Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Article
- Wien
- Date
- 1899-01-27
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 4 CimsMiMM Oesterreich-Ungarn. Wien. Oeffentlichkeit und Presse sind Eorrelata. Aus zwei Elementen lassen sich nur zwei Combinationen bilden, und so sind auch zwischen jenen zwei Correlatgliedern nur zwei Verhältnisse möglich. Nämlich, es lebt entweder die Oeffentlichkeit von der Presse, oder die Presse lebt von der Oeffentlichkeit. Der letztere Fall tritt überall dort ein, wo die im Tagesleben erscheinenden Dinge so natürlich und bedeutend sind, dass die Zeitung an sie herantreten muss, wenn sie ihrer Aufgabe treu bleiben und den Lesern das vermitteln will, was sie zu wissen und zu erfahren wünschen. Dann ist die Zeitungswelt die sccnndäre, die wirkliche Welt die primäre, die erste bloße Spiegelung der zweiten und ohne sie undenkbar. Es ist aber auch der Fall möglich, dass die Oeffentlichkeit keine wäre, wenn es keine Presse gäbe. Dann erhebt sich die Zeitung zum Range einer primären Welt, sie ist kein Spiegel wirklichen Lebens, sondern spiegelt es bloß vor. Schwerlich wird man ein typischeres Muster für diesen zweiten Fall finden können, als die Oeffentlichkeit, deren sich die Wiener Cultusgemeinde statutarisch berühmt, und die in den allgemein zugänglichen Cultussitzungen zum Ausdrucke kommen möchte. Kommen möchte, aber nicht wirklich kommt, denn diese Sitzungen haben kein oder nur ein sehr spärliches Auditorium, und erst aus den Berichten, die darüber in gewissen jüdischen Blättern erscheinen, erfährt die Mehrheit der Gemeindemitglieder, dass über sie zurathe gesessen wurde. Um ein Parlament, ja selbst schon um einen einfachen Verwaltungskörper muss es sehr schlecht stehen, wenn seine durch die Verfassung einfür allemal eingeladenen Gaste ausbleiben, seine Oeffentlichkeit also bloß von der Veröffentlichung abhängt. Woher kommt es aber, dass die Wiener Juden dem Treiben und Gebaren ihrer Repräsentanz so wenig factisches Interesse entgegenbringen? Wenn nicht hie und da eine Klage wegen der Cultnssteuerbemessung einigen Lärm machte, so könnte man wahrhaftig den Venediger Rath, der bekanntlich im Geheimen tagte, zur Vergleichung heranziehen. Wir glauben, das kommt daher, weil der Wiener Cultusvorstand die beschränkte Hausnnd Tempelpolitik der Wiener Judenschaft macht, anstatt einer wirklichen V o lksp o litik, die sich ganz gut mit der peinlichsten Wahrung der materiellen Verhältnisse vertragen könnte. Volkspolitik, das heißt vor allem, den breiren Massen nicht bloß vorstcheu, sondern auch sie verstehen und leiten. Und das heißt ferner eine Politik des jüdischen Volkes, das ja auch außerhalb der Wiener Pfähle und selbst über die schwarzgelben Pfähle hinaus, bis zu so weit exponierten Punkten, als es Palästina und Basel sind, lebt itub leidet. Tie fleißige Behandlung der Khilla - Angelegenheiten im engsten Sinne nimmt sich pygmäenhaft aus gerade inmitten eines Staates, dessen kleinste Gemeinden ihre kleinen Affairen mit beit großen Fragen des Tages in Zusammenhang bringen. Wieviel Sitzungen abgehalten, wieviel Schriftstücke erledigt werden, mag lür Bureoukraten und Statistiker Gegenstand heimlicher Studien bilden, ergreift aber die Allgemeinheit so wenig, dass wir uns mit unserer Cnltusgemeinde ebenso berechtigt beschäftigen können, wenn sie eine Sitzung abgehalten hat, als wenn dies nicht der Fall gewesen. Was aber die Meinung der Gemeindeführer in den Lebensfragen des Volkes sei, das interessiert jeden, den Armen wie den Reichen, den Gebildeten w.e den Ungebildeten. 'Nur iu einer Politik der offenen Augen und der weltweiten Herzen, wie sie erst diese Woche wieder in dem Vortrage Nord aus entwickelt wurde, liegt das Heilmittel und die Gesundung. Solange die Wiener Cultusgemeittde sich sträubt, das einzusehen, werden ihre Oeffentlichkeiten eigentlich nur Heimlichkeiten sein, die veröffentlicht werden. Und das in nothhelferischen Organen, die heimlich am Leben erhalten werden, dafür, dass sie einer Oeffentlichkeit das Leben schenken. Brünn. Nicht wie sonst unter vollster Theilnahmslosigkeit der Cultuswähler hat sich der neugewählte Cultusvorstand constituiert, an dessen Spitze abermals Herr Jul. R. v. Gomperz steht. Er ist, wie bekannt, vielfacher Millionär und Großindustrieller, nebenbei