Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-02-03
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
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„Die Hr Welt“ Nr. 5 Seite 16 11 u i II ei««. Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (35. Fortsetzung.) Schon im Juni desselben Jahres wurde die Hochzeit gefeiert und als künftiger Aufenthalt des jungen Paares Wien bestimmt, wo die neue Baronin an ihren Eltern nöthigenfalls einen Rückhalt fand. So kam es, dass sich auch der dritte Zweig der Familie Goldschild, trotz Jsaks Abneigung, in der österreichischen Residenz dauernd ansiedelte. Anfangs gieng alles vortrefflich. Niemand war froher als Baron Jsak, seinen Sohn auf eine so gute Weise losgeworden zu sein. Aber diese reine Freude sollte nur kurz währen. Schon im Frühjahr 1883 brachte die junge Frau wider alles Erwarten einen Knaben — den kleinen Jonathan — zur Welt. Für einen solchen Erben jedoch sollte die Familie des Millionärs einen harten Tribut dem Schicksal zahlen. Die geistreiche und vortreffliche Mutter des Kindes starb in den Wochen. Das schwarzäugige, blondlockige Knäblein versöhnte den strengen Jsak mit diesem harten Schlage. Am liebsten hätte er den kleinen Jonathan zu sich nach Paris genommen. Aber da hatte Baron Moritz Einsprache erhoben. Der Dicke erklärte rundweg, er fei weder gesonnen, sich von seinem Sohne zu trennen, noch die schöne Kaiserstadt und seine neuen Freunde Muki, Kari und Franzi zu verlassen. Nun sah sich Jsak gezwungen, wollte er sich an der Jugend seines lieblichen Enkels erfreuen, alljährlich einige Wochen in dem verhassten Wien zuzubringen. Er theilte seine Zeit zwischen Paris, Wien, London und Pest, wo er überall prächtige Paläste und geschäftliche Verbindungen, aber nirgends ein eigentliches Heim besaß. Diese Verhältnisse spitzten sich auf das Aeußerste zu, als der bisher gesunde Jonathan plötzlich im Herbste 1893 an einem schweren Halsleiden erkrankte, das ihn, wie wir gesehen, an die Tragbahre fesselte. III. In den Vormittagsstunden des folgenden Tages saß Dr. David, in seinen Schlafrock gehüllt, die rauchende Pfeife in der Hand, noch beim Frühstücke, als seine Wirtschafterin gleich einem Sturmwinde in sein Wohnzimmer gefegt kam und den Besuch Karl-Raphaels und eines Geistlichen ankündigte. Noch ehe der Arzt Zeit gefunden hatte, sich aus seinem Lehnstuhle zu erheben, wurde die Thüre schon wieder geöffnet, und das feiste Gesicht des Paramentenhändlers erschien mit einem freundlichen „Ist es erlaubt?" in der Spalte. „Nur hereinspaziert!" lachte der alte Doctor, die rochen Schnüre seines Schlafrockes enger um den hageren Leib ziehend. „Ihr findet mich zwar nicht im Empfangsstaate. . ." „Das macht nichts!" ergänzte Karl-Raphael, nun vollends eintretend. „Komm' nur herein, hochwürdiger Sohn!" Gleich darauf erschien der also Aufgemunterte auf der Schwelle. Es war ein Mann von auffallend hoher Gestalt, mit breiten Schultern und starken Gliedern. Die einfache, schwarze Kleidung ließ ihn noch größer und wuchtiger erscheinen. Das glattrasierte Gesicht zeigte ausgearbeitete, strenge Züge, die, im Verein mit der starken Nase und dem energischen Kinn, unleugbar an seinen Oheim Georg Holzer erinnerten. Das kurzgelockte schwarze Haar und das ausdrucksvolle Mieuenspiel dagegen verriethen das semitische Blut. Desgleichen