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Die Welt · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Article
Max Nordau in Berlin
Date
1899-02-03
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die H Welt“ Nr. 5 nicht mit ihnen an der Heilung unserer materiellen und moralischen Schäden Mitarbeiten? Es ist vielleicht gut, wenn dies einmal mit möglicher Präcision gesagt wird, und dies zu thun will ich hier versuchen. Der Haupstreitpunkt zwischen den Zionisten und uns liegt darin, dass jene für die Ju d en h e it, wir aber für das Judenthum eintreten sollen. Im Grunde genommen schließt das eine das andere nicht aus, und bei gründlicher Untersuchung der Frage wird man sich sagen müssen, dass das eine ohne das andere geschichtlich unmöglich ist. Indessen liegt es in dem demokratischen und materialistischen Standpunkte, den die Zionisten einnehmen, dass die „Intellektuellen" in dieser Bewegung nicht^ihre ideale Befriedigung finden können. Die Nothlage der Judenheit, namentlich in Osteuropa, ist gewiss unerträglich; aber auch geistige Noch wird bitter empfunden, und wir in Westeuropa beklagen es sehr, dass. das Judenthum hier todt und verwest darniederliegt, ohne dass sich jemand die Mühe nähme, das Tobte wegzuräumen und neues Leben zu schaffen. Wenn wir unsere Solidarität mit der jüdischen Gesammtheit bethätigen wollen, so sind wir gezwungen, den jüdischen Gemeinden anzugehören, die idiotischen Parnassim mit der Vertretung unserer religiösen Interessen zu betrauen, die Predigtenunserer Lohndiener auf der Kanzel anzuhören, unsere Kinder in die Religionsschulen zu schicken, wo sie sich die geistige Bleichsucht hole». Mitunter beneiden wir unsere armen Glaubensgenossen im Osten, die wenigstens wie Juden leben und füllen dürfen, die physisch Fesseln tragen, im Geiste aber frei über die Gefängnisatmosphäre sich erheben können. Trotz der besseren socialen Stellung des westeuropäischen Juden ist er ein Sklave, ja viel schlimmer daran, als ein solcher, da er nicht einmal laul stöhnen, auch nicht im Herzen diese Sklaverei verdammen darf. Von einem Geistessiuge, von einem wissenschaftlichen und kulturellen Leben bei uns tft. keine Spur. Wir haben nur Synagogensteuern, Parnassim, Predigten, Waisenhäuser und Hospitäler und Narren. Es ist so weit gekommen, dass ein Jude mit einem feinen Geruchsorgan die ganze „Kehille" meiden muss. Will daher der Zionismus den Befreiungskampf führen, so muss er aufhören, sich stets des einen Argumentes von der materiellen Nothlage der Juden zu bedienen, wobei die jüdischen Commercienräthe Gelegenheit finden, mit ihrer „großartigen" Wohlthätigkeit zu prahlen. Der Befreiungskampf soll zuerst ein geistiger sein oder doch wenigstens bei den politischen Bestrebungen des Zionismus nicht vernachlässigt werden. Der Zionismus muss das Judenthum der unzufriedenen, d. h. der besseren Juden Zein. Max Nordau hat den modernen Rabbinern mit Recht' den Vorwurf gemacht, dass sie nicht die.Kenntnis des Judenthums und der hebräischen Sprache, der'jüdischen Geschichte und der jüdisch-nationalen Cultur, ja nicht einmal den religiösen Inhalt des Judenthums in der Judenheit zu erhalten sich, bemüht haben. Das geschichtliche Strafgericht ist deshalb an ihnen vollzogen worden, wie ihnen einst der unvergessliche Luzzatto mit prophetischem Blicke vorausgesagt hatte, indem er ihnen die Worte Malachis (2, 9): „Auch ich habe euch verächtlich und niedrig gemacht bei dem ganzen^Volke, so wie Ihr nicht beobachtet meine Wege und die Lehre nach Menschengunst ausleget/' Möge der Zionismus nicht in denselben Fehler verfallen, möge er sich nicht damit begnügen, die