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Die Welt · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Article
Max Nordau in Wien
Date
1899-01-27
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 JPk^WöC Seite. 11 dessen Pathos bemisst, ein angenehmes Vertrauen wach. So fand denn Nordau einen ungeheuren Beifall. Die markantesten Stellen seiner Rede wurden mit stürmischem Applaus und Zuruf unterbrochen. Als Nordau zum Schlüsse von brausendem Beifalle umrauscht die Rednerbühne verließ und sich in eine Loge begab, ruhte das Publicum nicht eher, als bis er sich noch einmal auf der Tribüne zeigte, um von tausend applaudierenden Händen den Dank für den Abend entgegenzunehmen. Der Riesensaal war bis auf das letzte Plätzchen besetzt; der Name Max Nordau hatte jüdische Gesellschaftskreise, die einem Vortragstitel ä'la „Strömungen im Judenthum" sonst mit hoch aufgeschlagenem Rockkragen in weitem Bogen aus dem Wege gehen, in den Musikvereinssaal geführt. Im großen ganzen waren folgende Schattierungen von Juden vertreten. Also zunächst die Zionisten. Daran zu erkennen, dass sie von allem Anfang mit deutlicher Voreingenommenheit dem Redner zujubelten. Dann eine zweite Gruppe, Antizionisten, die sich schon im vorhinein klar waren, dass Nordau sie nicht überzeugen werde, und beim begrüßenden Applaus die Hände hartnäckig in den Schoß legten. Dann eine dritte Gruppe, die Neutralen, die gänzlich Naiven, die vom Zionismus überhaupt nichts wussten und aus verschiedenen Motiven in den Musikvereinssaal gegangen waren. Aus Neugier, aus Interesse für die literarische Person Nordaus oder mit der Absicht, sich über Zionismus zu unterrichten und dergleichen. Homer macht die Schönheit der Helena dadurch klar, dass er uns Greise vorführt, die von ihrem Anblick entzückt, überwältigt waren. Man kann die Vorzüge von Nordaus Rede dadurch am besten, schildern, wenn man angibt, dass Wiener Juden, die entweder als Gegner des Zionismus oder als Indifferente in den Musikvereinssaal kamen, von der Rede schließlich entzückt und überwältigt waren. Und in der That war genau wahrzunehmen, wie von den beiden letzten Gruppen von Zuhörern sich Fähnlein auf Fähnlein loslöste und unter stürmischem Applaus in das zionsfreundliche Lager desertierte. Nicht selten war derAp plaus des bösen Gewissens zu beobachten. Ein demonstrativerBeifall, der an Stellen einsetzte, wo die Zionsgegner nicht gar Schmeichelhaftes zil hören bekamen. Der Applaus sollte zeigen, dass sie die anzüglichen Bemerkungen durchaus nicht auf sich beziehen und sich keineswegs betroffen fühlen. Ganz im Gegentheil. — Es waren Vorgänge, die uns lebhaft an die Premiere des „Neuen Ghettos" erinnerten. Die schönste Ovation, die das Publicum dem Redner bereitete, unbewusst bereitete, war eine lautlose Kundgebung, die knapp am Ende des Vortrages erfolgte. Nordau hatte geendet. Nicht abfallend, versickernd, sondern mit dem gleichen Feuer, wie er begonnen, obwohl zwischen Beginn und Schluss der Rede eineinhalb Stunden lagen. So kam es, dass für den ersten Moment das Publicum den Schluss nicht merkte und sitzen blieb. Auf allen Gesichtern der Wunsch: Fortsetzung! Fortsetzung! Dann erst, nach einer kleinen Weile, brach der Applaus los. Der Abschied, den das Publicum von einem Redner nimmt, charakterisiert am deutlichsten die ganze Rede. Das Publicum des Musikvereinssaales hat sich widerstrebend von Nordau getrennt, der Abschied kam zu früh und unerwünscht. Und als Nordau doch gieng, da rief das Publicum seinen Redner noch einmal zurück. Dieser Abschied ist ein schmeichelhaftes Zeugnis für beide Theile. Nach Schluss des Bortrages zeigte sich ein merkwürdiges Phänomen. Es giengen ungefähr doppelt soviel Zionisten weg, als in den Saal gekommen waren. Dieses sonderbare Cagliostrostückchen hat Nordau auf dem Gewissen. R. Das Nordaubankett. Nach dem Bortrage begaben sich die in Wien zu wichtigen Conferenzen weilenden Mitglieder