Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Article
- Die Aufgaben der Bank
- Date
- 1899-02-10
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 2 „Die A Welt“ Nr. 6 Die Aufgaben der Kank. Die Jüdische Colonialbank in London, deren Begründung die erste praktische That des politischen Zionismus ist, hat schon vor ihrem Entstehen viel Tinte fließen gemacht. Alle möglichen Missverständnisse wurden künstlich erzeugt, wenn sie nicht schon von selbst entstanden waren. Die Gegner machten sich mit heißem Eifer daran, diese einfachste Sache zu verdunkeln und zu entstellen. Es war aber nicht der Mühe wert, mit all den Böswilligen oder Unverständigen eine Polemik zu führen. Nun ist die Zeit gekommen, ein paar Worte über das Wesen und die Aufgaben der Bank zu sagen, deren Prospekt und Statuten von London aus versendet werden. Die Indische Colonialbank wird, wie es ja schon in ihrer Firma klar und einfach gesagt ist, der jüdischen Colonisation dienen. Und zwar will sie dies in unserem rein zionistischen Sinne. Keine Bettelansiedlung ist gemeint, sondern eine ordentliche agriculturelle, und industrielle auf der bekannten rechtlichen Grundlage. Es hat einige Zeit gebraucht, bis alle Vorbedingungen geschaffen waren, bevor man daran denken durfte, die Jüdische Colonialbank ins Leben zu rufen. Eine der wichtigsten Vorbedingungen war die Aufklärung der öffentlichen MeinungüberdieZweckeundZieledes Zionismus. Unsere Congresse, unsere aufrichtigen und eingehenden Publicationen haben dazu viel beigetragen. Heute kann man ruhig sagen, dass der Zionismus sich in ernsten politischen Kreisen die Anerkennung errungen hat, er sei eine Bewegung, deren günstige Wirkung sich nicht auf die Juden allein beschränken, sondern einen allgemeinen Culturgewinn bedeuten werde. Auch darüber besteht heute kein Zweifel mehr, dass der Zionismus mit den verschiedenen Umsturzbewegungen keinerlei Verwandtschaft und keinen Zusammenhang hat. Es ist kein Gedanke der Zerstörung, sondern des Ausbaues, der ihm zugrunde liegt. Das alles ist oft gesagt worden. Mancher mag gefunden haben, dass es schon zu oft wiederholt wurde. Aber neue Formeln können nicht oft genug ausgesprochen werden. Sie müssen sich dem Gedächtnis gut einprägen. Freilich darf sich die Bewegung auch nicht in Worten allein abspieleu. Die Zionisten sind keine Declamatore». Sie wollen sich nicht in Worten berauschen, sondern in nüchterner, geduldiger Arbeit erheben. Der Zionismus ist auf eine Arbeitshilfe in großem Maßstabe aus, auf eine Selbsthilfe zur Arbeit. Und nachdem wir diesen Zweck deutlich und — wie wir hoffen — durch die Einfachheit unserer Erklärungen überzeugend dargethan haben, wollen wir das finanzielle Werkzeug zur Ausführung der nun schon aller Welt bekannten Pläne Herstellen. Was wird die Jüdische Colonialbank machen? Sie wird Geschäfte machen. Sie wird alle ordentlichen Bankgeschäfte machen, mit besonderer Bevorzugung derjenigen, welche dem colonisatorischen Zwecke dienen. Bei Gelegenheit der provisorischen Subscription, die zur Prüfung der für die Bankgründung etwa vorhandenen Stimmung eingeleitet wurde, ergab sich die angenehm überraschende Thatsache, dass die Bank schon durch ihren Namen eine sofortige Popularität gewann. Die leitenden Herren des Bankdirectoriums haben aus den Mittheilungen, die ihnen von allen Seiten im Laufe der letzten Monate zugiengeu, die Ueberzeugung geschöpft, dass dieses Institut ungewöhnlich rasch einen sehr ausgebreiteten Geschäftsverkehr haben dürste. Im zerstreuten Volke, das ja viele Handelsleute zählt, war sofort Verständnis und Interesse für die geplante Einrichtung da. Diese Bank darf schon jetzt auf eine Kundschaft rechnen von Canada bis Argentinien, von Aegypten bis zum Transvaal, und wohl in jedem Lande der Welt. Wenn