große Masse zu gewinnen, vielmehr in erster Reihe darnach trachten, die geistige Belebung des Judenthums herbeizuführen. Dann wird auch der jüdische Stamm zu neuem Leben erwachen. Berlin, im Jänner 1899. W Conferon; -es große« Actio«sromttes. Das engere Actionscomitö erstattete im Verlaufe der in den jüngsten Tagen stattgehabten Conferenz über seine Thötigkeit seit dem zweiten Congresse ausführlichen Bericht mit besonderer Berücksichtigung der polittschen Ereignisse. Die Ansklärungen,'' die der Präsident über die Palästinareise gab, brachten den Mitgliedern des Actionscomites die Ueberzeugnng bei, dass der Empfang der zionistischen Deputation durch den deutschen Kaiser ein großer Erfolg unserer Bewegung, und der eingeschlagene Weg der richtige ist. Ferner wurde über die Organisation und Wahlreform Bericht erstattet, und wurden die Vorlagen mit wenigen Aenderungen angenommen. Demnach werden die Wahlen für den dritten Congress im Sinne der neuen Organisation erfolgen, da keinerlei principielle Aenderungen vorgenvmmen, sondern nur Maßregeln getroffen wurden, welche eine Sicherung der Wahlen gegen etwaige Missbränche und Fälschungen bezwecken. Der Congress soll eine aufrichtige Vertretung der Zionisten sein. Die neue Organisation wird demnächst an dieser Stelle veröffentlicht werden. Die Vertretung der Hundertschaften erscheint darin vollkommen dnrchgeführt. Nebst den Schekelbüchern werden nun auch Spendeubüchel Angeführt. Nur Schekelzahler haben jedoch das Wahlrecht. Die Berathung über die jüdische Colonialbank führte nach der Entgegennahme des Berichtes der Bankcommission zur Genehmigung der Vorlagen. Die Registrierung und Jncorporierung der Bank wurde nach einigen Aenderungen im Prospekte beschlossen. Eine Generalvollmacht zur Unterzeichnung der hierzu nöthigen Urkunden wurde dem Chiefrabbi Dr. Gaster in London ertheilt. Nebst den Herren Wolffsohn (Köln), Heymann (London), Lurie <Pinsk), welche als Mitglieder des vom Congreffe gewählten Bankcomites Bericht erstatteten, waren noch die Herren Schalit (Riga), Sachs (Dwinsk) und Rosenbaum (Jassy) zu den Cvnserenzen zugezogen worden. Das Bankstatut wurde genehmigt. Es wurde auch eine entscheidende Maßregel zur Sicherung der Aktionäre hinzugefügt, indem den Gründershares die Jngerenz auf die Dividendenvertheilung entzogen wurde, so dass die Inhaber der Gründershares nun als Aufsichtsbehörde fungieren. Wir dürfen glauben, dass die Bank wirklich das Institut sein wird, dessen Schaffung zur Verwirklichung unserer Pläne unbedingt nothwendig ist. Infolgedessen glauben wir, die Subscription allen unseren Gesinnungsgenossen umsomehr empfehlen zu können, als sie ja auf dem Wege des Congresses in der Lage sind, eine strenge Controle über die Bank ausznüben. Als Subscriptionstermin wurden der 28., 29. und 30. März festgesetzt. An diesen Tagen wird die Subscription i« der ganzen Welt erfolgen. Wir fordern aber schon jetzt all« unsere Gesinnungsgenossen auf, in der nachdrücklichsten Weise zu agitieren. Das ist einer der entscheidendsten Momente unserer Bewegung. Ueber die Thäügkeit der Culturcommission erstattete der Referent Herr Dr. Kahn Bericht. In der Discussion machte sich die Anschauung geltend, dass man die Aufgaben dieser Commiffon näher definieren müsse. Es wurde festgesetzt, dass diese Aufgaben sich vorläufig ans die Pflege der hebräischer! Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur beschränken. Endlich wurde im Hinblick auf die heuer früh eintretenden jüdischen Feiertage bestimmt, dass der Congress am 1b. August eröffnet werden solle. Congressort Basel. W

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