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Die Welt · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Article
[Kommentar]
Date
1899-02-03
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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„die A Welt'1 «Seite 15 Nr. L ZkitlWtrilciuiWa». „Le Flambeau“ (Revue mensuelle. 76 RueTaitout, Paris. Directeur: Jacques Bahar). „Die Fackel", heißt die neue Monatsschrift, die unser bekannter Gesinnungsgenosse Jacques Bahar in französischer Sprache herauszugeben begonnen hat. Die erste Nummer, die uns vorliegt, wird selbst großen Ansprüchen des Publicums genügen. Der Artikel Bernard La za res „Das jüdische Proletariat vor dem Antisemitismus" ist mit der Eleganz, Gründlichkeit, aber auch mit dem Feuer geschrieben, die wir an den Publicationen Lazares immer bewundern können. Selbst Leute, welche die von ihm entwickelten Ansichten nicht theilen sollten, werden mit Interesse und Vergnügen diesen Artikel lesen. Eine hervorragende Arbeit ist auch Jacques Bahars „Das eubanische Algier". Mit einer Unerschrockenheit, die des größten Lobes würdig ist, leuchtet Bahar wirklich wie mit einer Fackel, in die verrotteten algerischen Zustände hinein. Was er an statistischen Daten bringt, zeigt ebenso wie die fast auf jeder Seite zu findenden fachmännischen Ausführungen, wie genau er die algerischen Verhältnisse kennt, und wieviel Fabeln man innerhalb und außerhalb Frankreichs über diese französische Eolonie verbreitet hat. Klar und überzeugend weist Bahar nach, wie die ganze algerische Judenhetze nur die Folge des politischen Verhaltens der Juden sei, welche dem Mutterlande Frankreich trotz aller Lockungen und Drohungen eine hingebende Treue bezeigen. Das Bild, das uns von dem algerischen Antisemitismus entworfen wird, ist nicht minder charakteristisch, wie die Zeichnung, die uns Bahar von den algerischen Behörden liefert. — Es folgen dann noch eine Anzahl kleinerer Beiträge. Bemerkenswert ist auch das Programm, mit dem sich die Zeitschrift einführt. „Nicht um die Juden in der bisher geübten Weise zu vertheidigen, werde dieses Organ des zionistischen und socialen Judenthums herausgegeben, sondern um die Juden zur Selbsthilfe aufzurufen und ihnen die Mittel und Wege zu zeigen, deren eine vernünftige Action bedürfe. Tie Solidarität aller Juden wird ausdrücklich hervorgehoben, und die schlechte Situation der Juden Algeriens und Frankreichs besonders betont. Es gelte, die herrschenden falschen Ideen unter den Juden zu klären, dann werde der Weg zum Heile sicher beschritten werden können." Im „Grenzboten" schreibt der Ehefredacteur der „Nordd. Allgem. Ztg.", Karl Trost, einen Artikel über Judenthum und Revolution. Der Vers, ist Anhänger des „liberalen" Antisemitismus, der das Judenthum einfach ablehnt oder zurückweist, ohne es zu hassen. Der politische Antisemitismus hat nichts mit der semitischen Rasse zu thun, er beschenkt mit seinem Hasse ausschließlich das jüdifche Volk. Der wirtschaftliche Antisemitismus, ursprünglich aus Geschäftsneid entstanden, hat sich bald zu einer edleren (!) Stufe erhoben. Die Judenbekämpfung ist sogar moralisch (?). Illach Macht (s. h. Gleichberechtigung) strebend, zersetzt das jüdische Volk und zerbröckelt alle Institutionen, wirkt revolutionär. Duc Deutschen sollten nicht gunnüthig genug sein, dem Juden thatsächlich eine privilegierte (!) Stellung dadurch