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Die Welt · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-02-03
Page
11 (sequence 1)
Language
German
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Nr. S „Die Welt“ Seite 11 Me Woche. Wien, 1. Februar 1899. Jüngst hat ein neunzigjähriger Mann, ein Wiener, trotzdem er sich in einem Alter befindet, wo der Mensch die vegetarische Anwandlung hat, ins Gras zn beißen, den Besuch von zehn zudringlichen Lebensversicherungs-Agenten empfangen, die im Aufträge ihrer gewinnsüchtigen Gesellschaften mit aGr Gewalt den Neunzigjährigen überreden wollten, sein Leben „versichern" zu lassen. Das kam so: Der Greis lag vor einiger Zeit schwerkrank darnieder, und eines schönen Tages fühlte er sein letztes Ständlein nahen. Freund Tod erschien, wie dies herkömmlich ist, zu Häupten des Krankenlagers und forderte mit einer einladenden Bewegung den Patienten zum Mitgehen auf. Aber der Greis, der noch sehr lebenslustig war, bat inständig um einen kleinen, kleinen Aufschub. Der Tod möge ihm gestatten, bis zur Erledigung einer bestimmten irdischen Angelegenheit noch auf Erden zu bleiben. Freund Heiu, der oft Genarrte und nie Gewitzigte, gewährte dem Greise die Bitte und erkundigte sich, was das für eine Angelegenheit sei. „Die Affaire Dreyfus" antwortete der Patient mit munterer Stimme und sprang rüstig aus dem Bette. Fluchend entfernte sich der um seine Beute betrogene Sensenmann aus der Stube. Der neubelebte Jugendgreis aber, der noch einer unberechenbaren Reihe froher Lebensjahre entgegensieht, kaufte sich noch am nächsten Tage ein Bicycle, während sich zu gleicher Zeit Methusalem, ans Neid über den gefährlichen Concurrenten, im Grabe umdrehte. Seit jener Zeit wimmelt es in der Wohnung des Neunzigjährigen von Lebensversicherungs-Agenten. -t- * * Der Tag, der in der französischen Rechtsfinsternis anbrechen wollte, ist wieder vertagt worden. 'Die Ausrodung des verworrenen Gestrüppes, das um den Fall Dreyfus herum ist, ist wieder ins Unbestimmte verschoben. Als die Strafkammer des Cassationshofes die Revision des Processes in die Hand nahm, durfte man glauben, dass das angekündigte, vielcitierte Mädchen aus der Fremde, die Wahrheit, endlich in Frankreich anlangen werde. Nun hat die Regierung beschlossen, der Strafkammer des Cassationshofes die Untersuchung der Affaire aus der Hand zu nehmen, und die vereinigte Liga der Reaktionäre und Falscher hat somit wieder Spielraum zur exacten Ausführung gelungener Uhlanenstücklein. Es stellt sich heraus, dass die Wahrheit eine Dauergängerin ersten Ranges ist. Wie lange währte ihr Marsch bis zu den Thoren Frankreichs! Und jetzt, wo sie an der Grenze angekommen, wird sie in Quarantäne gehalten. Eintritt verboten. Weil das Land verseucht ist, untersagt man ihr, der Gesunden, den Eintritt. * * * Die Franzosen wollen sich — so geht das Gerücht — das anzügliche Wörtchen „Revanche!", das seit anno 70 tu Frankreich das Tagesgespräch bildet, endgiltig abgewöhnen, und fortan nur auf der Friedensschalmei deutschfreundliche Weisen blasen. Ein Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland soll jenseits des Rheines nicht unerwünscht sein. — Wenn die fatale Gespanntheit, die heute das innige Jneinanderweben der beideit Nationen verhütet, einmal beseitigt ist, dann könnte sich endlich ein ungezwungener Austausch der Gesinnungen und Gefühle über den Rhein hinüber entwickeln. Die antisemitische Liga in Frankreich könnte ohne irgendwelche nationale Bedenken auch Mitglieder aus Deutschland anfnehmen, die „Libre Parole.