Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Article
- Versöhnung durch den Zionismus
- Date
- 1899-01-27
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette ß J*#Wdr Nr. 4 übereinstimmen, wenn er die versöhnende Kraft des Zionismus hervortzebt? Professor Heinann schreibt; . . Es ist ihnen (den Zionisten) viel daran gekegen, zwischen Christen und Juden ein freundlicheres Verhältnis als bisher herzustellen, und es scheint ihnen auch wirklich zu gelingen; denn ihre Bestrebungen haben schon unter zahlreichen Christen rege Sympathie und thatkraftige Unterstützung gefunden. Natürlich sind es nicht die Namenchristen, die ihnen mit Theilnahme entgegenkommen, sondern die wirklichen, an die Offenbarungen Gottes und seine Verheißungen für Israel gläubigen Christen. Die haben ja schon lange dem jüdischen Volke ihr Interesse zugewandt und schon längst auf ein geistiges Erwachen und eine neue Lebensbewegung dieses Volkes gewartet. Die Christen Basels sind in dieser Beziehung nicht zurückgeblieben, sondern haben von Anfang an die neue Bewegung und das Zustandekommen des Congreffes in Basel unterstützt und gefördert. Und hier darf wohl eines Mannes gedacht werden, der gerade in diesen Tagen rasch von hinnen gerufen ward. Es ist der christliche Berlagsbuchhändler Paul Kober, der auf der Reise nach Jerusalem zur Einweihung der Erlöserkirche unerwartet auf der Rhede von Alexandria einem Herzschlage erlegen ist. Dieser Mann nahm das innigste Interesse an Jerusalem und dem jüdischen Volke seit vielen Jahren, und als der Gedanke auftauchte, den ersten Congress in Basel zu halten, förderte er das Zustandekommen kräftig und öffnete in hochherziger Weise sein Haus zur Aufnahme einiger jüdischer Gäste. Ein seltenes Beispiel echt christlicher Liebe zu Israel! Wie wertvoll für das Unternehmen solche Theilnahme echter Christen für sie sei, haben die Zionisten alsbald erkannt und gewürdigt. Wie unendlich wichtig und förderlich wäre es für sie, wenn ihre Sache durch die wirkungsvolle Sympathien aller wahren Christen unterstützt würde! Daher hat auch bei dem zweiten Congress wieder der Präsident in seiner Eröffnungrede darauf hingewiesen, wie willkommen und nothwendig ihnen die Freundschaft der christlichen Zionisten sei, und dass sie die ihnen freundlich entgegengestreckten Hände gerne ergreifen und die Sympathien der nichtjüdischen Wett für ihre Bestrebungen herbeiwünschen. Es zeigt sich in der That, dass dem Zionismus eine versöhnende Kraft innewohnt. Während bisher Christen und Juden sich immer kalt, misstrauisch, feindlich gegenüberstanden und von freundlichen Gesinnungen gegenseitig keine Rede sein konnte, ist der Zionismus ein Boden, wo beide einander können verstehen und achten lernen. Gegenüber dem bisherigen Verhältnis zwischen Juden und Christen ist dies schon ein großer Fortschritt. Gerade weil die Zionisten Juden sein und sich nicht wre Asstmilanten in die andern Völker mehr eindrängen wollen, auch dem Christenthum sich nicht feindselig und gehässig gegenüberstellen, gewinnen sie die Achtung auch der Christen. Die Annäherung zwischen Christen und Juden braucht ja nicht gleich eine religiöse zu sein, wenn sie nur eine moralische und allgemein menschliche social-humane ist, so ist das doch schon ein Gewinn für beide und wird gute Früchte bringen. Jedenfalls ist ein solches Verhältnis besser, als wenn Christen und Juden sich gegenseitig Haffen und verachtenwie dies bisher geschah. Die Juden beurtheiien die Religion der Christen nicht nach ihren Lehren, sondern nach dem thatsächlichen Verhalten ihrer Bekenner. Verhalten sich diese feindlich gegen sie, dann wollen sie von ihnen und ihrer Religion nichts wissen. Wir freuen uns darüber, dass die Zionisten weder so bigott und fanatisch, noch so indifferent und aufgeblasen sind, dass sie unsere christlichen Sympathien rurückweisen würden, wie es bisher sowohl die altorthodoxen, wie die modern aufgeklärten Juden gemacht haben. Wir freuen uns, dass ihnen unsere christlichen Sympathien, obgleich sie religiöser Natur sind, doch willkommen sind. Was können wir denn mehr erwarten, und Besseres wünschen? Die christlichen Völker haben durch ihr unchristliches Verhalten und ihre unchristlichen Thaten gegen die Juden schon so lange ihr Christenthum den Juden anstößig, gehässig und unsympathisch gemacht, da darf es uns wohl freuen, wenn Juden uns Christen einmal ohne Hass und ohne Furcht, ohne Verachtung und ohne Misstrauen entgegenkommen. Das wird ja doch wohl eher gute, als schlimme Wirkungen haben. Eine Besserung des unleidlichen Verhältnisses zwischen Christen und Juden muss ja wohl von beiden Seilen erstrebt werden und muss aus einem gemeinsamen Boden erwachsen. Die Idee Zions, der heiligen Gottesstadt, die uns und ihnen