Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Article
- Max Nordau in Berlin
- Date
- 1899-02-10
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die H Welt« <Seite 3 Nr. 6 der Bewegung und eifrigen Mitarbeit an ihren Aufgaben. Diese hunderttausende, die trotz aller Verschiedenheiten der örtlichen Verhällnisse, trotzdem, dass zwischen ihnen bisher nie eine Berührung stattgefunden hat, ein erstaunlich einheitlicher Geist belebt, sind das lebendige Judenthum, und sie wollen es bleiben. Redner kennzeichnete die Kreise, aus denen der Einspruch gegen den Zionismus hervorgeht. Da sind zuerst die jüdischen Millionäre und Milliardäre, freilich zum Gluck nicht alle, doch ihre Mehrheit, die ihre gesellschaftlichen Beziehungen zu den maßgebenden christlichen Kreisen dazu benützen oder missbrauchen, um ihnen ganz falsche, geradezu verleumderische Vorstellungen vom Zionismus und seinen Trägern beizubringen. Vielleicht glaubt man ihnen, da man sie für die bernfenen Vertreter des jüdischen Volkes hält. Allerdings hocherfrenlicherweise nicht überall. „Wir haben einen Beweis dafür, ans den ich nur. leicht Hinweisen möchte, damit unsere Feinde uns nicht taktloser Aufdringlichkeit zeihen. Es ist kein Geheimnis mehr, dass erlauchte Staatsoberhäupter sich auf das Lebhafteste für die zionistische Bewegung interessieren und sie ihrer Huld und Gnade gewürdigt haben. Es bedarf keiner weiteren Ausführung, dass eine Bewegung, die von einem der edelsten Herrscher, einem der größten, weitestblickenden, idealsten und doch auch zugleich praktischsten Leiter von Völkergeschicken ernst genommen wird, von niemand mehr als zu vernachlässigende Quantität behandelt werden darf." Redner beleuchtete das Vorgehen der Protestrabbiner, die dadurch, dass sie sich den heiligsten Bestrebungen des jüdischen Volkes widersetzten, alles Ansehen bei diesem eingebüßt haben, und wies dann nach, welches schwere Unrecht die jüdischen Proletarier und theoretischen Socialisten an sich selbst und ihrem Volke begehen, indem sie sich dem Socialismns in die Arme werfen und ihm zuliebe ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke verleugnen. Der Socialismus enthält unmögliche Utopien, wie den Colleetivismus, den der gesunde jüdische Verstand niemals anuehmen wird, und eine Hinneigung zu revolutionären Mitteln, die den conservativen Trieben der immer und überall gesetzestrenen Juden widerstreben. Aber daneben hat er auch gesunde und sittlich hochstehende Ideale, und diese sind es, die ihn für die jüdischen Proletarier und viele gebildete Juden so anziehend machen. Wenn man nun näher znsieht, so erkennt man, dass alles, was im Socialismus gesund, verständig, möglich, edel ist, einfach alte jüdische Ideale sind, die in der Vergangenheit des jüdischen Volkes geschichtliche Wirklichkeit waren und deren Wiederbelebung gerade das Ziel des Zionismus ist. Ideal gesinnte Inden müssen naturnothwendig in den Zionismus hinübermünden, wenn sie auch heute Anhänger des Socialismus sind, weil dieser sie in seiner Weltanschauung, in seiner Bruderliebe, in seiner Forderung socialer Gerechtigkeit an uralte jüdische Ueberlieferungen gemahnt, deren Erinnerung in der jüdischen Volksseele verdunkelt worden sein mag, doch nie ganz erloschen ist. Redner schloss seine Ausführungem mit einem Aufrufe an die socialistischen Juden, ihr Heil nicht vom Socialismus zu erwarten, sondern am Zionismus mitzuarbeiten, dessen wertvollstes Element sie werden könnten. Die Rede Dr. Nordans beim Festcommers der jüdi sch-nationalen Verbindungen in Wien wurde von uns unseren Lesern im Auszuge mitgetheilt. Da sich dieser Auszug natürlich nicht überall mit dem Wortlauteder von Dr. Nordau gehaltenen Rede deckt, so ersucht uns Dr. Nordau nochmals hervorzuheben, dass der in Nr. 5 der „Welt" gebrachte Bericht nicht in allen sprachlichen Einzelheiten vollständig mit seiner Rede gleichlautend