“ könnte, ohne mit ihrem deutschfeindlichen Leserkreise in Conflict zn kommen, die Leitartikel der antisemitischen „Deutschen Staatsbürgerzeitung" Nachdrucken, Esterhazy, der überall Gehasste und Verfehmte, fände endlich in einem Münchener Antisemitenclnb gastliche Aufnahme, und ein deutscher Antisemit, der sich zufällig wahrend entes Judcnkrawalles in Paris befände, könnte mitten im dichtesten Volksgewühle sein „Nieder mit den Juden!" in deutscher Sprache ausrufen, ohne für seine eigene Person deutschfeindliche Insulten befürchten zu müssen. * * * Im österreichischen Abgeordnetenhause ist unlängst auf den Köpfen mehrerer Volksvertreter eine stattliche Anzahl von Beulen entstanden. Diese Oberflächenvergrößernng menschlicher Schädeldecken gieng in folgender Weise vor sich. Der Correspoudent einer czechischen Zeitung, eine gesprächige, mittheilsame Natur, vergaß auf eine Minute des Gelübdes der Schweigsamkeit, das dem Parlamentsberichterstatter in öffentlicher Sitzung auferlegt ist, und betheiligte sich von der Journalistenloge aus mit einem kurzen Zwischenrufe an der officiellen Unterhaltung der Abgeordneten. Und jetzt ereignete sich etwas Merkwürdiges. Der deutschnationale Abgeordnete Wolf, der ewige Wanderer auf anticzechischem Kriegspfade, wandte sich erregt nach der Journalistenloge — statt aber, wie allgemein erwartet wurde, in Beschimpfungen des Czecheuvolkes auszubrechen, stieß er einige kräftige antisemitische Rufe aus. Der betreffende czechische Berichterstatter ist nämlich auch Jude. Hierauf eilte Wolf in die Journalistenloge, mehrere Abgeordnete folgten ihm, und es entwickelte sich ein Faustkampf, durch den das Aeußere der Theilnehmer die üblichen Veränderungen erlitt. * * 4- Forscher, die sich mit den Regungen des deutschnationalen Seelenlebens beschäftigt haben, mussten öfter im Zweifel sein, was heftiger wäre: der Czechenhass oder der Judenhass der Deutschnationalen. Die geschilderte Scene im Abgeordnetenhause gibt eine ausreichende Antwort. Zwei Gefühle regen sich beim Zwischenrufe des czechischen Juden in der empfindsamen Brust des Abgeordneten Wolf: der Czechenhass und der Judenhass. Aber der letztere ist so stark, dass er den Czechenhass vollständig verdunkelt und allein zum Ausbruch kommt: „Hinaus mit dem Juden!" — In dieser kleinen Scene haben wir ein Zukunftsbild. Der Judenhass wird den Czechenhass überdauern. Er wird sein „Juden hinaus" auch zu einer Zeit rufen, wo die Versöhnung zwischen Czechen und Deutschen dnrchgefnhrt sein wird. -i- * * Das Zeitalter der Recorde hat jüngst in München ein Wettschminken der Friseure geboren, welches ungemein instructiv verlief und anerkennenswerte Resultate zutage förderte. — Unseren Juden, die im Aufträgen der verschiedenfarbigsten nationalen Schminken eine so hervorragende Fertigkeit besitzen, eröffnet sich da ein vielverheißendes Concurrenzgebiet, auf dem bedeutende Leistungen erzielt werden könnten. Wenn die Chamäleonjuden sich an einem solchen Wettbewerbe betheiligten, würde freilich manch burlesker Zwischenfall Vorkommen. Wie leicht könnte es passieren, dass ein Protest- und Wanderrabbi, der im Verlaufe seines Lebens schon den diversesten Nationen angehört hat und die. heterogensten Schminktiegel mit sich führt, sich in der Hitze des Schminkgefechtes vergreift, einen falschen Tiegel erwischt und in alter Gewohnheit die Nuancen irgendeiner unpassenden Tricolore in secessionistischer Manier ans das betreffende Gesicht anfträgt. So ein bedauerlicher, aber erklärlicher Jrrthnm könnte die zerstreuten Concurrenten leicht um die Medaille bringen. Erwin Rosenberger. P Die Kindheit dee Masten. Die Zeit ist nahe, da Israel in zwei Lager sich scheiden wird, nicht etwa Zionisten und Indifferente, sondern Anhänger und Widersacher der zionistischen Bewegung werden einander gegenüberstehen. Zu diesem Zustande treibt uns eine unaufhaltsame Entwicklung. Die Zeit des Ueberganges aber, der fließenden Grenzen will ich benützen, um die Frage, die zwischen uns und jenen liegt, von einem noch neuen Stand-

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