Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Article
- Petersburg
- Date
- 1899-01-27
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4 jM&m Seite 13 Nach ergreifenden Gedenkreden der Herren Rabbinowitz, Redacteurs des „Harneliz", und Dr. Eisenstadt entwarf Herr Nissen bäum ein Bild von der Entwicklung der palästinensischen Bewegung, schilderte sodann das Leben und die Ideale des Prof. Schapira und des Rabbi Mohilewer, dessen Privatseeretär er gewesen, und schloss mit einem Appell, die Bestrebungen der großen Verblichenen fortzusetzen. England. London. Das East End, unser Sorgenkind seit soviel Jahren, gibt uns wieder ein hartes Problem zu lösen, und diesmal ist es nicht materielle oder moralische Noth, die an unsere Hilfsbereitschaft Anforderungen stellt, sondern es ist die Noth, in welche jene armen Eingewanderten die Ehre des jüdischen Namens bringen. Wir beeilen uns, hinzuzufügen: Ganz ohne ihr Verschulden. Es handelt sich darum, dass die Eastender, wenn sie ihre Streitsachen vor den englischen Richter bringen, der Justiz ihres Adoptiv - Vaterlandes uichtgewöhnliche Beschwerden bereiten. Den Jargon mit einem guten Englisch zu vertauschen, erfordert mehr Lernflunden, als in der Muß.'- zeit eines hartringenden Eastender Daseinskämpfers enthalten sind, und die Folge davon ist, dass die ehrenwerten Züchter kaum verstehen, was die Parteien Vorbringen. Umgekehrt, reichen die englischen Sprachkenutnisse und die Vertrautheit mit bnt Gerichtsformalitäten bei den Easteudern nicht so weit, dass sie den Verhandlungen mit vollem Verständnis folgen könnten. Daraus entstehen Missverständnisse, Verschleppungen, ja sogar Eidesleistungen, deren Inhalt und Tragweite den Parteien nicht bewusst wird. Die Reporter der christlichen Blätter, die das äußere Bild einer solchen Gerichtsverhandlung festhalten, behandeln die Sache von der unleugbar vorhandenen komischen Seite, hie und da aber wird auch von gewohnheitsmäßigem Meineid erzählt. Wer dabei zu Schaden kommt, ist nicht nur die jüdische Partei, die von dem überbürdeten und geärgerten englischen Richter recht unglimpflich behandelt wird, sondern tu erster Reihe d i e jüdische Ehre. Und doch liegt das Heilmittel auf der Hand, wenn auch seine Einführung anfangs Schwierigkeiten begegnen müsste. Der „Jewisli World*4 macht den Vorschlag, die altjüdischen B e t h - d i gewissermaßen zur Gerichts Hilfe heranzuziehen. Beim Beth-din, das der Eastender Jude respektiert, weil er seine Formalitäten kennt und gewiss ist, verstanden zu werden, käme die Justiz gewiss nicht zu kurz. Und wenn es wahr ist, dass in England eine gute Justiz über alles geschätzt wird, so dürfte dieser Plan einer gerechten Erwägung wert befunden werden. Amerika. New-Nvrk. In einer hiesigen Correspondenz wird dem „Hameliz" geschrieben: Großes Aufsehen in der amerikanischen Tagespresse erregte eine in Boston von Rev. Dr. L a rim e r in einer der größten Kirchen New-Euglands kürzlich gehaltene Rede über das Thema: „Was ist die Welt dem Judenthume schuldig?" Nach einem kurzgefassten Ueberblick über die jüdische Leidensgeschichte seit der zweiten Diaspora schilderte der ehrwürdige Geistliche die Nothlage der Juden in den verschiedenen Ländern, auch in neuerer Zeit. „Spanien — rief der Prediger begeistert aus — ist gesunken, es musste sinken, schon deshalb, weil es die Juden ausgetrieben hat. Es wird ein Tag kommen, wo all die Völker, welche jetzt die Juden so grausam behandeln und verfolgen, ihre Thaten bereuen werden. In dem Momente, wo der Präsident der französischen Republik der unglücklichen Frau Dreyfus die Erlaubnis verweigerte, ihrem unschuldig verfolgten Gatten die Revision seines Processes mitzutheilen, in diesem Momente hat die französische Nation eine Todsünde begangen." Der Redner besprach hierauf die Verdienste der Juden in der Gedanken- und Culturwelt und kam sodann auf den Zionismus und den Baseler Congress zu sprechen. „Es ist Zeit — rief er — dass die Juden in ihre alte Heimat zurückkehren. Ich glaube fest und unerschütterlich daran, dass dieser Gedanke verwirklicht werden wird, wenn ich mir auch nicht klar bewusst bin, wie das Zustandekommen wird. Wir stehen ja heute an der Schwelle wunderbarer Ereignisse: All die vorgeschobenen Riegel