aber die Jüdische Colonialbank auch das übliche Bankgeschäft betreiben wird, so erschöpft sich darin keineswegs ihre Aufgabe. Sie wird die Erlangung des Ansiedlungsgebietes vermitteln und dann die Ansiedlung financieren. Die Einzelheiten, in denen sich das abspielen soll, schon jetzt zu bestimmen, wäre müssig und sogar unklug. Sobald aber die Bankleiter die erforderlichen Bewilligungen in Händen haben, werden sie den nächsten Schritt machen und die Landgesellschaft gründen. Die Emission von Antheilscheinen der Landgesellschaft nach dem Muster der Chartered Company wird wohl das größte Geschäft sein, welches die Jüdische Colonialbank machen wird. Das sind in großen Zügen die Aufgaben der Bank, soweit sie sich schon jetzt vorhersehen lassen. Man sieht, es ist etwas durchaus Praktisches, Realisierbares, Vernünftiges. Als ein auf rein geschäftlichen Grundlagen beruhendes,, wenn auch in feiner redlichen Gebarung von verlässlichen Vertrauensmännern beaufsichtigtes Ünternehmen, hat die Bank Finanzgeschäfte zu machen. Erstens das normale Bankgeschäft mit seinen vielerlei modernen Verzweigungen. Zweitens die Vermittlung von Geschäften derjenigen Regierung, von der die Besiedlungsrechte zu erlangen sind. Drittens die Begründung der großen Landgesellschast, welche den zionistischen Plan in Wirklichkeit umzusetzen berufen ist. G Max Uordau in Berlin. Im Versammlnngslocale des Feenpalastes hielt am 28. Jänner Max Nord au seinen glänzenden Vortrag über Zionismus, Kapitalismus und Socialdemokratie. Ein Auditorium von etwa 3000 Personen hatte sich eingefuuden und begrüßte den Vortragenden mit stürmischem Beifall. Der Verlauf der Versammlung war ziemlich erregt. Die Stellen über die Rabbiner und den Socialismns riefen stürmischen Beifall, aber auch starken Widerspruch hervor. An der Debatte betheiligte sich unter anderen ein Herr Klausner, der schon seit geraumer Zeit als Zionistentödter Schaustellungen gibt und den wir um keinen Preis entbehren möchten, weil er unsere Debatten sehr zu beleben pflegt, ein Herr S i g m a n 11 und ein Herr Ewers als Gegner. Letzterer rief stürmische Heiterkeit mit der Behauptung hervor, dass wir uns 1812 die Emancipation erkämpft hätten urid nur auf dem betretenen Wege fortzuschreiten brauchten, um zum Ziele zu kommen, gur Gleichberechtigung. Von nuferer Seite sprachen Dr. Klee, Dr. Friede m a n n und Dr. M o tz k i u. Endlich sei erwähnt, dass alle Zeitungen (mit Ausnahme zweier Blätter) günstige objective Berichte brachten: nämlich, mit Ausnahme des „Tagblattes" und der „Volkszeitung", welche den Herren M o s s e und Cohn gehören — zweien bekannten jüdischen Großcapitalisten. Das spricht beredt für die Wahrheit freffeit, was Nordau von den jüdischen Millionären sagte: Redner wies zu Beginn seiner Ausführungen darauf hin, dass für den Zionismus, den ein Theil der Judenschaft noch immer lärmend bekämpft und verleugnet, hunderttausende von Juden stehen, die sich bereits ausdrücklich für ihn erklärt haben. Unter ihnen sind alle gesellschaftlichen Classen und Berufe vertreten, die im jüdischen Volke überhaupt Vorkommen. Ihre geographische Verbreitung ist eine überraschende und auch schmerzliche. Denn wenn sie einerseits zeigt, dass überall, wo Juden siedeln, viele von ihnen sich noch alle geschichtlichen Ideale des Judenthums be wahrt haben, so gibt sie andererseits anch ein erschütterndes Bild der Sprengwirkung der Diaspora, die die zuckenden Glieder des jüdischen Volkes an alle Enden der bewohnten Erde umhergeschleudert hat. Aus Klondyke und Südafrika, aus den Wüstenstädteu der Sahara und den australischen Cocos nussiuseln, aus Sibirien und Argentinien dringt der gleiche Schrei der Begeisterung und Hoffnung zu uns, erhalten wir täglich Beweise der gleichen leidenschaftlichen Antheilnahme au