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Die Welt · 1899-01-27 · 4 (27.1.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
4 (27.1.1899)
Article
Richtigstellung des stenographischen Protokolles des II. Zionisten-Congresses
Date
1899-01-27
Page
10 (sequence 1)
Language
German
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Seite 10 Nr. 4 Richtigstellung des stenographischen Protokolles des II. Zionisten-Congreffes. Ueber Beschwerde des Herrn Benjamin N. S p i r a, betreffend einige auf seine Delegiertenwahl sich beziehenden Jrrthümer, ist das Actionscomittz-Mitglied Herr Dr. Leopold Kahn mit der Untersuchung des Falles betraut worden, und sind demselben die Wahlprotokolle und alle darauf bezüglichen Schriften, ebenso wie die nachträglich eingelangten Atteste der Beisitzer und Schriftführer, endlich ein vom Rabbinate bestätigtes Zeugnis zur Verfügung gestellt worden. Es stellte sich nach genauer Prüfung des Falles heraus, dass die Mittheilung Seite 178 des Protokolles, dass Herr Benjamin N. Spira selber drei Stimmzettel gelegentlich der Stichwahl in die Urne geworfen, unrichtig wiedergegeben ist, da dies von einem anderen Anwesenden geschehen, ohne dass ein zureichender Grund vorliegt, anzunehmen, dass er dies im Einverständnisse mit dein genannten Candidaten gethan hätte, ferner ist durch den Umstand, dass ein Schekelzahler den Wahlzettel erst einen Tag nach der Wahl erhalten haben soll, keineswegs festgestellt, dass nicht alle Wahlzelle! an die Berechtigten abgesendet wurden, endlich war das Wahlergebnis 15 zu 17 wohl beim ersten Wahlgange, jedoch nicht beim zweiten Wahlgange, der mit Rücksicht auf den erwähnten Vorfall überhaupt nicht als rechtsgiltig angesehen werden konnte. In dem stenographischen Protokolle konimt an späterer Stelle auch in der Rede des Delegierten Schach die Mittheilung vor, „dass die Wähler nie ein Schekelbuch und nie Blocks besessen hätten", woran allein die Berechtigung zu einer Delegiertenwahl geknüpft war. Diese Mittheilung bezieht sich auf den zweiten Fall aus Buenos Ayres, jedoch nicht auf Krakau. — Dem Herrn Benjamin N. Spira ist seitens des Actionscomitös mittelst besonderen Briefes das Bedauern über diese eingeschlichenen Jrrthümer ausgedrückt worden. P fttmr Nordair in Wien. 25. Jänner. Es war ein doller Erfolg. Die mächtigen Worte, die da im „Musikvereinssaale* von der Rednerbühne wie ein reinigendes Gewitter auf das tausendköpfige Publicum uiedergiengen, werden gewiss in der Wiener Jndenschaft noch lange nachhallend weiterschwingen. Max Nordau sprach, wie — wiewir suchen nach einem passenden Vergleich, der die Vorzüge der Rede ins helle Licht setzen soll — Max Nordau sprach, wie in Basel. Es ist wohl das höchste Lob für einen Vortrag, wenn man von ihm behaupten kann, er habe in dem rings von Wiener Juden eingesäumten Zuhörer Baseler Stimmungsreminiscenzen zu erwecken vermocht. Die Verteidigungsrede, die Max Nordau dem Zionismus hielt, war in die Form einer Anklage gekleidet, die sich gegen die Feinde des Zionismus richtete. Sie waren alle zum Sprechen — respective zum Protestieren — ähnlich getroffen, die Herren. Die Feisten und die Dreisten, die Millionäre und die Protestrabbiner, wurden eingehend beleuchtet, äußerlich und innerlich. Der Arzt Nordau sah ihnen in den Hals: — „Bitte, sagen Sie „A". Und dann wurde das Protest-„A" von Nordau in die einzelnen Tonelemente aufgelöst und ihr Missklang nachgewiesen. Das Verhalten der antizionistischen „Geldsäcke" charakterisierte Nordau ungefähr in folgender Weise: In der Gegenwart fühlen sie den Antisemitismus wenig oder gar nicht. Vor der Zukunft verschließen sie krampfhaft die Augen oder hoffen, dass neue Katastrophen, die über das Judenthnm Hereinbrechen werden, sie nicht mehr als Juden antreffen werden. Sie haben die Zusammengehörigkeit mit dem jüdischen Volke gelöst und sind empört über die Zionisten, die wieder ein Band um alle Nachkommen Abrahams zu schlingen unternommen haben. Sie meinen, der Antisemitismus, soweit er sie berühren kann, werde von selbst aufhören, wenn den