und die eisensesten Thore, die den Inden jetzt geschlossen sind, werden sich, wie ich fest überzeugt bur. aufthun, und die Juden werden in ihren einstigen Glanz und ihre historische Herrlichkeit wieder heimkehren, um wie einst der Welt und den Völkern voranzuleuchten. Wer an die Liebe und den Fortschritt der Menschheit glaubt, hat die Pflicht, dem Judenhasse mit kräftiger Hand ein Ziel zu setzen und dem jüdischen Volke, dem ersten und — letzten Cultnrvolke, seine Liebe und Hochachtung zu beweisen!" B. AHnir. In Tunis starb im 85. Lebensjahre der Oberrabbiner Elias Burgel. Die dortige Gemeinde hat durch den Heimgang ihres geistlichen Oberhirten einen unersetzlichen Verlust erlitten, indem der Verstorbene nicht nur ein durch hohe Gelehrsamkeit ausgezeichneter Mensch war, sondern es auch verstanden hat, in dem durch Gegensätze verschiedenster Art zerütteten Gemeindewesen einigermaßen Ordnung zu halten. Er war auch oberster Gerichtsbeamter in Eivilproeess-Streitigkeiten und in welch hoher Achtung er bei den Landesbehörden gestanden, zeigte sich bei seinem Begräbnisse, dem die höchsten Staatsbeamten in corpore beiwohnten und während dessen Handel und Verkehr ruhten. * Eine Nachricht von allgemeinem Interesse kommt aus den: Elsaß. In Golmar und Mülhausen hat man damit begonnen, das zu schachtende Vieh vor dem rituellen Act vermittelst Nöntgenstrahlen auf die Gesundheit der verschiedenen, in Frage kommenden inneren Theile zu untersuchen, um es dadurch zu ermöglichen, dass nur solches Vieh geschächtet wird, das mit einiger Voraussicht koscher ist. Das wäre nun allerdings ein bedeutender Fortschritt und eine finanzielle Errungenschaft für alle Beiheiligten. Hoffentlich handelt es sich dabei um keinen Faschings- oder verfrühten Aprilscherz, wie seinerzeit bei der Schlichtmaschine in dem Schweizer Städtchen St. Croix. In Sidney (Australien) sah sich jüngst ein Rabbiner genöthigt, die Damen daran zu erinnern, dass man das Gebetbuch nicht mit in das Gotteshaus nehme, nur um den schönen Einband mit Silber- oder Goldbeschlag zu zeigen, sondern auch, um daraus zu beten. Es hatten nämlich viele Damen ihm erktärr, dass es ihnen unmöglich wäre, den Prediger zu hören und zu verstehen wegen des in ihrer Umgebung herrschenden Dranges nach Neuigkeiten, und dass sie es vorzögen, zuhause ihre Andacht zu verrichten. — Ob das nicht auch der Fall ist — anderswo? * F a m i l i e n - P o t p ou r r i. Lady Mexborough, die letzte Woche starb, stammte von Juden, starb aber als Römisch-katholische Eh ristin; ihr Stiefsohn, Lord Pollington, ist Buddhist. Dazu bemerkt der ,.J. dass ein jüdischer Staat mit verschiedenen religiösen Ansichten doch wohl ebensogut existieren könnte, wie England mit seinen so überaus verschiedenen Bekenntnissen und an obigem Beispiele nachgewiesenen (Kontrasten in Glaubenssachen. Das Blatt bemerkt weiter, dass z. B. der Herzog von Northumberland Jrvingianer sei, während seine nächsten Anverwandten, wie der Herzog von Argyll und der Marquis von Lorne und deren Geschwister zu den strengsten Anhängern der Presbyterier gehören, und doch in freundschaftlichsten Verhältnissen zueinander stehen. Gleiche Toleranzverhältnisse sollten auch unter uns Juden vorhanden sein. — Ja — sollten, aber.... Ueber den in unserer vorvorigen Nummer kurz erwähnten Scandal iu der belgischen Deputiertenkammer ist noch ergänzend zu bemerken, dass, wie der stenographische Kammerberrcht darthut, der eine Refus des Staatsbürgerrechts einen Nichtjuden betraf, der zufällig einen „jüdischen" Vornamen hat und ein „Liberaler" ist. Der uf der Angelegenheit interpellierte Minister Woeste, Ghef der Katholischen Partei, erklärte trocken, dass ihn die Sache nicht weiter kümmere, da es sich um eine geheime Abstimmung handle. Es ist das ein großer Erfolg des in der katholischen Majorität verkörperten belgischen Antisemitismus, der die sogenannte Freiheit und Gleichheit der Belgier zu einer Farce herabgewürdigt und dem belgischen Wappenspruch „L’union fait la torae- (Einigkeit macht stark) einen argen Stoß versetzt hat. Soeben erscheint ein provisorischer statistischer Bericht des Vereinigte-Staaten-Einwanderungs-Eommissärs pro 1897, aus dem die interessante Thatsache zu entnehmen ist, dass im be- C18D