Präsident der Brünner Handels- und Gewerbekammer, Laudtagsabgeordneter, Herrenhausmitglied, selbstverständlich Verwaltungsrath etlicher Actiengesellschaften, Brünner Gemeinderath rc. Den Herren Wahlmachern jedoch scheint es nebensächlich au sein, ob Herr Gomperz unter solchen Umständen genug Zeit findet, sich auch um Cultusangelegenheiten ein kleinwenig zu bekümmern. Voit einer intensiven Bethätigung kann bei ihm ohnehin keine Re. e sein. Was kümmert denn diese Leute die notorische Gleichgiltigkeit, mit der Herr Gomperz alle jüdischen Cnltusangelegenheiten behandelt? Was kümmern sie sich darum, dass Herr Gomperz eine Sitzung nur in den äußersten Fällen besucht, in den Tempel auch dann nicht geht, wenn er es seinem Amte schuldig ist? Wahrlich, es gehört viel Math, viel Verachtung der jüdischen Bevölkerung und ihres Willens dazu, einem Manne das Amt des Cultusvorstehers zu übertragen, der alles, nur kein Jude ist. Allerdings, für die Brünner Assimilantenclique, die aus Fabrikanten und Großcapitalisten sich zusammensetzt, bedeutet bei einem so hochgestellten Herrn die Annahme eines „israelitischen Mandates" allein — eine jüdische That. Allein die große Mehrheit der Brünner Juden sieht diese Wahl und die ganze Thätigkeit des Cultusvorstandes als eine Proskynesis vor dem Mammon an. Denn dem äußeren Glanze folgt eine positive innere Arbeit nicht. Die pflichtgemäße Vertretung unserer jüdischen wirtschaftlichen und nationalen Interessen fehlt im Programme unserer Gemeindeväter. Der Umstand aber, dass selbst in nichtzionistischen Kreisen viele, sehr viele die neueste Rollmvertheilung mit Kopfschütteln und Bedenken ausgenommen haben, ist ein Beweis, dass die guten alten Zeiten für unsere erbgesessenen Gemeindeväter vorüber sind. Ihre Ruhe ist bedenklich gestört, ihr Machtgefühl hat einen bedeutenden Stoß erlitten. Siehe letzte Wahl! — Die heutige Lage der Juden kann an der Spitze nur „klangvolle" Namen mit vollen Taschen, aber wenig jüdischem Sinne nicht verdauen, sie braucht „j ü di s ch e M änn er". R. N. Italien. Padua. Hier verschied vor einigen Tagen D r. J esaias L uz a tt o, der Sohn eines der bedeutendsten jüdischen Gelehrten unseres Jahrhunderts, S. D. Luzzatos. Als Notar nahm Dr. Luzatto eine geachtete Stellung in der hiesigen Gesellschaft ein, und als Jude machte er sich besonders durch seine hervorragende Theilnahme an allem, was die jüdische Gemeinde betraf, verdient. Seinen Sinn für die jüdische Wissenschaft bekundete er durch die sorgfältige und durch eigene Bemerkungen vermehrte Herausgabe der hinterlassenen Schriften seines berühmten Vaters. Er wurde gerade zu einer Zeit geboren, als sein Vater seinen Jesaias- Eommentar beendigt hatte, und nach diesem Werke erhielt der Neugeborene den Namen Jesaias, ebenso wie sein Bruder nach dem vor seiner Geburt beendeten Werke „Üliew Ger“' benannt wurde. Im nächsten Jahre wird voraussichtlich das hundertjährige Jubiläum S. D. Luzattos gefeiert werden, wobei sich die Jüdischuationalen ganz besonders betheiiigeu dürften, da ja Luzatto schon zur Zeit, wo der Assimilationswahn alle Sinne berauschte, als echter jüdischnationaler Kämpfer nach allen Seiten einen Kampf führte, der bis heute schon manchen Sieg errungen hat. Leider war es seinem Sohne nicht vergönnt, diese Feier mitzuerleben. M. Russland. Petersburg, im December 1898. Auch die kalte russische Hauptstadt will nicht länger eine gleichgiltige Zuschauerin des Wachsthums der zionistischen Bewegung bleiben. Die kleine zionistische Schar hat sich muthig an die Arbeit gemacht. Die hiesige jüdische Intelligenz, stark materialistisch gesinnt, ist schwer für eine idealistische Strömung zu gewinnen, wo weder Gehälter, noch Tsetins und Orden winken, wo man im Gegentheil am Altar seines Volkes Opfer niederlegen muss. Wir, die ihren schweren Daseinskampf tagtäglich beobachten, wollen sie trotzdem nicht zu hart tadeln, da zionistischerseits bisnun wenig geschehen ist, diese Intelligenz eines Besseren zu belehren. Als erste politische That, außer dem Referate des Herrn M. Margolin „Meine Reise nach Palästina", ist der verwirklichte Beschluss zu betrachten, an die halbjährige Andachtsfeier für die seligen Herren Rabbi Mohilewer und Pros. S ch a p i r a eine Agitationsrede des Maggid Herrn I. Nissenbaum aus Bialystok anzuknüpsen.