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Die Welt · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Article
Die Kindheit der Massen
Date
1899-02-03
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die Welt“ Nr. 5 punkte zu untersuchen, einem Standpunkte, den erst wenige Juden auf den ersten Blick begreifen würden. Thut einen Blick in das Leben unserer jüdischen Kinder und einen vergleichenden in das ihrer christlichen Altersgenossen! Die jüdischen Eltern sind zärtlicher als sonst welche in der Welt; das jüdische Kind befolgt intuitiv das fünfte Gebot, liebt seine Eltern, vergöttert sie und hält ihr Andenken in Ehren. Noch soweit vom Ghetto entfernt, in fremde Länder, neue Gedankenwelten verschlagen, gedenkt es doch jedes Jahr der lange Entschlafenen. Was kann es Zärtlicheres geben, wo findet man ein innigeres Idyll? Und doch, wie traurig ist das Los des jüdischen Kindes! Ach, unsere armen Ghettokleinen hätten müssen spielen lernen. Unseliges Israel, das keine wirkliche Kindheit kennt, kein echtes Knabenthum, kaum etwas wie eine Jugend! Ist mein Bild treu? Das christliche Kind — bei sanften Wiegenliedern wirds entwöhnt; von den ersten Tagen seines erwachenden Bewusstseins an klingt's in seinen Ohren von Feenlegenden und lachenden Fabeln, die ihm in einer einfachen Sprache erzählt werden. Mit arabischen Märchen ist seine Welt erfüllt und mit den wunderbar waltenden Elben. Allenthalben fuukelt's in leuchtenden Farben. Was ist das für rosiges Schimmern in echten Kindheitstagen! — Es folgen die Jahre von Spiel und Tand und grundloser Jugendseligkeit. Komme immerhin das Leben hinterdrein mit seiner Enge und Strenge, die keinem erspart bleiben. Aber umso lieber kehren sie dann, Mann und Weib, zurück in jene Stunden, da die Welt ihnen zum erstenmale ihre Thore öffnete und sie hineinsehen ließ in ein entzückendes Traumland. All dies bleibt Millionen von Kindern ewig fremd. Das sind die Kinder des Ghetto, ja selbst auch der sogenannten Mittelclasse. Hier seh' ich ein frühreifes Kerlchen, siebenjährig, und ist weise in vier Sprachen; dort einen anderen Schwächling, kaum älter als der erste, und liest mit schwerem Ernste in neuhebräischen Erzählungen. Ich zieh' ihn von seinen Büchern fort und stecke ihn in eine kleine Turnhalle. Toll' er sich lieber aus, der kleine Forscher! . . . Ein kleines Mädchen, mit runden, o, so traurig blickenden Augen! Da es noch ganz klein war und winzig, das arme Ding, war es in Mutters tausend Sorglichkeiten wohl eingehüllt. Aber heute ist es nur frühreif, nicht glücklich. Seine altklugen Worte thun mir wehe, ich denke an die vorzeitige Abnützung des noch unentwickelten Gehirns. In London kennen sie in diesen frühen Jahren noch so etwas wie Spiel. Aber hier lugt schon mit den düsteren Augen der Wirklichkeit das Leben ins Kinderzimmer, und was es verheißt, das sind keine glitzernden Geschenke, nein, nur Schatten und Schatten. Besorgt beugen sich die Eltern über die Wiege und berechnen ... Was berechnen sie? Etwa die Zeit, da sie das armselige Menschenkind in den Weg der Schatten stellen und ihm sagen werden: Nun kämpf', nun brauch' die Ellenbogen! Vielleicht glückt's Dir und Du kommst auf die andere Seite, in den Sonnenschein . . . Ja, auch die christlichen Armutsbezirke sind dieses Kinderelends voll, nur dass es trotz alledem nicht so furchtbar ernst ist. Die Sorglosigkeit der Eltern gestattet ein tolles Treiben in den schmutzigen Straßeis, und Sandkuchen dürfen die Kleinen kneten und Schlösser bauen aus Erde und Spänen. Was ihre Zukunft sein wird? Darum sorgt keiner, keiner macht sich Gedanken darüber. Warum denn auch? Sie werden schon groß werden und dann schlagen sie sich durch und machen ihren Weg. Ist es gar ein reiches Kind, so ist auch seine Zukunft schon gesichert. Es wird in die Höhe wachsen, ganz natürlich, und erben, ja, hineinerben in Hab und Gut und Glück. . . Judeneltern haben ihren Kindern nur eines mitzugeben: Fähigkeiten. Zu einem erfolgreichen Geschäftsleben braucht man Tüchtigkeit, Schlauheit, Verstand, Kenntnisse. Und diese nun, die Werkzeuge zum möglichen