Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1899-02-03
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 „die s£x Allerlei Achrilhien. Der Zustand, in welchem sich die algerischen Juden befinden, bildet eine einzige fürchterliche Anklage gegen die französische Regierung, gegen das französische Consistorium in der Person seiner geistigen und weltlichen Chefs und — gegen die algerischen Juden selbst. Eine (Korrespondenz an den „Univers. isr.“ schildert die Zustände als die denkbar traurigsten. Von den 60.000 Juden sind 25.000 non allem entblößt und fristen ihr Leben in einer Weise, die sich nicht beschreiben lässt. Nicht viel besser ergeht es den 10.000 Arbeitern, Hausierern, die von ihren geringen Habseligkeiten fast nichts mehr besitzen. 15.000 kleine Kaufleute stehen vor dem Bankerotte. Es bleiben also im ganzen vielleicht 10.000 übrig, die noch etwas besitzen und mit einem nicht zu beschreibenden Jndifferentismus die Dinge an sich haben herankommen lassen. Es sind wahre Jammergestalten, denen man jetzt in Marseille und Paris begegnet, sie suchen in den Häusern und auf den Straßen nach Brot, weil ihre Kräfte nicht mehr ausreichen, es durch Arbeit zu verdienen.... * In Paris befinden sich nach einem Berichte des russischen Eonsuls 11.000 Russen, darunter bloß 600 Christen. Alle übrigen sind Juden, Studenten oder Arbeiter. Der Consul rühmt die Wohlthätigkeit der Pariser Juden diesen russischen Unterthanen gegenüber. Der „Odesski Listok“, eines der bedeutendsten russichen Tagesblätter, feierte jüngster Zeit unter allgemeinster Theilnahme sein 25jähriges Jubiläum, an dem sich auch die jüdischen Notabilitäten betheiligten, weil das Blatt stets gegen die die Juden betreffenden Ausnahme-Gesetze geschrieben und deren Anwendung verdammt hat. In Smyrna starb im hohen Alter von 92 Jahren Oberrabbiner Abraham H a l a c c i, ein bei allen Confessionen in hoher Achtung stehender Mann, der auch verschiedene auswärtige Orden besaß. An seinem Begräbnisse betheiligten sich neben den türkischen Notabilitäten das gesammte Eonsulareorps, das auch die Flaggen auf Halbmast gehisst hatte. Mit Bezug auf das in * voriger Nummer erwähnte Verlangen der jüdischen Kaufleute Amerikas, rn Russland privatim oder geschäftlich verkehren zu können, dürften folgende Thatsachen über den jetzt in Kraft befindlichen Zustand von allgemeinem Interesse sein. Im Jahre 1832 wurde zwischen Russland und den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Vertrag geschlossen, der amerikanischen Bürgern mit legalem, von einem russischen Cousulate beglaubigten Pass den Eintritt ins Ezarenreich und den Aufenthalt zur Ordnung geschäftlicher und privater Angelegenheiten gestattet. Nur Juden wurden ausgeschlossen, auch wenn sie amerikanische Bürger waren, und sie bedurften besonderer Erlaubnis. Wiederholte Bemühungen, diese ebenso drückenden wie verletzenden Maßregeln zu beseitigen, scheiterte stets an Russlands Widerspruch, das bis heute damit thalsächlich allein in der Welt steht. Die Revision dieses Vertrages nun ist es, welche die Juden Nordamerikas fordern, und so ganz aussichtslos ist die Angelegenheit nicht. Ein großer Theit der jüdischen Handelswelt der Vereinigten Staaten stammt aus Russland, und darunter sind Kaufleute von Ansehen und Einfluss. Sie verlangen als amerikanische Bürger behandelt zu werden. — Das Merkwürdige an der Sache ist zunächst, dass Amerika, als es 1832 den Vertrag abschloss, eine bestimmte Kategorie seiner eigenen Bürger freiwillig zu einer Sonderstellung degradierte und nicht lieber auf Abschluss des Vertrages verzichtete; und das andere, dass unter solchen Umständen ein großer Theil der amerikanischen Juden noch immer behauptet: Amerika ist unser Zion, wir besitzen, was wir nur wünschen können. * Wir brachten jüngst einige Z a n g w i l l-Anekdoten aus seinem Aufenthalte in den Vereinigten Staaten. Zangwill hat den amerikanischen Juden viele und derbe Wahrheiten gesagt, er hat das Kind bei fernem rechten Namen genannt, er hat um das Ghetto einen Glorrenschein gewoben, der säst die Paläste überstrahlt. Zangwill hat sich aber nicht nur als Jude mit Leib und Seele gegeben, sondern stolz als Kind des Ghettos sich bekannt, jenes Ghettos mit seinen alten Gebräuchen und Ceremonien. Man muss dabei eben die amerikanischen Verhältnisse in Betracht ziehen, wo alles Jüdische in moderne Formen gesteckt wird, wo alte Gebräuche oft von den „Rabbinen" nicht nur abgeschafft, sondern geradezu lächerlich gemacht werden, wo alles Rituelle bei 7/8 der Juden ein überwundener Standpunkt ist und wo z. B. am Kosch-haschono