Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Article
- Lieder eines Juden
- Date
- 1899-01-27
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
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Sette 16 jto$w<r Rr. 4 f tn i 11 r I mi. Lieder eines Inden. Von Theodor Zlocisti. Wandlung. Und Frühling und Blumen Und Sonnenpracht, Sie sanken für immer Mir in schwarze Nacht. Und seliger Liebe Beseelender Traum, Einst schwelgte ich drinnen. Jetzt kenn' ich sie kaum. Und alle die Wonnen Der Jugendzeit, Sie hat mir gemordet Das jüdische Leid . . . Ju meiner Seele starb bas Lachen. Seit ich dich, armes Judenweib, geschaut. Dein Auge müde sah von ewigem Wachen, Erdröhnt in mir ein Todtenglockenlaut: Ich glaub' . . in meiner Seele starb das Lachen . . Was an mein Ohr je schlug an Melodei'n, An Waldesrauschen und an Liebestönen . . Es blieb in mir ein dumpfer Klang allein, Dein leises Weinen, Judenweib, und Stöhnen. Ich kann mich letzen nimmermehr an Berg und Wald, An Felsenriff und sonnumgoss'nen Gründen . . Denn deine gramvoll matte Leidgestalt Sie will mir nicht mehr aus den Blicken schwinden. Seit ich dich, armes Judenweib, geschaut. Dein Auge müde sah von ew'gem Wachen, Erdröhnt in mir ein Todtenglockenlaut . . Ich glaub' . . in meiner Seele starb das Lachen . Heilmittel. Ihr wollt mit Pillen und Wässern Und sonstigem gelehrten Kram Mein Seelenleid en bessern; Und wisst nicht . . woher es kam! . . Mich bringen Eure chemischen Sachen Nur immer mehr auf den Hund. Lehrt mich erst wieder lacken! . . Dann bin ich wieder gesund. („Jsr. Familieirbl.") P Unsere Ualästinafahrt. Von Dr. I. Bodenheimer. VII. Im heiligen Lande. Wie ein Traum lag die weite Reise hinter uns, reich an merkwürdigen Ereignissen, als wir uns dem Hafen von Jaffa näherten. Auf unserem Schiffe herrschte die ganze Nacht hindurch eine außergewöhnliche Erregung. Ob es wohl die übergroße Hitze war, welche uns in den Cabmen keine Rüde finden ließ, oder ob die hochgespannte Erwartung, endlich unser ersehntes Ziel, das Land unserer Väter zu betreten, unser Blut in so lebhafte Wallung versetzte? Aber nicht nur unsere kleine Gruppe hatte diese Erregung erfasst, sondern fast die ganze Schiffsgesellschaft blieb bis spät in die Nacht hinein auf Deck, und noch ehe der Morgen graute, saßen schon zahlreiche Gruppen unter dem Zeltdache beisammen, den Blick nach Osten gerichtet, wo der erste purpurne Schein der aufsteigenden Sonne die Stelle bezeichnen musste, der wir zustrebten. Bald strahlte das helle Morgenlicht über die spiegelglatt sich ausdehnende See. Endlich sah man in weiter Ferne einen gelblich schimmernden Streifen sich am Horizont abzeichnen — das heilige Land. Dutzende von Händen bezeichneten die Richtung, wo man in unbestimnrten Umrissen die Häuser von Jaffa austauchen sah. Koffer und Gepäckstücke wurden rasch aufgestapelt. Lebhaft liefen u lsere arabischen Freunde aus Damaskus, die russischen Pilger und die jüdischen Passagiere des Zwischendecks durcheinander, nach dem Laude ausschauend, das ihnen.allen heilig ist. Einige Schiffe lagen auf der Rhede, schroff aufragende schwarze Klippen sperrten den Eingang zum Hafen ab. Wiederum drängen sich Dutzende von Booten unter lautem Geschrei heran, Reisende und Gepäckstücke werden in wilder Wuth hin- und hergezerrt, bis sich der Bootsmann mit raschem, energischem Zugriff des einen oderanderen bemächtigt und die mühsam errungene Beute rasch von dannen rudert, unbekümmert um den Protest des Reisenden, dessen Gepäck sich noch