Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-02-10
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die IK Weit“ Nr. 6 die an dem Abgeordneten enthüllt werden, unangenehm berührt sein und in einer Anwandlung moralischer Entrüstung oder zur Wahrung der Parteireputation den öffentlich Gebrandmarkten von dem Ehrenposten in der ersten Front entfernen. Die antisemitischen Parteileiter werden bei Ausfüllung der entstandenen Lücke vorsichtig und peinlich Vorgehen und zur Vermeidung. fernerer Bloßstellungen nur solche Candidaten begutachten, welche, abgesehen von der judenfeindlichen Gesinnung, moralisch einwandfreie Männer sind. Was haben dann die Juden mit ihrer Abwehr' erreicht? Sie haben gegenüber dem Antisemitismus, den sie doch schädigen wollten, die Rolle der freundlichen Vorsehung übernommen. Sie vollführen in den Reihen der Antisemiten eine natürliche Auslese, sie ziehen mit einem großen Aufwand forschender Mühe die untauglichen Individuen des feindlichen Lagers, die in ihrer Führerrolle vermöge ihrer Minderwertigkeit den Antisemiten nicht nur nicht genützt, sonoern sogar geschadet hätten, ans grelle Tageslicht; mit Gründlichkeit nnd Eifer belehren die Inden im Gerichtssaale die aufhorchende antisemitische Partei über die Schwächen einzelner antisemitischer Parteihäupter und veranlassen dadurch deren Beseitigung. So werden durch die wohlwollende Vermittlung der Juden die. morschen Stellen im antisemitischen Cordon ausgebessert, und die Heeresreihe der Judenfeinde wird vollkommener, widerstandsfähiger und kriegstüchtiger gemacht. Diese geradezu wahnwitzige Methode, den Antisemitismus abzuwehren, ist eine Art systematischen Selbstmordes. * . * -r- Oder wollen die Juden sich selbst eine Genugthuung bereiten? Sie haben es vielleicht nicht einmal darauf abgesehen,: den antisemitischen Abgeordneten bei seinen Gesinnungsgenossen in Verruf zu bringen, seine Stellung zu erschüttern, ihn als Flügelmann unmöglich zu machen. Wenn sie von dem moralischen Schorf des Gegners die Hüllen wegziehen, in hellen Haufen den. Pranger umstehen und die üblen Verunstaltungen des Antisemiten beäugeln, so haben sie möglicherweise gar nicht die klar bewusste Absicht, dem vaterländischen Antisemitismus auf dem Processwege. eine Schlappe beizubringen, sie verfolgen nur den rein persönlichen Zweck, sich selbst eine innerliche Befriedigung zu verschaffen. Ihr Gedankengang ist folgender: „Der Mann da beschimpft mich im Reichsrath, im Landtag, im Gemeinderath. Wenn es mir gelingt, nachzuweisen, dass der Mann ein moralisch verkümmerter Mensch ist, so werde ich seine Beschimpfungen leichter tragen, ja ich werde mich sogar unter Umständen verachtungsvoll über sie hinwegsetzen. Und das große Publicum wird wissen, was es davon zu halten hat."-Nur die gedemüthigte Ohnmacht des modernen Juden, dem von allen Dächern Hohn und Schimpf entgegenschallen, kann einen solchen Trostspruch ersinnen. Was soll das für ein Trost sein, wenn ich, an die Staupsäule gefesselt, mir vorstellen darf, dass die Faust, die den Kantschu schwingt, eine schmierte Faust ist? Im Gegentheil : Jemehr sittliche Gebrechen wir an dem Büttel ausfindig machen, desto schneidender müssen wir seine Jnvectiven empfinden. Der Abgeordnete ist der bevollmächtigte Willensvollstrecker der Bevölkerung, und je eorrupter der Deputierte ist, der von seinen Wählern für würdig erachtet wird, den Juden die Prügel auszufolgen, desto erniedrigender ist die Execution für die Juden. Denn der Stockmeister wird von seinen Auftraggebern immer als ein unendlich feinerer und ehrenhafterer Gentleman angesehen als der Delinquent. Zwischen dem offieiell geaichten Executor und dem inferioren Gezüchtigten hat die öffentliche Meinung einen ganz bestimmten Abstand ausgespannt. Wenn der Gezüchtigte die Staffel, auf der der Profoß steht, hinunterschiebtso sinkt er selbst, weil er an den Profoß in einer