgegeben wurden Frcs. 4200'—. Außerdem wurden circa Frcs. 2000 vom Budget für das Jahr 1899 für Neumöbliernng eines Theiles der Bereinslocalitäteu entlehnt. Binnen kurzem wird mit der Anschaffung einer Bibliothek begonnen werden, die eine Zierde für das Judenthuin des ganzen Landes werden foll. Die Andeutungen Dr. Gasters in der „Jewish Woild“ und Dr. Kurr eins in der „Jüdischen Chronik" werden ihre vollste Würdigung erfahren. Das Vereinsleben ist jetzt in vollstem Gange. Jeden Samstag abends findet ein Vortrag über ein jüdisches Thema statt, an das sich eine gemüthliche Unterhaltung schließt. Den Eröffnungsvortrag hielt Herr Fisch l, der über „Erzählungen aus dem böhmischen Ghetto" sprach. Herr Agent brachte eine humorvolle Abhandlung „über das jüdische Sprichwort". Angemeldet sind Vorträge von Herrn Dr. M o s c o v i tz und Herrn Tr. Tos f. So verbringen Juden ihre freie Zeit im „neuen Ghetto". * * Die Schekelcommission fjat energisch mit dem Eintreiben des Schekels begonnen. Zahlreiche Commissionen arbeiten in der Stadt, und wo immer sie hinkommen, da finden sie offene Herzen und offene Taschen. Niemand schließt sich von dieser Gabe aus, die sich zu einer Institution entwickelt hat, die gekommen ist, um zu bleiben. Die kleinen Zeltelchen werden für die kommenden Congresswahlen sorgfältig aufgehoben, und niemals ist williger und reichlicher gegebenworden. * Nur noch ein paar Worte, etwas Spiee für jüdische Socialdemokraten. Die socialdemokratische „Lumea noua“ hat das Zeitliche gesegnet und gelegentlich der Gemeinderathswcchleu ist die Parteileitung in der Person des vergötterten Nadejde armes at baggages ins Lager der Gouvernementalen nbergegangen. Dafür hat Herr Nadejde eine Professur sannnt einem Katheder bekommen. O, du unsterblicher Captain Cuttle! „The beariug of this observation lies in the application there of.“ Was werden unsere bethörten, jüdischen Socialdcmokraten, was werden unsere jüdischen Arbeiter der Großstädte Bukarest und Jassy thun, die die Socialdemokratie als das kommende Heil, den Zionismus aber als Utopie betrachtet haben? — Der Weg der „Pamanteni“ steht ihnen offen. Sie gehören uns! Und wir werden die Heimgefundeuen willkommen heißen. Pen Poroth. * Tribüne. An dre Redaction der „Welt" Sehr geehrter Herr! Indem ich an Ihre Loyalität appelliere, bitte ich, folgende Zeilen zu veröffentlichen: In der Sitzung vom 24. December 1898 des akademischen Zionistenvereines zu Bern habe ich den II. Baseler Congress in heftigster Weise angegriffen und halte ich alles aufrecht, was ich gesagt habe. Dagegen verwahre ich mich gegen den Vorwurf der Verleumdung. Dre Entrüstung, von welcher in der betreffenden Eorrespondenz die Rede ist, ist nur auf persönliche Motive zurückzuführen. Zusammen mit mir sind noch zwei Mitglieder sowie der gesammte Vorstand ausgetreten. Zu gleicher Zeit benütze ich die Gelegenheit, zu erklären, dass ich als socialistischer Zionist mit dem Zionismus des II. Baseler Eongreffes nichts zu thun habe. Hochachtungsvoll N. Syrkin. Bern, 24. Jänner 1899. E Mkltchrmb. „Unser Kflthchen". Ueber dieses neue Stück, das am 4. Februar im Deutschen Volkstheater m Wien zur ersten Aufführung gelangte, schreibt Eduard Pötzl im „NeuenWiener Tagblatt": Warum Theodor Herzls Lustspiel „Unser K ä t h ch e u" dem Burgtheater Angst