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Die Welt · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Article
[Kommentar] / B.
Date
1899-01-27
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 FlrHNle Seite Bahnen gebaut. Eine wurde schon dem Verkehre übergeben. Die Produetionsfähigkeit der Landschaft ist sehr groß. 1872—1883 sind jährlich 100.00Ö—12o.OOO Tonnen Getreide ausgeführt worden. Der Ertrag ist doppelt so groß. Zur Wahrung der Sicherheit im Lande hat die Regierung viel gethan. Auch die Verwaltung ist eine bessere geworden. Besonders vorteilhaft war der in neuester Zeit erfolgte Ankauf großer Ländereien durch israelitische Ansiedler, die hier europäische Bewirtschaftung eingeführt haben. Ende der. 80er Jahre zählte man in Hauran 00.000 Einwohner in 230 Orten. Das ergibt eine Volksdichte von 12 Köpfen auf den Quadratkilometer. Die Entwicklung des Landes schreitet immer zum Besseren fort, das Land wird die alte Eulturblüte bald wieder erringen. Heft 23 von Kürschners „Aus fremden Zungen" bringt eine Studie über die Entwicklung der neuhebräischen Literatur. Als Probe bringt das Heft eine Novelle „Heimgang" von B. Segel. In dem Decemberheft der „Bibliotheca Warczawska“, einer der vornehmsten polnischen Zeitschriften, finden wir eine sehr ernste und sachliche Auseinandersetzung der galizischen Zustände, mit besonderer Berücksichtigung der Juden. Aus dem reichhaltigen statistischen Material, welches der Verfasser als „Grundlage für eine objective Beurtheilung" der jüdischen Verhältnisse zusammengestellt hat, wollen wir Folgendes herausheben : „Die Bertheilung der Juden in Galizien ist eine sehr ungleiche. Am zahlreichsten wohnen sie in den größeren Städten, und diejenigen Bezirke, in denen diese Slädte liegen, weisen denn auch einen größeren Percentsatz der jüdischen Bevölkerung auf. In 21 Städten (auf 93) machen sie mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus, ebenso in ii 1 kleineren Städten (aus 221). Der Landesstreisen längs der östlichen Grenze, somit . . . das früher Wolhynien und Podolien, ist derjenige Theil, in welchem die Juden sowohl in den städtischen wie in den Landgemeinden am zahlreichsten sind." In Westgalizien dagegen ist der Percentsatz der Juden unverhältnismäßig geringer. Zu den Erwerbsverhältnissen übergehend, bemerkt der Verfasser unter anderem: „Außer den größeren Gutsbesitzern und Gutspachtern — das Tabulareigenthum der Juden beträgt im Verhältnis zum Ganzen 11*01"/o — lebt die übrige jüdische Bevölkerung auf dem Lande und in den Städtchen vorwiegend vom Ausschank und von Krämerei, von Mauthpacht'und Kuhpacht, oon der Vermittlung der verschiedensten Interessen und Dienstleistungen. . endlich von Ereditgeschäften, die sie größtentheils neben den angeführten Beschäftigungen betreibt, seltener als ausschließliches Interesse . . . Im allgemeinen ist die Zahl der Bevölkerung, welche Ernährung sucht durch Handel, Ereditgeschäfte und Vermittlung, viel größer als in änderen Ländern, und beiweitem größer als die Zahl der Bevölkerung, welche unter normalen Bedingungen von diesen Beschäftigungen leben konnte.... Fast ein jeder neunte Mensch in Galizien rst ein Jude; er befasst sich mit Handel, Ereditgeschäften und mit Vermittlung; das ist aber unmöglich, dass acht oder neun andere Einwohner eine genügende Grundlage abgäben für die Ernährung eines Händlers, eines Wucherers oder Vermittlers. Diese Grundlage ist unter normalen Bedingungen entschieden zu schwach, und ein großer Theil der