Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 4 (27.1.1899)
- Article
- Aus Frankreich
- Date
- 1899-01-27
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 4 Sette 5 allen Häusern, allen Hotels war das besetz offichiert, an öffentsichen Gebäuden, Brunnen re. in Stein gegraben, und darüber oft noch die Inschrift: „Seid gütig gegen die Thiere!" Ja so, Sie werden nicht wissen, was das Gesetz Grammont bestraft. Nun, die Thierquälerei. Ein jedes, auch noch so leichte Vergehen gegen die Thiere soll angezeigt werden, damit der Missethäter, der sich an der Cultur, der Menschlichkeit, oder wenn Sie wollen, der Thierheit vergangen hat, sicher der Strafe nicht entgehe. Das hat mich wirklich ein wenig aufgeregt. Es ist mir wie ein absichtlicher Hohn vorgekommen, wenn ich an die gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich gedacht habe. Ich gestehe Ihnen, dass ich einen französischen Wvocaten aufsuchen wollte, um mich darüber zu berathen, ob nicht in der nächsten Kamwersitzung ein Antrag eingebracht werden könnte, dass das genannte Gesetz auch für misshandelte Menschen in Kraft treten solle. Ich hatte da außer den Freunden der Revision, außer Zola und Dreyfus, die Inden Frankreichs, vor allem aber die Juden Algiers im Auge. Ich bin aber von meinem Plane wieder abgekommen. Die Thierschutzvereine haben nämlich hohe Protectoren, die Dreyfusards und gar die Juden aber haben gerade diese hohen Pro.'ectoren gegen sich. Und bieje weichherzigen Männer und Frauen würden sich entrüstet wehren, wenn man etwa das humane Gesetz ans Geschöpfe ausdehnen sollte, welche doch sicherlich weit hinter Pferden, Eseln, Hunden und ähnlichen, treuen Hausgenossen zinückstehen. Diese Leute unterliegen offenbar nach der Anschauung der Franzosen denselben Gesetzen, wie etwa die Tauben, die ein treffliches Material für Schießübungen und Geldgewinste abgeben. Sie wissen ja. Zuerst werden sie in Gefängnisse eingesperrt — ich meine natürlich die Tauben — dann lässt man sie plötzlich frei, und wenn sie ihre Flügel gebrauchen und zur Sonne streben, dann holt man sie mit ein paar wohlgezielten Schüssen aus einer Art Hinterhalt herunter — und es gibt eine Menge Hunde, die bei diesem Vergnügen gute Dienste leisten. Wenn aber so ein Gefangener entkommt, dann ist er erst recht nicht gerettet. Denn außerhalb des Schützenplatzes lauern schon andere; und es ist ihr gutes Recht, die Entkommenen als ihr Eigenthum zu betrachten, wenn sie dieselben einfangen oder tödten können. Ich spreche natürlich von den Tauben. Das nenne ich Brüderlichkeit und Gleichheit! Ich habe den Franzosen wirklich ein wenig unrecht gethan. Wenn auch vor dem Gesetze Mensch und Thier nicht gleich sind, die rühmlichst bekannte Generosität der französischen Nation weiß da mit zarter Hand doch einen versöhnenden Zug in die harte Physiognomie der Gerechtigkeit zu bringen. Mit der „Gerechtigkeit" sind sie nämlich in Frankreich jetzt nicht ganz zufrieden. Diese alte Dame mit ihrer Krämerseele, die alles auf die Goldwage legen möchte, behagt ihnen schon lange nicht recht. Leider hat man ihre verbrieften Gerechtsame seinerzeit im Eonvent nicht energisch genug zu beseitigen verstanden. Wie schön wäre es gewesen, wenn Samson auch die Gerechtigkeit hätte köpfen können! Tie Augen waren ihr ja ohnedies schon verbunden. Aber man macht in Frankreich leider mit allem und jedem zu lange Processe. Wenn nicht hie und da aus den Nachbarreichen und aus den eigenen Kolonien ein frischer Zug ins alte Frankreich käme, dann wäre es wirklich ennuyant. So kann man doch noch manchmal eine angenehme Emotion durchmachen. Sind doch prächtige Kerle, diese braven Leute in Algier! Haben seit jeher Frankreich Gelegenheit gegeben, gloire zu ernten. Und wie dramatisch das immer zugieng! Ein Schlag mit dem Fliegenwedel ins Gesicht des französischen Consuls führte zur Eroberung Algeriens. Es war zwar immer ein bisschen unruhig da drunten. Aber gieng es nicht mit Geld und Kanonen, dann gab es immer originelle Köpfe ä la P 6 lisjier, denen es