einzuräumen, dass er auf dem Fuße gleichen Rechtes mit dem Deutschen zum Wettstreite zugelassen tst. Der Artikel ist zwar sehr seicht, aber wegen der Stellung des Verfassers bezeichnend. „Sifre Schaschuim", Nr. 1—2, zweite Serie, enthält: 1. „Auch das ein Traum" von I. L. Perez, 2. „Eine welke Blume" — Liboszitzky, 3. „Auf dem Wege nach Aegypten (Reisebeschreibung) — Sluszer, 4. „Mein Grabstein" (Gedicht) — Tschernichowsky, ö. „Jüngste Vergangenheit (Erzählung) — Wiernikowski, 6 „Der _ Schneider (Gedicht) — Fernhof, und mehrere Gedichte und Erzählungen von Rothblum, Samuely u. s. w. Bezugsquelle Jsak Fernhof in Zloczow (Galizien). G Büchrrwett. Geschichte der deutschen Juden von Dr. Adolph K o h u t, illustriert von Th. K u t s ch m a n n. Berlin. Deutscher Verlag. 1898. Mit dem treffsicheren Empfinden des Künstlers hat Theodor Kutsch mann als erstes Blatt seiner Illustrationen vor den Text ein Bild aus dem alten Friedhofe zu Prag hingesetzt. Mw scheint diese Wahl eine besonders bedeutungsvolle. Wer jemals den alten Friedhof zu Prag gesehen, der wird sich noch nach Jahren des mächtigen Eindruckes erinnern, den er dort empfangen. Ein ruhmreiches Stück jüdischer Vergangenheit spricht aus drei em zerfallenen, halb in den Boden gesunkenen Sternen m dem grandiosen, verwilderten Garten, der als alter Prager ^rredhof bekannt ist. Da ist manchem Juden eine Ahnung geworden von der Größe des Volkes, von dem er so wenrg oder gar mchts mehr wusste, ja, da hat sich das so recht gezeigt, was ern Merkmal unserer Geschichte genannt werden kann. Unsere Geschichte in Böhmen wie in anderen Landern ist eine Geschichte der Gräber. Lange bevor es jemand unternahm, unsere Geschicke aufzuzeichnen, haben die Grabschriften uns erzählt von unseren guten und schlimmen Tagen, unserer Größe und unserem Niedergange. Und ach, mehr als bei anderen Völkern hat man bei uns dafür gesorgt, dass wir unserer Gräber gedenken! So ist der Frieohof für die Juden wirklich zum „guten Ort" geworden, ihr Zufluchtsort, wenn sie Schweres bedrohte, der Ort ihrer Sammlung, wenn sie dem Geschicke ihres Volkes nachsannn und zugleich der Ort der Hoffnung, der ihnen ihre endgiltige Auferstehung, ihre Erlösung verhieß. Mit keinem besseren Titelbilde hätte diese Geschichte der deutschen Juden, die eine volksthümliche sein soll, geschmückt werden können. Das Bild bereitet stimmungsvoll auf den Text vor. Auch über diesen lässt sich nach dem vorliegenden ersten Hefte viel Gutes sagen. Ein abschließendes Urtheil ist wohl nicht möglich, ehe die Leclüre des vollständigen Werkes eine sorgsame Kritik gestattet; aber schon aus dem ersten Hefte gewinnt der Leser die Ueberzeugung, dass Ko hu t sein Bestes daran setze, um in knappen Zügen eine vollständige Eulturgeschichte der deutschen Juden zu liefern. Wir sagen, der deutschen Juden. Der Autor hat zum Glück nicht die — übrigens unwissenschaftliche — Bezeichnung „jüdische Deutsche" gewählt. Wie wäre es denn auch anders möglich. Wer, der sich mit der Geschichte der Juden beschäftigt, könnte ein anderes Wort gebrauchen. „Das historische und culturhistorische Leben der deutschen Juden" will Kohut schildern, „und die allmähliche geistige Entwicklung des jüdischen Stammes auf deutschem Boden". Unwillkürlich klingt in dem Borworte schon ein schwungvoller Ton, wenn der Verfasser auf den Stamm zu sprechen kommt, dessen Geschichte er jetzt schreiben will. „Denn