auf dem Schiff befindet, und um den Lärm von anderen, die auf dem Schiffe zurückgeblieben und deren Koffer auf dem davonrudernden Boote liegen. Während dieses Getümmels wogten in uns Empfindungen der verschiedensten Art. Hier dieses schmucke, freundliche Städtchen, dessen Häuser sich amphitheatralisch am Ufer emporbauten, war das alte Joppe, ehedem eine der fünf Residenzen der Philislerkönige, später der Haupthafen des jüdischen Reiches; von hier trat der Prophet Jona seine berühmte Reise an, über welche die Bibel berichtet. Dort hinten der blaue Streifen deutete die Umrisse des Gebirges Juda und Ephraim an, auf deren Boden sich die Geschicke des jüdischen Volkes entschieden, und die weite Ebene nord- und südwärts von Jaffa, die sich endlos ausdehnt, ist die im Alterthum wegen ihrer Fruchtbarkeit berühmte Ebene von Saron. Heute ist erst ein kleiner Theil derselben rings um die Stadt Jaffa der alten Fülle wiedergegeben, darüber hinaus dehnt sich einsam und öde die weite, unbebaute Fläche. Das Gefühl frommer Erwartung erfasste uns. Was wird das Land unserer Väter uns bringen, die wir so oft in heißer Sehnsucht nach diesem Boden strebten, den wir jetzt betreten sollten? Werden sich die Hoffnungen unserer Brüder erfüllen? Wird dieser Boden einst wieder der unserige sein? Ein deutscher Pfarrer, der einer kleinen Gemeinde in Südafrika Vorstand und seiner Rührung kaum Herr werden konnte, über das Glück, das Land zu sehen, dessen Berge, Flüsse und Städte ihm so bekannt waren wie die seines kleinen deutschen Heimatlandes, fragte einen von uns, welcher Nation er angehöre? Wer von uns hätte im Anblick von Erez Israel seinen Stamm verleugnen wollen? „Ich bin ein Jude," war die stolze Antwort. In freudiger Aufwallung schüttelte der biedere Pfarrer dem Gefragten kräftig die Rechte. „Dann beneide nh Sie um das Hochgefühl, dem Volke anzugehören, das uns die Bibel gegeben hat. Welche große Freude muss es für Sie sein, den Boden zu betreten, wo Ihre Könige und Propheten gelebt und gewirkt haben!" Unsere Empfindungen waren aber keineswegs ungetrübt, wenn wir die rumänische Jüdin ansahen,' welche zusammengekauert mit trostlosem Blick auf dem Bündel ihrer armseligen Habe saß. Bald waren wir zu einem Dutzend mit unserem Gepäck in ein kleines Boot gepackt, das vom Schiffe abstieß. In seltener Ruhe glättete sich das Meer. Und die Einfahrt in den Hafen vollzog sich m dem Gefühle behaglicher Sicherheit. In eigentümlicher Weise erscholl tactmäßig das Ruderlied der Bootsleute, dieselben Worte fast monoton in Ruf und Gegenruf wiederholend. Eine bunte Menge drängte sich an der neuerbauten Landungsbrücke. Bemalte Flaggenmasten mit deutschen und türkischen Fahnen erhoben sich allenthalben. Die Häuser waren festlich geschmückt. Türkische und deutsche Polizeibeamte übten eine strenge Passcontrole. Durch die Liebenswürdigkeit des Vertreters vom deutschen Cousulate gelangten wir jedoch ohne Schwierigkeit an Land. In den engen Straßen drängte sich das Volk, vor dem Zvllgebäude wurden lange Reihen von Kameelen mit den Gepäckstücken beladen. Herr S. aus der Colonie Ein Setliim erwartete uns am Ausgangsthore. Freudige Erregung strahlte uns aus seinen blauen Augen entgegen. Derselbe geleitete uns nach dem Hotel Kaminitz, wo wir in dem geräumigen, sauberen, wenn auch nicht nach europäischen Begriffen comfortablen Hotel, eine freundliche Aufnahme fanden. Herausgeber: P. Naphsner. Berantw. Red.: Ar.Siegm. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIII., Schlöffelg. 11.