Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Article
- Macedonien
- Date
- 1899-02-03
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 „Die & Weit“ ^r* & großen Provinzen mit Waffengewalt vertheidigen zu müssen. Zwar ist sie noch stark genug, um einen Aufstand in Makedonien niederzuschlagen, auch wenn demselben von Bulgarien Succurs geleistet werden sollte; aber man muss gewärtigen, dass im entscheidenden Momente Europa der Türkei in den Arm fallen und nach dem alten und erprobten Recepte ihr die Ertheilung der Autonomie an Macedonien abnöthigen würde, was bekanntlich nichts mehr und nichts weniger zu bedeuten hat, als dass der erste und ausschlaggebende Schritt zur Abknüpfung gethan ist. Dieser Hergang vollzieht sich mit einer unheimlichen Regelmäßigkeit in jedem neuen Falle. Früher hatte man für ihn das diplomatische Gleichniswort, dass die Türkei Blatt für Blatt wie eine Artischocke aufgespeist werde; jetzt wird die Sache ganz unbildlich und ohne Vorschreibung verrichtet. Die bulgarischen Agitatoren, welche Macedonien unterrichten, wissen sehr gut, wie der Schmaus endet, und alle russischen Warnungen, wie jetzt erst die des Petersburger „Regierungsboten", hindern nicht, dass in wenigen Tagen (am 3. Februar) das macedonische Comite in Genf Zusammentritt, um seine Agitation auf den Boden der europäischen Diplomatie zu verschlagen. Russland mahnt dringend ab, Oesterreich thut desgleichen, doch das ist nur der Beschwörungsspruch vor dem Feuer. Schlägt die Flamme in die Höhe, so muss gelöscht werden, und nach den bisherigen Erfahrungen geschieht dies in der Weise, dass die Spritzen über das brennende Object hinaus die türkische Souveränität zum Ziele nehmen. Was man dann so Autonomie oder Erhaltung des Status quo nennt, ist ein kurzlebiger diplomatischer Mummenschanz, denn wie auf das A das B, so folgt auf die Autonomie die Expropriation. Wenn man in Constantinopel sich nicht schon allzu sehr in die Rolle des Dachdeckers hineingefunden hat, der, vom Dache herunterstürzend, sagt: „Cela va bien, pardon que ca dure'Y so muss man endlich zu der Einsicht kommen, dass die Zukunftsbürgschaften der Türkei nicht in Europa, sondern in Asien liegen. Dort braucht die Türkei nicht von der Gnade oder dem Zwiespalte der europäischen Mächte zu leben, dort kann sie aus eigener Kraft, selbst als gewaltige Macht bestehen. Wenn sie in Asien sich 'zusammensasst und modern cioilisiert, so braucht sie nicht mit Europa zu rechnen, sondern Europa muss mit ihr rechnen. Der rechte Weg dazu-ist ihr gewiesen; zwei aufrichtige und uneigennützige Helfer bieten sich ihr an. Der mächtige deutsche Kaiser hat ihr durch - die Palästinareise gezeigt, worin sie ihr Heil zu suchen habe, und der Zionismus ist bereit, eine ihrer Provinzen zu civilisieren, sie wirtschaftlich und kulturell zur Musterprovinz für alle übrigen zu erheben. Es ist diesmal wirklich eine providentielle Fügung, dass jüdischer Sehnsuchtsdrang, nach der Heimat strebend, nicht bloß dem Rettungswerk an der Türkei zustatten kommen, sondern die Geburtsstätte der europäischen Religionen der gesammten Civilisation zurückgewinnen kann. Dass der Türkei noch sehr traurige Erfahrungen mit Armeniern, Griechen, Slaven Vorbehalten sind, verhehlt man sich gewiss auch in Constantinopel nicht; in Palästina aber ist fester Ankergrund. Dort kann das türkische Staatsschiff sich in Sicherheit für künftige Stürme rüsten, wenn der Zionismus die erforderlichen Bedingungen schafft. Der Zionismus ist keine Rajah; indem er sich selbst die Lebensquellen erschließt, kann er auch ein Fundament legen für eine in modernem Sinne erneuerte türkische Staatsexistenz, die dann erst auch die Bürgschaften des Weltfriedens vermehren wird, während sie jetzt als Beuteobject diplomatischer und nationaler Begierden ihn gefährdet. U Strömungen im Iudenthmn. Bon Dr. Max Nord««.