auf ein paar hundert Menschenleben und auf ein bisschen Bestialität nicht ankam. Andere Zeiten, andere Sitten. Heute räuchern die modernen Pelissiers die Juden nicht zutode, he..te sind sie menschlicher, heute machen sie die „Feinde des französischen Volkes" einfach rechtlos Md hungern ste aus. Dreiviertel der algerischen Juden sind ja ohnedies nichts anderes als Bettler, und mit dem letzten Viertel werden die Franzosen schon fertig werden. Das Wie ist ein offenes Geheimnis in Frankreich. Drumont hat es schon genug oft preisgegeben. Sie wissen doch> es heißt ja auch hier in solchen Fällen : Le secret de Policbinelle. Das Recept? Höchst einfach: Ä b s ch aff tz n g.. d e s . C r e in i e u x's ch e n D e e r e t s. . Die französischen Journale der „ Juiverie“, wie sich. besagter Polichinelle so ganz cornme chez nous au3bvü<ft/ haben immer behauptet, die . algerischen Delegationen werdtu jeden Angriff ans das Decret Eremieux entschieden abweisen. Nun, von den 48 Mitgliedern haben 32 in ewem Schreiben an den Gouverneur die Abschaffung des Decrets Eremieux mit rückwirkender Kraft verlangt. ' Zwanzig Deputierte aber fanden auch dieses Verlangen noch zu gering, obwohl sie es natürlich unterstützten. Sie richteten an den Gouverneur eine Adresse, in welcher sie darauf Hinweisen, dass der Antisemitismus nicht bei den Jüngst-Naturalisierten und bei der Jugend,, sondern, wie die Wahlen beweisen, bei der ganzen nichtjüdischen Bevölkerung Algiers Beifall fände. Sie verlangen die Aufhebung des Decretes Eremieux und aller seiner Folgen und versichern, dass der sociale Friede in Algier erst dann eintreten werde, wenn die Juden nicht mehr Bollbürger sein, würden. Die Leute haben nicht Unrecht. Bekanntlich hat Drumont bei der Wahl an die 16.000 Stimmen erhalten, während der gemäßigte Antisemit S a v a r y es kaum auf einige hundert gebracht hat. Die Regierung hat denn auch nachgegeben. Die Naturalisation soll erschwert, und die Listen der Wähler sollen revidiert werden. Ich wette, dass diese Revision viel rascher vor sich gehen wird, als die des Dreyfus-Processes. Und die factische Aufhebung des Decretes und die rückwirkende Kraft dieser Entscheidung? Mon Dieu! C’est le secret de Policliitielle. Man ist auch dafür zu Haben, wenn man nur erst die Form gefunden haben wird. Es muss mit einer gewissen Eleganz geschehen, womöglich unter dem Drucke eines Plebiscits oder infolge ungeheurer Kundgebungen. Und das kann man ja arrangieren. O, in Frankreich gibt es ausgezeichnete Regisseure! Was die Juden thun werden? Sie werden in Paris eine feierliche Verwahrung einlegen — lassen. Durch Nichtjuden natürlich, wenn es irgendwie angeht. Es gehört nicht zum guten Ton, wenn sich Inden in diese jüdischen Angelegenheiten mischen. Man muss objectiv sein. Die Juden werden schwerlich mit besonderer Verve für das Decret Eremieux kämpfen. Aber wehe, wenn es einer wagen sollte, bte loi Grainmont anzutasten. Da würden die Unterschriften der Juden an erster Stelle in den Protesten erscheinen, die Geldspenden zur Gegenagitation die höchsten Ziffern erreichen. Denn die Franzosen sind ein hochherziges Volk, die „jüdischen Franzosen" aber sind noch hochherziger, noch französischer. Vielleicht gehe ich doch noch zu dem Advocaten, um ihm meinen Plan auseinanderzusetzen. Nieder mit dem Cremieuxschen Decret! Das Gesetz Grammont ist auch ausnahmsweise für Juden giltig! Wenn nur die Berufsschützen nnd das lauernde Gesindel anß'rhalb der Schranken nicht Einspruch erheben werden. Geben Sie einen guten Rath Ihrem ergebenen Freunde Dr. Werner. P Uersichmmg durch de« Zionismus. Der bekannte christliche Zionsfreund Professor F. H emann in Basel hat neuerlich eine Studie „(£w Zionismus und der zweite Zionisteneongress" veröffentlicht. Leider können wir' diese vom reinsten Wohlwollen erfüllten Betrachtungen aus Räumrücksichten nicht in ihrem vollen Umfange wiedergeben. Selbstverständlich fassen wir manche Dinge anders auf, als Professor Hemann, aber wer von uns wird mit dem verehrten Verfasser nicht dankbar