waren auch die großen, traurig blickenden, mandelförmigen Augen ein Erbtheil der jüdischen Abstammung. Mit einem herzlichen „Grüß Gott, Onkel!" trat der Priester auf David los und bot ihm die große, aber wohlgeformte Hand. Der alte Doctor wollte seinen Augen nicht trauen. War aus dem kleinen Josef, den er noch als hochaufgeschossenen, blassen, sechzehnjährigen Jüngling in Erinnerung hatte, wirklich dieser große, gereiste Mann geworden? Freilich — volle vierzehn Jahre waren seither in das Land gezogen. „Hochwürdiger, Hochwürdiger!" rief er einüber das anderemal, „wie sehr hast Du Dich verändert!" „Du dagegen ganz und gar nicht!" lachte der neue Pfarrer von Siegling, noch immer die Hand des alten Herrn in der seinen haltend. Der Paramentenhändler stand gerührt neben der kleinen Gruppe und blickte mit väterlichem Stolze aus seinen Sohn. „Nicht wahr, David!" wandte er sich an den Vetter. „Das nenne ich eine Ueberraschung! Geistig und körperlich prächtig gediehen! Eine Hirtengestalt, wie man sie nicht schöner ersinnen kann! Mild in der Leitung der Schafe — bärenstark aber, wenn es gilt, die Wölfe abzuwehren!" Der alte Doctor jedoch verstieg sich nicht zu so biblischen Bildern. Er betrachtete den Neffen mehr vom kritischen Standpunkte des Arztes und rief: „Junge! Du warst doch immer ein schwächlicher Knabe, der uns allen manche sorgenvolle Stunde verursacht! Sag — zum Teufel einmal — wie hast Du es nur angestellt, Dich zu einem so baumstarken Kerl zu entwickeln?" „Durch die Gnade Gottes!" erwiderte der Priester schlicht. Einen Augenblick hefteten sich die klugen Augen Davids scharf auf das Gesicht des Sprechers. Was sollte diese Antwort? Sollte sie etwa einen unpassenden Scherz bedeuten? Dr. David war ein viel zu feinfühlender Mensch, als dass er, obgleich selbst ungläubig, desgleichen aus dem Munde eines Priesters gutgeheißen hätte. Aber so sehr er auch in den ausgearbeiteten Zügen des neuen Pfarrers forschte — er fand darin nichts als ehrlichen, kindlichen Glauben und sittlichen Ernst. Und der Verlauf des nun folgenden Gespräches bestätigte diese Meinung. Pfarrer Josef wusste gar viel Hörenswertes zu berichten. Das Leben des jungen Priesters schien viel reicher gewesen zu sein, als Dr. David, der hinter jeder Soutane bornierte Beschränktheit oder schlaue Herrschsucht vermuthete, angenommen hatte. Die Studienjahre im Seminar freilich waren für den jungen Goldschild so verlaufen, wie für alle übrigen Heranwachsenden Geistlichen. Theologische Streitfragen und fromme Hebungen bildeten hier die Ereignisse. Aber die Reisen mit dem kunstsinnigen Cardinal Antonin Buonacorde hatten seinen Gesichtskreis erweitert, der Umgang mit dem gebildeten Prälaten seinen Geschmack geadelt und seinen Geist gebildet. (Fortsetzung folgt). V ßrirMlrn kt Irkrtim. B. Z. Näheres uns leider unbekannt. Besten Gruß. I. S. aus R. Der Titel bleibt gleichwohl zweideutig. Besten Gruß. E. R. in T. Paris, rue d’Elysde Nr. 2. Hazioni. Baron S.: Harmannsdorf, Niederösterreich. Cesare L., Turin. Nirrrrberg> Hof- und Gerichtsadvoeat Dr. O. Kokesch, I., Singerstraße 25, Hof- und Gerichtsadvoeat Dr. Alex. Mintz, I., Schulerstraße 20. P. Lemberg. Wir werden Ihnen nächstens die Auskunft erlheilen. Herausgeber: V Nalchsner. Berantw. Red.: Dr.Sirgm. Werner. Buchdruckerei „Judustrie" (S. Bergmann), Vlll., Schlöffelg. 1t.