einjagte, konnte man sich in der gestrigen Aufführung am Deutschen Volkstheater schon nach dem ersten Acte erklären. Es lvird nämlich mit unverblümten Worten ein Ehebruch sammt seinen Folgen in den Mittelpunkt der Begebenheiten gerückt, so zwar, dass man merkt, es werde von dieser frivol einbekannten Sünde während des ganzen Stückes nicht loszukommen sein. Und das mag den Verantwortlichen vom Burgtheater des Schlüpfrigen doch etwas zn viel gewesen sein. Allein, du lieber Himmel, der Realismus der Gegenwart fordert auch solche Probleme für die Bühne oder vielleicht gerade solche, und insbesondere ein Satiriker wie Theodor Herzl kann ohne sie nicht leben. Wenn das Lustspiel gestern wohl eine sehr gute, doch keine so ungetheilte Aufnahme fand, wie sie es verdient hätte, so lag der Grund offenbar darin, dass eine Minorität des Publicums den echt satirischen Kern des Werkes nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Wer sich an die furchtbaren Uebertreibnngen Juveuals in seiner sechsten Satire über die römischen Frauen erinnert, wird es wohl begreiflich finden, dass der pessimistisch angelegte Bühnenschriftsteller, der den verdorbenen Weibern seiner Zeit einen Spiegel Vorhalten will, gerne nach dem Hohlspiegel greift, der die Flecken auf ihrem Charakter noch deutlicher erscheinen lässt. Diese grellere Behandlung ist schon deshalb künstlerisch nothwendig, weil ohne sie die gleichzeitige Absicht des Autors, die Dummheit verliebter Männer zu schildern, ohne die richtige Wirkung bliebe. Ein geradezu glänzender erster Act, ein fast classischer Lustspielact, macht uns mit einen» jungen eheschenen Rechtsanwalt bekannt, dem sich infolge der Reclame eines pumpliebenden Freundes fast die ganze Familie Hedinger mit ihren Geheimnissen anvertraut. Die Frau erscheint mit ihreur ehemaligen Galan, der aber sofort nach dem Fehltritte der Freund des Mannes geworden ist und sich später selbst zur Sühne nach Australien verbannt hat, von wo er nun mit einem großen Vermögen zurückkomuit und für sein Kind, die zweite Tochter der Frau Hedinger, eine bedeutende Summe deponieren will. Das ist „unser Käthchen". Dieses Mädchen erscheint kurz darauf mit ihrer verheirateten Schwester, die sich als unverstandene, misshandelte Frau von ihrem Manne scheiden lassen will. Ihr Mann kommt gleichfalls, um sich von seiner Frau scheiden zu lassen, weil er wegen ihrer Lieblosigkeit, Koketterie und Zanksucht nicht mit ihr leben zn können erklärt. Nur Herr Hedinger selbst, das Oberhaupt dieser angestochenen Familie, bleibt der Kanzlei ferne, denn er weiß natürlich von nichts. Und nun führt der Autor die keineswegs unwahrscheinliche Handlung durch die übrigen Acte, dass der superkluge Rechtsanwalt in voller Kenntnis von der „erblichen Belastung" Käthchens durch die Herz- und schamlose Mutter dennoch Feuer fängt und in die Laube geht, während das auf dem Scheidungsfuße lebende Ehepaar dank der eselhaften Gutmüthigkeit und Verliebtheit des Mannes doch beisammen bleibt und schließlich auch der alte Herr, obgleich er im letzten Acte-die Hörner verspätet fühlt, aus Gewohnheit und Neigung für das bequeme Familienleben an der Seite seiner ungetreuen Bisgurn aushält. Für einzelne Längen des Stückes wird man reichlich durch den überall mit blendendem Geist geführten Dialog, sowie durch die