anstatt des Schofar eine von einem Nichtjuden geblasene Trompete ertönt. In einem Artikel der „American Jewess“ wird darüber eingehend berichtet und Zangwills Math anerkannt, mit dem er diese unjüdische Sachen gerügt hat. Vielleicht hat er gerade dadurch einen so immensen Welt“ Nr. b Erfolg erzielt. Im übrigen beschäftigen sich nicht nur die jüdischen Blätter mit Zangwill, sondern die leitenden Tagesjournale bringen seine Biographie und Auszüge aus seinen Reden und Werken. Auch in E schweiler bei Aachen ist die „Schächtfrage" aufgetaucht und zwar in der gleichen Richtung, wie in Aachen. (S. uns. letztem Bericht). Hoffentlich siegt in der erwählten Commission der Standpunkt der Toleranz. * In dem deutschen Ostseebade Kolb erg wird die demnächstige 25jährige Jubelfeier des Bestehens des jüdischen Curhotels durch die Einweihung eines Neubaues gefeiert werden, dessen Kosten sich auf eine Viertelmillion Mark belaufen, wovon der ganze Betrag bis auf noch fehlende 25.000 Mark durch freiwillige Beisteuern zusammengekommen ist. Es wird dann für 400 Personen Platz geschaffen sein. Bisher konnten nur 170 Curgäste — unentgeltlich natürlich — Platz finden. Die Leistungen der verschiedenen Wohlthätigkeits-Vereine der Stadt Königsberg im Jahre 1897 beziffern sich, nach einer vom dortigen Gemeindesecretär gemachten Zusammenstellung aus die namhafte Summe von 82.000 Mark, gewiss ein Ergebnis, dass das höchste Lob verdient. Die jüdische Bevölkerung Königsbergs dürste ungefähr V20 jener Wiens betragen. JnNew-Iork hat der bekannte jüdische Philanthrop Jacob Schiff dem dortigen jüdischen Jünglingsverein ein Haus im Werte von über 150.000 Dollars zum Geschenke gemacht. Ein Wiener orthodoxes Blatt hatte die die weitesten Kreise in Aufregung versetzende Notiz gebracht, dass im abaelaufenen Jahre 4000 Personen in Wien zum Christenthum ubergetreten seien. Die Zahl erweckte von vornherein große Zweifel, während man sie andererseits wiederum für richtig halten musste, indem seitens der eompetenten Behörde keine Correetur erschien. Jetzt erfährt man nun über Berlin („A. Z. d. I."), dass die Zahl 445 die richtige sei. Wahrscheinlich bezieht sich die Zahl 4000 auf den ganzen, in der bereits mehrfach erwähnten Statistik behandelten Zeitraum 1880 bis 1893, also 14 Jahre Immerhin ist die Zahl 445, das ist 40 mehr als im Vorjahre, auch noch groß genug! * In einer Berliner christlichen Gemeinde von 26.000 Seelen, natürlich ohne einen einzigen jüdischen Lehrer, wird das Anwachsen der jugendlichen Verbrecher auf die — Juden geschoben und die Errichtung jüdischer Schulen verlangt, um diesem „Uebelstande" abzuhelsen. Natürlich dürfen auch keine Juden in die gemischten Schuldeputationen. Nur für den jüdischen Religionsunterricht dürfen jüdische Lehrer angestellt werden (also dafür doch!). Diese Resolutionen wurden in einer Versammlung in Berlin gefasst, ohne Einspruch des überwachenden Polizeibeamren natürlich. Wie weit das, vorgebrachte Argument zutrifft, wird durch folgende Nachricht dargethan. * In Berlin wird, genau wie jüngst in Oesterreich, durch die Criminalstatistik nachgewiesen, dass die Zahl der Juden bedeutend unter dem Durchschnitte geblieben ist. Unter 22.020Verurtheiltenbefanden sich nur 807 Juden, während es nach dem percentuierten Verhältnisse (•%, der Bevölkerung) 1101 Personen hätten sein müssen. Vorbestraft von den 807 waren 291---367,,, während überhaupt 11.151, also 52"/.., vorbestraft waren. Also auch hier ein Minus zugunsten der Juden. * Wozu doch die Juden herhalten müssen! Weil jüdische Hochzeiten vielfach an Sonntagen stattsinden, werden dadurch die Telegraphenbeamten in ihrer Sonntagsruhe verkürzt und darum soll am Sonntag das Telegraphenamt geschlossen bleiben resp. die Gebür auf das Doppelte gesetzt werden. Damit kann man sich nun wohl einverstanden erklären (bekanntlich kosten auch in England — und irren wir nicht, auch in Amerika — die Sonntags versendeten Depeschen das Doppelte), aber warum wollen die Antisemiten nicht auch die (Konsequenzen ziehen mit Bezug aus den Eisenbahn- und Tramway-Verkehr? Was dem Einem recht, ist dem Anderen billig l * In Birmingham fand jüngst die Hochzeit einer Tochter des dortigen Rabbiners mit einem Amtsgenossen statt. Das ist nun nichts Ungewöhnliches.. Das Besondere dabei ist zunächst, dass auch eine andere Tochter einen Rabbiner in Liverpool geheiratet hat, sich somit drei Geistliche in einer Familie befinden, und ferner, dass die Hochzeitsgeschenke die Zahl von über zweitausend erreichten, darunter, wie der vorliegende Bericht sagt, solche von großem Werte. W