letzten Juden des Ostens der Eintritt verweigert wird. Und sie behaupten, dass wir den guten, harmlosen Antisemiten böse Gedanken einflüstern, indem wir sagen, es genügt, dass irgendwo in der Welt rechtlose, unterdrückte Juden leben, um den Antisemitismus nicht nur dort, sondern überall zu erhalten. Diese antizionistischen Juden können nicht als Vertreter der Judenheit angesehen werden. Ebensowenig die Protestrabbiner. Das Groteske, das unserer antizionistischen Clerisei anhaftet, wurde von Nordau in drastischer Weise herausgemeißelt, und der Anblick, der Protestkutten, die vor den Augen des Publicums entfaltet und ausgeklopft wurden, war höchst amüsant. Von dem Geldsacke und Talare, den verschwägerten Insignien des niedrigen Antizionismus, wandte sich Nordau zu einer zweiten Gruppe von Antizionisten, über die der Zionismus nicht mit leichtem Verzichte zur Tagesordnung übergehen könne, zu den antizionistischen Arbeitern. Nordau zeigte, dass sowohl die materiellen, als auch die moralischen Bestrebungen der unterdrückten Arbeiterschaft nicht nur in keinem Gegensätze zum Zionismus stehen, sondern im Gegentheil vom Zionismus die weitgehendste Realisierung erwarten können: „Möchten die jüdischen Proletarier, die Theoretiker des Socialismus, unsere Worte hören und beherzigen. Der Zionismus arbeitet für sie und kann ihre Mitwirkung nicht entbehren. Au den kernfaulen jüdischen Decadenten, an diesen verkommenen Nachäffern einer theils toll, theils blödsinnig gewordenen Zeitmode liegt uns nichts. Sie mögen verwesen, wo sie sind. W.hl aber liegt uns an den socialistischen Enthusiasten. Sie haben ein Ideal; sie haben Glauben an Zukunft und Entwicklung: sie haben Sittlichkeit und Thatkraft; gerade das, was zu einen Zionisten erforderlich ist. Alles, was sie sind, können sic als Zionisten sein, und so gewiss ihnen ihre Verleugnung des Judenthums, die sie missverständlich für eine Vorbedingung ihres Socialismus halten, bittere Enttäuschungen bereiten wird, so gewiss können sie im Zionismus allen ihren Idealen nachleben, sich zur Befriedigung, ihrer Weltanschauung zur Ehre, ihrem rechtlosen, proletarisierteu Stamme zum Heile." — Nordau, mit dem die renommiertesten Rede- Matadore, beispielsweise des niederösterreichischen Parlaments, keinen Vergleich aushalten können, beherrschte mit seiner markigen, scharfpointierten Sprechweise den gewaltigen Musikvereinssaal in seiner gesammten Ausdehnung. Bei seinem heutigen Vortrage hat Nordau sein Talent, das Publicum zu fesseln, wieder glänzend bewiesen. Schon in dem Tone seiner Worte hat er ein kategorisches Etwas, ungefähr so: „Ich verbiete Ihnen die Langweile! Sie haben die strengste Pflicht, mir mit peinlicher Aufmerksamkeit zu folgen! Verstanden?" —-- Die eindringliche, plastische Art des Vortragens ist bei den Reden Nordaus übrigens eine nothwendige Folge ihres Inhaltes. Wo kein überflüssiges Beiwerk ist, wo jeder Gebcxnfe, jede Wendung, jedes Bild ein vielsagendes, unentbehrliches Glied in der ganzen Gedankenkette darstellt, da darf eben dem Zuhörer keine Silbe verloren gehen. Wichtiges theilt man mit ausdrücklicher Sorgfalt mit. Dazu kommt, dass Nordau mit Vorliebe die polemisierende Form wählt, was die Aufmerksamkeit des Publicums naturgemäß stets in Spannung'erhält. So bei dem heutigem Vortrage. Er erklärt den Zionismus, indem er dessen Gegner angreift, er zerfleischt den Antizionisten, und aus seinen Fragmenten construiert er für den Zuschauer den Zionisten, er baut auf mit Sturmböcken — es sind Synthesen, die Analysen sind. Die Schadenfreude, die der Zuhörer angesichts der zerzausten Protestrabbiner empfindet, erhält ihn gespannt und angeregt. Mit seinem nüchternen Pathos weiß Nordau den Zuhörer zugleich zu überzeugen und zu erschüttern. Auch wenn er die stärksten, gefühlvollsten Töne anschlägt, merkt man hinter ihnen den kritisierenden Verstand, der sie reguliert und bewacht; das ruft im Hörer, der die Creditfähigkeit eines Redners nach dessen Nüchternheit und die Aufrichtigkeit des Redners nach

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