unleugbar ist der jüdische Stamm ein hochbegabter, intelleetuell besonders entwickelter und hochstehender, und so gestalten sich die nachfolgenden Aufzeichnungen unwillkürlich vielfach zu Ruhmesblättern des jüdischen Stammes, welcher, das conservativste Völkerelement in Europa verkörpernd, den Beweis erbracht hat, dass er die Jahrtausende überstanden, ohne unterzugehen und seine Eultureigenart einzubüßen". Es ist nicht ein sich überhebender Stolz, der den Autor so sprechen lässt, denn er zeigt an anderen Stellen, dass er keineswegs blind ist für die Schäden, welche die Juden während säst zweitausendjähriger Leiden an ihrem Volkscharakter erlitten haben; aber er erkennt den unverwüstlichen idealen Zug, der dem Judenthmn innewohnt, und er gebraucht mit Recht das Gleichnis von dem Dornbusch, der in Flammen steht und doch nicht verzehrt wird. Was er über die Eharakterähnlichkeit und die Jdeengleichheit zwischen Deutschen und Juden sagt, möchten mir allerdings nicht fo ohneweiters unterschreiben. Und sonderbar muthet es f cm, wenn er glaubt, dass sein Werk vor allem auch dazu ' dienen könnte, die Vorurtheile gegen das Judenthmn zu verscheuchen. Diesen Optimismus können wir leider nicht theilen. Daraus sollte aber auch ein solches Werk gar nicht ausgehen. Eine solche Wrrkung wäre rnnig zu wünschen, aber sie steht weit hinter der zurück, welcher das Geschichtswerk, wenn es wirklich volksthümtich gehalten wird, aus die Juden selbst haben könnte. Wir leben heure, dank vor allem dem Zionismus, in einer Zeit, wo die Juden wieder beginnen, sich für ihre eigene Geschichte zu interessieren. Die Zionrsten werden nicht müde, immer wieder das Postulat nach eurer genauen Kenntnis der jüdischen Geschichte aufzustellen. Ohne Rücksicht aus Hass oder Gunst der umwohnenden Völker )oll unsere Geschichte geschrieben, soll sie unseren Kindern erzählt werden. Es wäre hochUch zu bedauern, wenn der Autor die von ihm so willig acceptierte Wahlverwandtschaft zwischen Deutschen und Juden etwa zu einer leitenden Idee stines Buches machen wollte. Wir hoffen, dass eine Geschichte, noch dazu eine volksthümliche, der deutschen Juden, auch geschrreben werden kann, ohne dass man gerade das Märchen vom orientalischen Deutschland, das Palästina angeblich war, mit höflicher Vereitwilligteit weiter ausspinnen müsste. — Doch wir wollen diese wenigen Punkte, die Bedenken erregen könnten, nicht weiter heroorheben. Noch ist ja das Werk nicht über das zweite Heft hinaus gediehen. Wir werden, wie gesagt, erst nach der Vollendung der Publteation in der Lage sein, wirklich eingehend darüber zu berrchteu. Nichtsdestoweniger scheint uns ein jedes geschichtliche Werk von Juden über Juden der genauesten Prüfung, aber auch freundlichen Entgegenkommens wert. Wir begrüßen auch Kohuts Geschichte aufs Freundlichste, Dass Theodor Kutsch mann als Illustrator gewonnen wurde, kann dem Werke nur nützen. Die Illustrationen sind ungewöhnlich sorgfältig, einzelne hervorragend in ihrer Art. Der Deutsche Verlag hat stch überhaupt sichtlich Mühe gegeben, auch durch die schöne Ausstattung dem Werke leichteren Eingang zu verschaffen. Der Gesammtpreis des completen Werkes x]t verhältnismäßig gering — 20 Mark für t0 Volllieserungen, deren erste 84 Seiten enthält. Wrr glauben, das Werk unseren Lesern mit gutem Gewissen empfehlen zu dürfen. W.

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