theuer ist, dürfte ein solcher gemeinsamer Boden werden. V Uiltertaffungssrinben und Missgriffe. Viel ist in Israel gesündigt worden, nicht zum wenigsten an der empfänglichen Jugend, welche unsere Hoffnung und Blüte ist. Familie und Schule haben in unserer Gemeinde förmlich darin gewetteifert, unser kostbarstes Gut, die Kinder, dem- Glauben und den Idealen unserer Väter zu entfremden. Nach dem Grundsätze: „Früh übt sich, wer ein Meister werden will" wurdeit die Kinder schon frühzeitig dazu angehalten, die Pfade der unseligen Assimilation, der Selbstentäußerung, der Charakterlosigkeit zu wandeln. Da das Beispiel in der Erziehung eine große Rolle spielt, bemühten sich die Eltern mit dem Aufgebot all ihrer Kräfte, aus der Haut zu fahren und nichts im Hause aufkommen zu lassen, was an die altehrwürdigen Traditionen des Judenthums erinnern könnte. Und die Religionsschule? Sie arbeitete der Familie geradezu in die Hände. Die Lehrer besaßen eine unzureichende Bildung, Methode war ihnen ein spanisches Dorf, und überdies fehlte es ihnen an festem Willen und sittlichem Ernste. Wie hätte es denn auch anders sein können? Zum Religionslehrer war gerade der gut genug, der im Kampfe ums Dasein Schiffbruch gelitten hatte und außerstande war, das Wrack seines Lebensschiffleins auszubessern und in einen andern Hafen zu steuern. So geschah alles, um der Jugend den Religionsunterricht zu verleiden. Sie wusste sich allerdings dafür weidlich zu entschädigen. Die Kinder, welche so überaus findig darin sind, die Schwächen ihrer Leiter und Erzieher auszukundschaften, fanden hier ein reiches Arbeitsfeld und wurden nicht müde, mit ihren Religionslehrern allen möglichen Ulk zu treiben und sie zur Zielscheibe belustigenden Spottes zu machen. Seither hat sich indes manches gebessert. Die Juden haben in ihrer Sucht nach Anpassung oder eigentlich richtiger gesagt, nach völliger Verschmelzung mit ihren christlichen Mitbürgern, nachgelassen. Sie thaten dies freilich zum großen Theile nicht auf Grund einer inneren Einkehr, welch: mit einer inneren A u s k e h r verbunden war, sondern der Noth gehorchend. Da sie von denjenigen, welchen sie sich um jeden Preis an den Hals werfen wollten, mit einer nichts zu wünschen übrig lassenden Deutlichkeit zurückgewiesen wurden, mussten sie sich bongre malgre in ihr Schicksal fügen und sich in das neue Ghetto zurückziehen. Der jüdische Geist regt und rührt sich nun allenthalben und setzt neue Triebe an. Es werden Vorträge über jüdische Wisseuschaft und Literatur veranstaltet, welche zahleich besucht werden, unbewusst zarte Keime in die Gemüther der Zuhörer senken und den Boden für eine Renaissance des Judenthums düngen. Die überwältigende Idee des Zionismus zieht allmählich immer weitere Kreise der hiesigen Judenschaft in ihren Bann und wird sich, dank der rastlosen Agitation und Organisation ihrer Apostel, hoffentlich in nicht zu ferner Zeit den Weg zu den Leitern der Gemeinde bahnen. Ihr Triumphzug steht sogar näher bevor, als wir heute ahnen. Hat doch schon jetzt ein Mann im Wiener Cultnsvorstande Sitz und Stimme, welchen nur eine schmale Spalte von den Zionisten trennt, da er sein Eintreten für dieselben an einzige Bedingung knüpfte. Es ist dies Director David Simon. Er dürfte wohl nichts dagegen haben, wenn wir ihn beim Worte nehmen. Wir erinnern uns genau, dass seine letzte Rede in der letzten Wählerversammlung, in welcher er rückhaltslos und wahrheitsgemäß die großen Verdienste des Zionismus um die Weckung des jüdischen Selbstbewusstseins schilderte, ungefähr in die Worte ausklang: „ . .. Wenn Sie mir den Beweis liefern, dass der Zionismus die Religion nicht gefährdet, bin ich gerne bereit, als Kämpfer in Ihre Reihen zu treten." In der Hitze des Gefechtes vergaß man daran, den Argwohn des Candidaten zu zerstreuen, und doch wäre der Beweis so leicht zu erbringen gewesen, dass er über den Zionismus sehr schlecht informiert sei. Hätten sich etwa Männer der strengsten Observanz, wie M o h i l e w e r, R n l f u. a., für ihn so begeistern, in ihm aufgehen können, wenn er ein Religionsschädling wäre? Auch mit dem Religionsunterrichte ist es jetzt verhältnismäßig besser bestellt. Wo früher wildes Chaos herrschte, macht sich ordnender Sinn bemerkbar. Doch bleibt des Guten noch immer viel zu thu» übrig, und es kommen manchmal geradezu unbegreifliche Dinge vor. Was soll man dazu sagen, dass der Cultusvorstand erst vom Unterrichtsministerium darauf aufmerksam gemacht werden muss, dass das gebräuchliche Lehrbuch der jüdischen Geschichte veraltet ist und den Anforderungen der moderne» Pädagogik nicht mehr entspricht? Es existiert eine eigene Section im Cultusvorstande, welche sich lediglich mit Unterrichtsangelegenheiten zu befassen hat, es sind vor vielen