heutigen jüdischen Bevölkerung Galiziens tonnte sich nicht ernähret! und erhalten, wenn er in seiner Erwerbsthätigteit nicht zu oft und zu weit über die Grenzen des normalen redlichen Verdienstes hinausgienge . . ." Uebrigens bemerkt der Verfasser, dass der unehrliche Gewinn in letzter Zeit sich sehr verringere durch die energische wirtschaftliche Agitation seitens der Ehrnsten. Die Vorschläge, durch Vermehrung der industriellen Erwerbsquellen, wie Anlegung von Fabriken u. s. w. die Lage der Juden zu verbessern, sind sicherlich wohlgemeint, dürften aber kaum in fruchtbarer Weise sich realisieren lassen. Endlich weist der Verfasser auf die Rothwendigkeit hin, auch die ethische Seite im Judenthum zu heben. 9hm, es ist ja dieses eben die doppelte Aufgabe des Zionismus, dass das jüdische Volk dem Körper und dem Geiste nach gesunde — auf eigenem Boden. B. Vücherwett. Die Haggadah von Sarajevo. Eine spanisch - jüdische Bilderhandschrift des Mittelalters. Bon D av. H ein r. Müller und Julius v. Schlosser. 2 Bände. Wien, Alfred H ö l d e r, 1808. Eine Geschichte der jüdischen Handschriftenillustration ist noch nicht geschrieben. Ob auch dank der bewunderungswürdigen Entwicklung der jüdischen Bibliographie die verschiedenartigsten hebräischen Schriftproben zutage gefördert wurden, so ist doch die Erkenntnis der künstlerischen Ausschmückung der Handschriften dabei leer ausgegangen. Die Kataloge beschränken sich in kunstgeschichtlicher Hmsicht auf die dürftigsten, unbrauchbarsten Angaben, wenn sie nicht vollends an diesem wichtigen Theile der Bücherbeschreibung mit Stillschweigen Vorübergehen. Ein Vorurtheil hat die Vernachlässigung dieses Kunstgebietes noch begünstigt — die überall verbreitete Vorstellung, dass die Nachbildung von alledem, was „im Himmel oben und auf der Erde unten" ist, im Judenthum als retigiousgesetzlich verboten gilt. Diese falsche Auslegung der zehn Gebote glaubte, wie Prof. Kaufmann in der das Werk beschließenden Abhandlung „Zur Geschichte der jüdischen Handschriften - Illustration" treffend bemerkt, statt von den Thatsächen sich eines Besseren belehren zu lassen, das Buch zuschlagen, und von allem, was jüdische Kunstthätigkeit im Laufe der Zeiten denn doch hervorgebracht haben mochte, von vornherein absehen zu dürfen. Weil es angeblich bei den Juden keine Bilder geben sollte, darum gab es keine. In diesem circulus vitiosus bewegte sich die kunstgeschichtliche Anschauung lange genug, um das Fehlen dieses ganzen Capitels in ihren Lehrbüchern erklärlich zu machen. „I nWahrheit aber stand der künstlerischen und besonders der aller Anbetung entrückten Nachbildung der Dinge ouf d er Flächenach jüdischen Begriffen nienrals etwas im Wege." Hatten doch selbst die bedenklicheren und oft genug bekämpften körperlichen, plastischen Darstellungen in Thier- und Pflanzenornamenten auf den Werken der Stickerei, der Gold- und Silberschmiedekunst zum Schmucke des Gottesdienstes ihren Weg in die Synagoge gefunden. Wie hätten da die religionsgesetzlich völlig bedenkenfreien Schöpfungen der Zeichenkunst und Malerei jemals einem ernstlichen Widerstande begegnen sollen? Weit entfernt, der Ausbreitung der Maleri in den Handschriften Hindernisse in den Weg zu legen, besaß die Synagoge sogar in gewissem Sinne den Mutterboden, der für die Aufnahme und Förderung dieses Kunsthandwerkes die natürlichste Eignung hatte, in der unter dem Schutze des Neligionsgesetzes arbeitenden Zunft der Soferim. Einen schönen Anlauf zur Ausfüllung der gekennzeichneten