festen Distanz gekettet ist, um das betreffende Stück tiefer. Die Genugthuung, die sich die Juden verschaffen wollen, indem sie den Absud der antb semitischen Charaktere frohlockend an die Oberfläche fördern, ist eine thörichte Selbsterniedrigung. * * * So sehen wir, dass der ganze Kampf, der von unseren Juden gegen den Antisemitismus geführt wird, eine ausgesprochene Donquichotterie ist. Die siegreichen Borstöße, die in spaltenlangen Kriegsberichten eingehend geschildert und mit lauten Hurrahrufen begrüßt werden, sind höchstens Sröße ins eigene Fleisch. Der Antisemitismus bleibt heil und rothwangig. Gewiss, wir sind überzeugt, dass unsere Juden nur mit dem größten Widerwillen, mit gewaltsamer Unterdrückung einer starken ästhetischen Abneigung an solche Sensationsprocesse Herangehen; es ist ein gutgemeinter Kampf, in dem der Jude sogar in das unangenehmste Sumpsland hinabgeht, um dem Erzfeind an die Kehle zu kommen. Die Motive, die den Abwehrjuden bewegen, die Rüstung anzuziehen, sind gewiss nicht verächtlich. Es ist — bewusst oderunbewusst — die Liebe zum eigenen Volke. Aber die Rüstung selbst ist die des Ritters von der Mancha. Und durch diese Waffenführung des Beschützers leidet auch das Ansehen des Judenthums. Es wird durch das öffentliche Gebaren seines Ritters lächerlich gemacht, zur Dulcinea von Toboso degradiert. Erwin Bosenberger. Industrielle Unternehmungen in Palästina. Von H. Uork-Steiner. Von Liebe umgeben, von Freundschaft betreut, erlebte ich einige Wochen im Lande unserer Voreltern, das nun beginnt, das Land unserer Brüder zu werden. Diese Zeit war so voll an erhebenden Empfindungen, dass sie eine lange Strecke meines Lebensweges verschönern und bereichern wird. All diese Schönheit erschloss sich mir ungesucht i» der Zeit ernster Arbeit, eifrigen Suchens. Denn meine Tage warm den Geschäften gewidmet, jenen, die schon gediehen oder die erst zu schaffen wären. Palästina ist arm an Industrien: einige Dampfmühlen, die im Lohn arbeiten, zumeist dem Araber sein Getreide vermahlen, die Weinkeller der Colonien, einige mechanische Werkstätten, Fabriken für Oelerzeugung in alter Manier, seit neuester Zeit eine solche moderner Art, das wäre alles. In Jerusalem werden von Mohammedanern und Christen viele Gewerbe geübt, von Juden alle. Das jüdische Kleingewerbe ist mehr als genügend vertreten. Einige große Industrien können, wenn erst der Abbau der vorhandenen Kohle sich als lohnend erweist oder andere motorische Kräfte nutzbar gemacht werden, mit Rücksicht auf den großen Markt des gesammten türkischen Reiches und des nahen reichen Aegypterlandes, mit Aussicht auf Erfolg angelegt werden, aber vorläufig bietet das Land wenig Rohstoffe. Die ägyptische Baumwolle zu verarbeiten scheint nicht gerathen, weil sie fein und zartfaserig ist, während die vielen Gewebe, die im Orient zur ' Kleidung verwendet werden, grobfaseriges Material, derbe Fäden verlangen. Ob es sich je lohnen wird, indische Baumwolle in Palästina zu verarbeiten? Warum nicht? Es geschieht ja in England, in Oesterreich, inRussland. Und wenn erst Kleinasien wirtschaftlich exploitirt sein wird, was nun durch neue Eisenbahnen und Häfen immer wahrscheinlicher wird, dann wird noch manch industrielles Project in Palästina reifen. Das Großcapital hat heute dort andere Wege zn suchen. Da wir aber trotz weiter Blicke in die Zukunft, trotz großer Ziele für die Gesammtheit, weder die Gegenwart übersehen dürfen, noch die Brüder, welche leiden, heißt es für Palästina, besonders für die Bevölkerung von Jerusalem, Arbeit suchen und finden. Von der Arbeitslust der Leute habe ich mich persönlich überzeugt, ja, die Arbeitsfreud igkeit jener Juden, die Beschäftigung finden, gehört zu " meinen besten Erinneruugen.sie ist die positivste Errungenschaft dieser Reise. Da wir Zionisten keinerlei Heimlichkeit kennen und keinen persönlichen Vortheil suchen, übergebe ich alle