*) B o r tr ag, g e h alt e n im großenMusikvereinssaale in Wien. (Der Redner wird mit stürmischem, langanhaltendem Beifall begrüßt): Meine Damen, meine Herren! Es widerfährt uns oft, dass wir von Wissbegierigen, meist Christen, gefragt werden: „Was will der Zionismus?" Wir antworten: „Für diejenigen, in beiden Welten verstreuten Juden, die in ihrer Volksumgebung nicht aufgehen können oder nicht aufgehen wollen, und die darunter leiden, dass sie von ihren Landgenossen an Glauben und Art verschieden sind, will der Zionismus eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina schaffen, wo sie sich individuell und national ausleben können." Wir sehen dann häufig, wie die Frager den Kopf schütteln und erwidern: „Von dem amtlichen Judenthume, den Rabbinern und Gemeindevorstehern, werden Sie verleugnet, von den reichen, den gesellschaftlich angesehenen Juden werden Sie bekämpft. Selbst unter den armen Juden sehen wir noch nicht den großen, allgemeinen Zug zu Ihnen hin. Wo sind denn also die zionistischen Juden, für welche Juden arbeiten Sie eigentlich? Für welche Juden arbeiten wir eigentlich? Das ist eine Frage, die wir uns in Stunden bangen Zweifels selbst vorlegen. Eine Antwort finden wir sofort, die uns beruhigt und aufrichtet : wir arbeiten für uns selbst. Wir haben ein Ideal und bekennen uns stolz dazu. Wir haben ein Lebensziel und schreiten zuversichtlich darauf los. Wir haben mit der überlieferten leidenden Haltung unseres Stammes gebrochen und uns entschlossen, mit Anspannung aller unserer Kräfte unser Erdenschicksal selbst zu schmieden. Das Endergebnis mag sein, welches es wolle, wir spüren schon jetzt an uns den Segen der That. Wir fühlen, dass wir der Nacht den Rücken wenden und dem Lichte entgegengehen. Das Morgenroth der Zukunft bestrahlt unsere Stirn. Wir haben in der Bethätigung unseres Willens zu menschenwürdigem Dasein Selbstachtung gewonnen und schöpfen aus dieser Selbstachtung das Recht und die Kraft, die Verachtung anderer — vorausgesetzt, dass es überhaupt noch jemand geben sollte, der uns, die lauten, offenen Bekenner des Zionismus, zu verachten heuchelt — als einfache Dummheit zu belächeln. Diese Gehobenheit in unseren eigenen Augen, diese sittliche Befriedigung über unsere Diensttreue gegen unseren kategorischen Imperativ gewährt uns seelische Genugthuungen, die freilich jenseit des Begriffsvermögens unserer persönlichen Feinde Und Verleumder liegen, die in ihren eigenen schmutzigen Sclaven- und Hundeseelen nach möglichen Beweggründen unseres Thuns suchen und in solchen Schlammpfützen natürlich nichts Reinlicheres finden können als Eitelkeit. Die maßgebenden christlichen Kreise, diejenigen, an deren Meinung uns liegen muss, wissen von den inneren ^Verhältnissen des Judenthnms nichts oder so gut wie nichts. Die einzigen Juden, die sie kennen und mit denen sie umgehen, sind die großen Finanzjuden. Theils drängen sich diese unter sie ein, theils ziehen die christlichen Kreise sie mit habsüchtigen Hintergedanken zu sich heran. Im jüdischen Millionär erblickt der Christ, selbst der geistig vornehme Christ, gleichsam die Blüte des jüdischen Stammes, die ideale Verkörperung seiner Eigenschaften. Und er muß glauben, dass das. jüdische Volk selbst seine Anschauung theilt, denn er findet den jüdischen Millionär nicht bloß an der Spitze des Verwaltungsrathes der Banken und Actiengesellschaften, er findet ihn auch an der Spitze der Genieinden und aller jüdischen Organisationen. Das jüdische Volk scheint durch seine freie Wahl die Auffassung des Christen zu bestätigen, dass der jüdische Millionär, mit dem er verkehrt, der Vertrauensmann und berufene Wortführer des jüdischen Volkes ist. Der Staatsmann, der Aristokrat, der hohe *) Aus Raumrücksichten müssen wir uns darauf beschränken, nur die Lauvtstücke dieser bedeutenden Rede wiederzugeoen. Anm. d. Red.