knnstgeschichtlichen Lücke haben die Herren Pros. David Heinrich Müller und Julius v. Schlosser, Eustos am k. k. kunsthistorischen Hofmuseum, in der vorliegenden, prächtig ausgestatteten Publication, die in einen Textband und einen Tafelband zerfällt, genommen. Sie haben sich nicht auf die merkwürdige Bilderhandschrift des Landesmuseums in Sarajevo, die älteste und reichste unter den ihnen bekannt gewordenen, beschränkt, sondern ihre Untersuchung auch auf andere Denkmäler der mittelalterlichen Haggadah-Jllustration, die Bilderhaggaden des Lritlsd Museum, welche sie allerdings nicht selbst eingesehen haben, der Nationalbibliothekin Paris, des germanischen 9iationalmuseums zu Nürnberg, des Earl of Crawford and Balcarres in London, des Baron Edmund v. Rothschild und des Prof. K a u f m an n in Budapest, ausgedehnt. Dieser Untersuchung reiht sich eine fesselnde Studie, „Der Bilderschmuck der Haggadah", an, in welcher Julius v. S ch i o sser, soweit dies gegenwärtig bei der Lückenhaftigkeit des vorliegenden Materiales möglich ist, zeigt, dass die Stellung der Juden namentlich zur bildenden Kunst des Mittelalters mannigfache cnlturgeschichtliche Perspectiven eröffnet, und dass die Art, wie sie sich mit dem durch die christlichen Rationen entwickelten Typenschatze abgefunden haben, auch für die Formengeschichte der mittelalterlichen Kunst nicht ohne Interesse ist. Er macht mit vollem Rechte geltend, dass die Juden das constanteste und dennoch beweglichste Volk der Geschichte sind, und dass diese zwei gegensätzlichen Merkmale, das zähe Festhalten der ursprünglichen Eigenthümlichkeit und dabei die Gewandtheit, sich auch der entferntesten Bolksthümlichkeit zu assimilieren, ihre ohne Beispiel dastehende Stellung innerhalb der abendländischen Cultur erklären. Die hohe Anpassungsfähigkeit der Juden ist wohlbekannt. So haben sie in ihrem curiosen Judeudeutsch nicht nur die Stoffe der deutschen Volksbücher, sondern auch die Tristan- und Artassage u. s. w. sich angeeignet. Hildebrand erwähnt in den Abhandlungen der Berliner Akademie über die „romantische und Bolksliteratur der Juden in jüdisch-deutscher Sprache" (1854) einen Baseler Druck in hebräischen Lettern aus dem Anfänge des 16. Jahrhunderts, welcher eine dichterische Bearbeitung der Bücher Sannt el i's in Nibelungenstrophen, anscheinend in das 14. Jahrhundert zurückreichend, enthält. So nahmen die Juden schon im Mittelalter lebhaften Antheil an der abendländischen Cultur, freilich in mehr anempfindender, als frei schaffender Weise; namentlich die deutschen Juden haben Sitte und Sprache ihrer Adoptivheimat, wenn auch mannigfach entstellt, bis in den fernsten Osten, bis an die Wasser Babylons, an denen einst ihre Urväter saßen und weinten, getragen. Dieser merkwürdigen Beweglichkeit und Regsamkeit steht aber als Gegengewicht nn unvergleichliches Beharrungsvermögen gegenüber. Sie haben die Formen vergangener Tage treu gehütet, als die Völker um sie herum längst zu neuen Bildungen fortgeschritten waren. Aber auch hier bethätigt sich wieder die eigenthümliche Geschmeidigkeit ihres eben darum so widerstandsfähigen Wesens. Wiederhallt doch z. B. in den Gesängen der spanischen Juden die seltsame arabische Musik, während die deutschen Juden in Weisen singen, die eine Verwandtschaft mit dem Gregorianischen Choral bekunden und, wie Ambros in der „Geschichte der Musik" sagt, „mitunter erhaben heißen dürften, wenn der Vortrag ruhiger, weniger bunt wäre". 8.

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