Wohlstände, sind das I u d e n e r b e, sein Um und Auf, in der Armen-, wie in der M'ttelclasse. Hier wie dort bemühen sich die Eltern gleicherweise, in den Kindern jene Gaben großzuziehen, wodurch sie am raschesten die Selbständigkeit gewinnen. Und so gewinnt unser Volk ein Menschenmaterial, das sich auf alle Mittel und Mittelchen versteht, es gewinnt auf der einen Seite die fähigen Leute mit der frühen Schärfe des Mutterwitzes, wodurch Assimilation und Acclimatisatioy an alle Verhältnisse zu einer leichten Aufgabe wird, es gewinnt auf der anderen Seite die ausgerackerten Gehirne, die uns wieder mit Mittelmäßigkeiten beschenken, es gewinnt die schwächlichen Jntellecte der Schlemihle, die widerlichen der Schnorrer. Aus einer stumpfen Jugend geht uns ein trübes Mannesalter hervor, unsere zu jungen Runzeln stammen von zu jungen Sorgen. Wir ahnen nichts von der Süße der Kindheit bei den anderen. Und darum missen wir sie nicht. Aber derPs y ch o l o ge merkt, dass wir sie vermisst haben, an der Schrift unserer Augenbrauen und unserer Stirnen, oft auch an einer gewissen Einfalt, die uns im Alter bleibt. Wirklich, ich habe nicht selten voll Staunen graubärtige Männer über irgendein triviales Wort, das schon meiner frühesten Kindheit als Gemeinplatz galt, sich vor Lachen schütteln sehen. Und wenn ich in jüdische Eltern dringe, lieber einmal Knochen und Muskeln, statt immer nur Nerven und Hirne ihrer Kinder turnen zu lassen, musste ich die Entgegnung hören: Was kann das eintragen? Es kommt vor, dass ich mich beim Thore einer Talmud- Thora, eines Cheders einfinde zur Zeit, wenn eben die vielen Unterrichtsstunden zu Ende gehen, und die Jungen und Mädchen herauekommen. Wenn ich da in den Kindergesichtern die Spuren qualvoller Uebermüdung sehe und auf meine eigene Jugend zurückblicke, die noch nicht so entfern^ hinter mir liegt, dass ich mich nicht ihrer Einzelheiten zu entsinnen vermöchte — dann erfasst mich eine Ahuung davon, auf wieviel Glück und Frohsinn verzichtet werden muss, wo soviel Lernstoff aufgestapelt wird. Und dann kommen die Eltern und benehmen mir allen Muth zu philosophischer Betrachtungsweise, und sie erzählen mir von einer noch härteren Jugend, die sie in einem russischen Ansiedlungsrayon, bei trübem Talglicht in einer galizischen Jammerstube, im Druck rumänischen Judenhasses verbracht haben. Oder sie erzählen von den Unglücklichen, die man mit gleichem Rechte Wunder- und Wauderkind er nennen könnte, Weltreisende über tausende von Meilen : geboren auf einem Schiffe, gewiegt im Eisenbahncoupe, entwöhnt in Amerika, Schule besucht in London, ausgewachsen in Manchester. Ach, ist das echte Kindheit? Nein, in der Kindheit darf nicht Sturm und Drang sein. Warum gibt es in Israel keine echte Kindheit? Weil Israel keinen wirklichen Frieden, kein Gefühl der Ruhe kennt. Die Sache des Juden, der kein Gut sein eigen nennt, ist ganz auf seine Person gestellt, ans Kopf und Hände. Je ausgebildeter diese beiden, desto gesicherter ist seine ökonomische Selbständigkeit. Darum beraubt Vater sein Kind der Kindheit, um ihm dafür etwas wie ein sicheres Mannesalter zu verschaffen. Und unterläuft kein unvorhersehbarer Jrrthnm in der Rechnung, so wird dieses Ziel auch wohl erreicht. Dieser Process führt nothwendig zu physischer E n t a r t r n g, Nervenschwäche, Hirnüberreizung. Die k i n dh e i t s l o s e Rasse trägt den Keim des Leidens in sich. Darf das so fortgehen? Das Heilmittel ist, dem Juden das Gefühl der Sicherheit zu geben und den Frieden. Bringt ihn heim, aber so, dass er sich heimisch fühle. Sagt ihm, dies Stück Erde ist Dein, und er wird seinen Kopf nicht länger martern oder das Hirn seines Kindes überentwickeln wollen. Von da ab wird ihm der Weg des Lebens ein natürlicher, er selber ein natürlicher Mensi^ sein. Betrachtet unsere Massen, wie Ihr wollt, von welchem Standpunkte Ihr wollt: nie und nimmer werdet Ihr das Leben der Massen als ein natürliches und normales erkennen. Zion bedeutet ein normales Heim, das Gelingen des zionistischen Planes einen normalen Zustand. Aus

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