sei. Dadurch, dass die Commersrede in der ersten Person wiedergegeben worden sei, könnte der Anschein erweckt werden, als ob es sich um eine wortgetreue Reproduction derselben handle. Da dies nicht der Fall sei, so wünscht Herr Dr. Nordau diese ausdrückliche Constatiernng seitens der Redaction. Wir erfüllen natürlich gerne diesen Wunsch. Die Redaction. V Mr Macht. Wien, 9. Februar 1899. Wien hat in der letzten Woche einen „Sensationsprocess" gehabt, der über das locale Interesse hinausreicht, weil er über die Strategie der „Abwehr des Antisemitismus" typische Aufklärungen gibt. Die gesammte Wiener Presse hat in ihren Spalten - all den fußhohen Kehricht abgelagert, den das Privatleben eines antisemitischen Abgeordneten in den disereten Nischen barg. Der Abraum, dessen chemische Zusammensetzung wir nicht näher erörtern wollen, sollte mit seinen Miasmen den Wiener, beziehungsweise den österreichischen Antisemitismus aufs Siechenbett niederwerfen. Das war die Absicht der judenfreundlichen Blätter. Es ist also zunächst festzustellen, dass der Weg, auf dem diese „Abwehr" zum Streite gegen den Antisemitismus auszieht, der denkbar unappetitlichste ist. Er führt längs des Rinnsteins und ist beiderseits eingesäumt von einer langgedehnten Reihe Latrinen. In dieser Gasse dienen die Juden von heute ihren Idealen, hier vertheidigen sie das Judenthum. Auf einem Hügel von Guano pflanzen sie das jüdische Banner ans, indem sie in den trüben Wellen herumrühren, retten sie die Ehre des Judenthums. Dass auf ihrer eigenen Person bei dieser Kampfmethode nothgedrungen eine nicht geringe Menge des Straßenstoffes haften bleibt, das beachten sie nicht. Run, de gustibus lässt sich bekanntlich nicht disputieren, aber die Gruppe der Abwehrjudenheit mag es anderen Juden nicht übelnehmen, wenn sie keine rechte Lust haben, auf diesem zerweichten, glitschrigen Wege die Judenfrage zu lösen. * Gut, es ließen sich ja wohl Gründe finden, welche das Bestreben, die Judensrage durch Seandalprocesse zu lösen, plausibel machen könnten. Es könnten sich beispielsweise Gemeinplätze n In „der ideale Zweck heiligt die unsauberen Mittel", „der Arzt, der eine Beule öffnen will, darf keine zimperlichen Finger haben" u. dgl. Vorbringen, und man könnte sich überreden lassen, mit Ueberwindung des Ekelgefühles auf das hohe Ziel loszuwaten, wenn nicht von vorneherein dieser widrige Weg ein Holzweg wäre. Was wollen eigentlich die Juden, wenn sie den runden Holzdeckel von dem unausgespülten Inneren irgend eines antisemitischen Volksvertreters heben? Wollen sie den Abgeordneten in den Augen der Antisemiten compromittieren? Möglich! Diese Methode, den Antisemitismus unterkriegen zu wollen, ist aber ganz sinnlos. Denn was wird geschehen, wenn die antisemitischen Wähler gewahren, dass ihr Erkorener Unreinlichkeiten an sich hat? Eine Gruppe der Wähler — wir wollen nicht entscheiden, ob die größere oder die kleinere — wird, wenn sie nicht von allem Anfang an die Anklagen der Juden als grundlose Verdächtigungen ungläubig beiseite wirft, den Abgeordneten trotz aller nachweislichen Makel und Mängel weiter hochachten, schätzen und in den Vertretungskörper wählen. Die Abwehr des Antisemitismus durch Seandalprocesse wird scheitern, weit es die Wähler nicht geniert, dass aus der Urne ein Mann mit fleckiger Moral hervorgegangen ist. Es ist alles beim Alten geblieben, und die Juden sind nutzlos in den Schlainm hineingestiegen. Es wird im Gegentheil durch das Eingreifen der Juden der Antisemitismus noch verpöbelt. Der Judenhass des gereizten Abgeordneten und seiner Anhänger wird durch die begreifliche Rachgier nothwendigerweise rohere, gehässigere Formen annehmen, und der vermeintliche tödliche Dolch hat sich somit in der Hand der Abwehrjuden in einen spornenden Stachel verwandelt. Eine zweite Gruppe von Antisemiten — sagen wir: die anständigere — wird von dem Anblicke der brandigen Stellen,