des großen Actionscomites nebst allen Wiener Mitgliedern des Comites zu dem Bankette, das zu Ehren Nordaus im Restaurant Khuner veranstaltet wurde. Der prächtige Saal war verschwenderisch beleuchtet, die Tafel festlich geschmückt. In allen Teilnehmern wogte noch mächtig die freudige Erregung, in welche sie der Vortrag versetzt hatte. Das kam auch in dem Toaste zum Ausdruck, den Doctor Herzl im Namen des Comites sprach. „So oft ich unseren verehrten großen Freund sprechen höre", sagte Herzl beiläufig, „habe ich den tiefsten Eindruck seiner Persönlichkeit empfangen. Dieser seltene Mann beherrscht alle Register der Sprache, wie er alle des Geistes in wundervoller Weise meistert. Und doch, in seinen Reden ist es ein Ton vor allen, der, mir wenigstens, immer wieder in den Ohren klingt, es ist dies eine Art Trompetenton, scharf, bestimmt, bis ins Innerste dringend. Auch heute habe ich wieder diese Empfindung gehabt, als ich die glänzende Rede hörte, unter deren mächtigem Eindrücke wir jetzt noch so unmittelbar stehen. Die Rede, trotz der Reserven, die ich mir für meine Person Vorbehalte, ein Meisterstück, wie wir es ja von ihm gewohnt sind, wird uns hoffentlich in Wien manchen Freund gewonnen haben. Ich bin, wie Sie begreifen werden, heute zu bewegt und auch zu ermüdet durch die Arbeiten der letzten Zeit, um unseren lieben Freund in längerer Rede zu feiern. Ich glaube aber, ich spreche aus Ihrer aller Herzen, wenn ich mit den Worten schließe: Unser treuer, unser großer Nordau, er lebe hoch!" Der Toast Dr. Herzls erregte die jubelnde Zustimmung der Anwesenden. Alles drängte sich zu dem Helden des Abends, um mit ihm anzustoßen, ihm nochmals die Hand zu drücken. Nordau dankte in kurzen Worten. „Das Concert ist zu Ende," sagte er, „nur noch der einzelne, süße Ton der Flöte, der Schalmei, ist vernehmbar. Es ist nicht leicht, vor einem Publicum, das die höchsten Ansprüche stellt, eine l'/.^stündige Rede zn halten, aber es ist viel leichter, als das Lob dafür zu ertragen. Noch dazu, wenn das Lob aus solchem Munde kommt, wenn es unser „fester" Führer ist, der es spendet. Wenn ich in diesen Augenblicken in mein Gemüth Einkehr halte, so muss ich mir sagen, dass es drei Dinge sind, die mich immer wieder anspornen, immer vorwärts treiben. Es ist meine Begeisterung für unsere große Sache, mein fester Glaube an die Möglichkeit ihrer Realisierung, es sind die Bande der Freundschaft, die mich mit allen denen verknüpfen, die ihr ganzes Leben für diese unsere Idee einsetzen. So finde ich mein größtes Lob in meinem Inneren selber. Seien Sie bedankt für Ihre freundliche Gesinnung und lassen Sie uns weiter alle unsere Kräfte unserem großen, edlen Werke weihen." Diese Worte erwecken von neuem einen Beifallssturm und gaben zu immer sich wiederholenden Ovationen für Nordau Veranlassung. Dann folgte noch eine Reihe von Toasten, welche von den Herren Dr. Alkalay, L. Taubes, Dr. S ch n i r e r (auf die auswärtigen Mit-' glieder des Actionscomitös), Prof. Dr. Man d elstamm (auf die in großer Zahl anwesenden Damen), James L o e w e (auf Frau Dr. Herzl und Frau Wolffsohn), Dr. I e l s k i, I. H. E l l m a n n, Dr. L. K a h n und med. Upri nt n y gehalten wurden. Der kurze, schlichte Toast E l l m a n n s auf Dr. H e r z l war einer der Glanzpunkte des Abends. Der Redner, selber tiefbewegt, sprach in warmen, herzlichen Worten dem Führer den Dank aus für alles, was er bisher schon gethan, und gelobte ihm im Namen der Zionisten treue Gefolgschaft und ehrliche Mitarbeit. Dr. Herzl wurde von allen Theilnehmern des Banketts stürmisch acclamiert und konnte sich den Ovationen nur entziehen, indem er die Teilnehmer aufmerksam machte, dass am nächsten Tage eine der wichtigsten Conferenzen stattfiude, weshalb er bitte, die schöne Feier zu beendigen. Dieser Appell wurde befolgt, und so war dieses schöne Fest gegen Mitternacht zu Ende. P

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